Kaiser Franz Joseph und die Frauen (Teil 5)

 

Kaiser Franz Joseph, 1848, Foto: billerantik.at

Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph. Wer verehrt ihn nicht? In den Sissi-Filmen mit Romy Schneider ein herzensguter liebenswürdiger Mensch, der seine Frau verehrt und mit der Situation rund um Sissi und Erzherzogin Sophie überfordert ist. Sein Schauspiel hat zum Bild des realen Kaisers Franz Joseph viel beigetragen.

Leider ist auch hier vieles verklärt und die Sissi-Geschichte im Film ist so ganz anders, als die harte brutale Realität. Eine Realität, der ich hier auf die Sprünge helfen möchte. Ich zeige in meinem 5. Teil das Bild eines so ganz anderen Kaisers. Ein Kaiser, der ständig fremd ging und mehr oder weniger zahllose uneheliche Kinder gezeugt haben soll.

Zuerst aber noch ein kleines Vorwort von mir: Es gibt in der Literatur zahlreiche Gerüchte, die nicht belegt sind. Auch von Buchautoren. Ich habe mich für diesen Artikel in die gesamte Literatur – auch in die unbelegte – eingelesen. Es bleibt immer dem Leser selbst vorbehalten, was er glauben will oder mag. In diesem Sinne, beginnen wir nun von vorne:

Königin Elisabeth von Preußen, Foto: Wikimedia/Commons

Schon im zarten Alter von 14 Jahren verschaute sich Erzherzog Franz Joseph sehr unstandesgemäß in eine Hofdame seiner Tante Königin Elisabeth Ludovika, genannt „Elise“, von Preußen (*13.11.1801, †14.12.1873).

Bertha von Marwitz (*30.7.1817, †5.4.1879) hatte es dem jungen „Franzi“ angetan. Sophie schreibt besorgt in ihr Tagebuch: „Franzi ist in zarter Art und Weise mit Fräulein von Marwitz beschäftigt. Es ist das erste Mal, daß solch ein Gefühl in ihm erwacht. Ich kann den Eindruck nicht genügend beschreiben, den mir das gemacht hat. Dieser Bub, den ich noch für ein Kind hielt, geht plötzlich, ohne daß ich es merke, zu den Neigungen und den Gefühlen eines jungen Mannes über. Das ließ mich eine vage Unruhe wie eine peinliche Sensation empfinden und es scheint mir, als gehöre er mir nicht mehr so wie früher.“ (1)

1847 verliebte er sich in eine Hofdame von Großfürstin Helene Pawlowna, gebürtige Prinzessin Friederike Charlotte Marie von Württemberg (**9.1.1807, †9.11873). Leider blieb die Hofdame und Gesellschafterin in der Biographie von Karl und Michaela Vocelka unbenannt. Allerdings findet sich ein Tagebucheintrag seines Erziehers darin. Erzherzog Franz Joseph habe die Großfürstin, deren Tochter und besagte Hofdame alleine bei einem Mahl begleitet und habe den Erzieher ungebührlich lange warten lassen. Lächerlich wenn man es genau bedenkt, aber wahrscheinlich ein riesiger Skandal für den Erzieher, sonst hätte er es nicht erwähnt. 

Kaiser Franz Joseph war kein unbescholtenes Blatt mehr, als er seine Sisi das erste Mal näher betrachtete und sich entschied sie zu heiraten.

Rund um die Erzherzöge gab es „hygienische Damen“, welche extra ausgesucht wurden, um den jungen Männern die „Liebe zu lehren“. Graf Grünne übernahm die Auswahl für Franz Joseph, selbstverständlich nicht ohne Erzherzogin Sophie miteinzubeziehen. Hygienische Damen waren am Wiener Hof sehr angesehen. Diese Damen waren zwar (meist) nicht aus dem Adel, aber gesunde Witwen, mit einer animalischen Konstitution, die den Herren die Dinge beibrachten, die sie wissen sollten, um mit einer Ehefrau die erhofften Thronfolger zu zeugen. Bei Franz Joseph war es eine reife, üppige Dame aus Krems.

König Friedrich Wilhelm IV von Preußen Foto: Wikimedia/Commons

Eine brisante Äffäre hatte Kaiser Franz Joseph wohl 1848 mit Elisabeth Gräfin von Ugarte (*14.5.1822, †26.8.1896) welche bereits verheiratet war. Franz Joseph zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alt, verliebt sich während einem Faschingsball in jene Gräfin. Der Hof tuschelte enorm, als Franz Joseph ihr auf den folgenden Hofbällen sämtliche Tänze schenkte und sogar zweimal den Kotillon mit ihr tanzte. Sie berichtet einer Freundin: „…..da ich jedes Mal mit unserem deliziösen Kaiser tanze. Schon zweimal tanzten wir den Kotillon zusammen, was, wie Du Dir denken kannst, großes Aufsehen erregte und ma petite vanité doch etwas schmeichelte.  Ich bin, so wie alle, entzückt von unserem allerliebsten Monarchen, der alles, was man sich Gutes, Edles denken kann, in sich vereinigt.“ (2)

Hofdame Sophie Scharnhorst notierte: „Der Kaiser tanzte mit Ausnahme der Polka und Mazurka alles, engagierte seine Damen selbst mit der ihm angeborenen Courtoisie und machte jedesmal eine Glücklich. Zu diesen gehörte unsere kleine Ugarte, die er zur Kotillon-Tänzerin wählte. Sie strahlte vor Entzücken und ihr Gemahl war um sie beschäftigt wie die Henne mit den Kücheln.“ (3)

Als Franz Joseph besagte Gräfin auch noch „allein“ in die Hofburg einlud, war Erzherzogin Sophie einer Herzattacke nahe. Sie zitierte die junge, um 8 Jahre ältere Gräfin zu sich und legte ihr nahe Wien für immer zu verlassen. Gräfin Ugarte ist seitdem auch in der weiteren Literatur nirgends mehr zu finden.

In Olmütz, während der Revolution (1848), soll angeblich eine junge Dame der Grund gewesen sein, warum sich Franz Joseph immer gerne an diese Zeit im Exil zurückerinnerte. Näheres konnte ich auch mit besten Absichten nicht herausfinden.

Sophie hatte ab 1852 ernste Absichten ihren jungen Sohn, Kaiser von Österreich, standesgemäß und mit der besten Partie die sie finden konnte, zu verehelichen. Gefühle waren ihr dabei egal.

Prinzessin Anna von Preußen, Winterhalter 1858, Foto: Wikimedia/Commons

Sie ließ Kaiser Franz Joseph unter dem Aspekt „einer politischen Reise“ zu Tante Elise nach Berlin fahren. Wie bereits erwähnt, war Elisabeth eine Schwester von Erzherzogin Sophie und Herzogin Ludovika; somit die Tante von Kaiser Franz Joseph und der noch kleinen Sisi. Sie wurde mit Friedrich Wilhelm IV, König von Preußen (*15.10.1795, †2.1.1861) verheiratet; die Ehe blieb kinderlos. Kaiser Franz Joseph verliebte sich dort in die Nichte von König Friedrich, Prinzessin Marie Anna Friedericke von Preußen (*17.5.1836, †12.6.1918), welche aber bereits mit Prinz Friedrich Wilhelm (*26.11.1820, †14.10.1884) verlobt war.

Prinz Wilhelm I, Foto: Wikimedia/Commons

So sehr sich Elise bemühte, den König und die preußische Regierung zu einem Bündnis mit Österreich durch Heirat, umzustimmen, sie scheiterte kläglich. Sophie schrieb ihrer Schwester einen herzzerreißenden Brief: „… ob es keine Hoffnung gibt, daß diese traurige Heirat, die man dieser reizenden Anna auferlegt und keinerlei Aussicht auf Glück für sie übrigläßt, vermeiden könnte. … das Glück, das sich wie ein flüchtiger Traum gezeigt hat und sein junges Herz – hélas – viel stärker und viel tiefer beeindruckt hat, als ich es zunächst glaubte….Du kennst ihn genug, daß man seinem Geschmack nicht so leicht entsprechen kann und ihm nicht die nächste beste genügt, daß er das Wesen lieben können muß, die seine Gefährtin werden soll …. Allen diesen Bedingungen scheint Eure liebe Kleine zu entsprechen….“ (3a) 

Es half alles nichts, Elise brachte die Hochzeitspläne im Haus nicht durch. Prinz Wilhelm, späterer Kaiser Wilhelm I (*22.3.1797, †9.3.1888) meinte zur Absage sogar: „Wir Preußen beglückwünschen uns, daß Österreich seine Unterwerfung in unserer Hauptstadt bezeugt hat, ohne daß wir nur einen Fußbreit politischen Boden preisgegebenen haben.“ (4)

Erzherzogin Elisabeth, Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzog Karl Ferdinand, Foto: Wikimedia/Commons

Wirklich ernste Absichten hatte Kaiser Franz Joseph 1853 das erste Mal mit Erzherzogin Elisabeth Franziska Maria von Österreich-Este (*17.1.1831, †14.2.1903), der ungarischen Linie der Familie Habsburg. Doch Erzherzogin Sophie passte diese Verbindung überhaupt nicht, da sie mit den Ungarn nichts mehr zu tun haben wollte. Elisabeths (Halb) Bruder Erzherzog Stephan Franz Viktor von Österreich (*14.9.1817, †19.2.1867), Palatin von Ungarn, hatte sich während der 48er Revolution auf die Seite der Ungarn gestellt und wurde deshalb aus der Monarchie verbannt. Um Elisabeth und Franz Joseph nicht noch weiter auf dumme Gedanken zu bringen, verheiratete sie die junge Witwe kurzer Hand mit Erzherzog Karl Ferdinand von Österreich (*29.7.1818, †20.11.1874).

Was Sophie zu jener Zeit nicht ahnen konnte, aber mir im nachhinein ein kleines Lächeln auf die Lippen zaubert, ist die Tatsache, dass die Ehe mit Karl sehr glücklich wurde. Das Paar bekam 6 Kinder, u.a. jenen Erzherzog (Friedrich Maria) Albrecht (*4.6.1856, †30.12.1936), der später einmal Erzherzog Franz Ferdinand unverhofft zu seinem Glück verhelfen sollte. Erzherzog Albrecht heiratete Prinzessin Isabella Hedwig Franziska Natalia von Croy-Dülmen (*27.2.1856, †5.9.1931) die jene Hofdame beschäftigte, die als Sophie Gräfin von Chotek oder später Fürstin Sophie von Hohenberg in die Weltgeschichte eingehen sollte. Die Geschichte zu Erzherzog Franz Ferdinand und Fürstin Sophie von Hohenberg können Sie hier nachlesen. Aber ich schweife ab…

Erzherzog Stephan, Foto: Wikimedia/Commons

Wilde Spekulationen gibt es bis heute auch rund um das Libényi-Attentat (mein Beitrag kann hier nachgelesen werden). Angeblich hat Kaiser Franz Joseph in seinen jungen Jahren die Nähe der „Tänzerin“ Margit Libényi gesucht, weshalb es überhaupt zum Attentat(sversuch) kam. Margit Libényi soll die Schwester von Janos Libényi gewesen sein. Jenen Schneidergesellen, der den Attentatsversuch unternommen hat. Also ein Racheakt.

Die abstruse Geschichte, möchte ich euch im gesamten wiedergeben: „Monate vor dem Attentat war Kaiser Franz Joseph während eines Praterbesuches ein Mädchen aufgefallen, das vor einer Schaubude stand und die neugierigen Blicke des Monarchen heftig erwiderte. Um ihn noch mehr für sich zu interessieren, brachte es ihm eine temperamentvolle Csardars-Einlage dar. Der Kaiser ließ Erkundigungen über das Mädchen einholen und erfuhr, daß es eine Nichte des Budenbesitzerin, einer gewissen Frau Danzinger, war, Margit Libényi hieß und aus dem ungarischen Dorf Czakvar stammte. Im Laufe einer folgenden Bekanntschaft soll ihr Kaiser Franz Joseph auch eine Ausbildung als Tänzerin bezahlt haben.

Zu jener Zeit hatte einer der Brüder Kaiser Franz Josephs, Erzherzog (Ferdinand) Maximilian, der spätere Kaiser von Mexiko, das Libretto zu einer Oper verfaßt, deren Aufführung der Kaiser aber zu verhindern wußte. Angeblich hätte nun Erzherzog Max Kontakt zu dieser Tänzerin aufgenommen, ihr eine glanzvolle Tanzrolle in der Oper zugesagt für den Fall, daß es ihr gelänge den Kaiser umzustimmen. Es kam dann tatsächlich zur Aufführung des Werkes, die Künstlerin erntete mit ihrer Darstellung großen Beifall und wurde am Tag nach der Premiere zum Mitglied des kaiserlichen Balletts ernannt. Sie nahm einen Künstlernamen an und tanzte fortan unter dem Pseudonym Mizzi Langer.

Der Ruf der Ungarin als Kaiserliebchen war bis in ihr Heimatdorf gedrungen und soll dort viel Aufruhr unter der Bevölkerung verursacht haben. Die Bitten ihres Bruders, János Libényi, sie möge sich vom Kaiser lossagen, blieben unbeantwortet, und so faßte der „Entehrte“ den Entschluß, die Schuld der Schwester durch ein Attentat auf den Kaiser zu sühnen.

Der weitere Verlauf ist bekannt: …

Beim folgenden Polizei-Verhör soll Libényi den wahren Grund des Attentats zugegeben haben.

Der Kaiser trennte sich in der Folge von der Tänzerin, nachdem er sie und ihre Mutter großzügig abgefunden hatte. Er bestand sogar darauf, den Attentäter zu begnadigen, was die Mitglieder der Regierung mit der Drohung ihres sofortigen Rücktritts verhinderten. Libényi wurde am Morgen des 26. Februar 1853 bei der Spinnerin hinter dem Galgen in der Erde verscharrt. (5)

Foto: amazon.de

Leider nennt die Autorin Gabriele Praschl-Bichler keinerlei Quellen, so dass dieser Text wirklich nicht ernst genommen werden kann.

Gisi Gruber, eine Romanautorin aus den 50er Jahren hat sich dem Thema mit einem Liebesroman angenommen. Vermag man den obigen kitschigen Text zu lesen, möchte man nun wirklich nicht mehr wissen, was Gisi Gruber aus dieser erfundenen Geschichte gemacht hat. Wer es trotzdem wagen möchte: das Buch ist antiquarisch noch erhältlich. 

Ubald Tartaruga (Edmund Otto Ehrenfreund), Foto: wien.gv.at

1922 (also 69 (!) Jahre danach) kam erstmals die These der Liebschaft mit Margit Libényi bzw. Mizzi Langer durch den ungarischen Autor Gyula Kemény auf den Tisch. Auch Oberpolizeirat und Kriminalschriftsteller Ubald Tartaruga (mit bürgerlichem Namen Edmund Otto Ehrenfreund) (*12.2.1875, †21.11.1941), wollte an kein politisches Attentat glauben. Sämtliche namhafte Historiker sind sich jedoch einig, dass dies Hirngespinste waren, die sich ein paar Leute „ausgedacht“ haben; dennoch geistert der Name Mizzi Langer immer noch durch die Literatur.

Paul Freiherr Gautsch von Frankenthum, Foto: Wikimedia/Commons

Der erste uneheliche Sohn von Kaiser Franz Joseph soll Paul Gautsch Freiherr von Frankenthum (*26.2.1851, †20.4.1918) gewesen sein, welcher nach dem Jusstudium ins Unterrichtsministerium wechselte und 1879 Unterrichtsminister wurde. Diesen Posten behielt er ungewöhnlich lange, nämlich bis 1893. Zusätzlich wurde er von Kaiser Franz Joseph zum Direktor und Kurator der Theresianischen Akadamie ernannt. 1895 ernannte ihn der Kaiser zum Herrenhausmitglied. 1895 – 1897 wurde er nochmal Unterrichtsminister. 1899 – 1904 wurde er Präsident des Obersten Rechnungshofes. Gautsch galt als „besonderer“ Vertrauensmann für Kaiser Franz Joseph. (5a)

Wer die Mutter dieses Freiherren gewesen sein soll, das bleibt uns Autorin Gabriele Praschl-Bichler leider (wieder einmal) schuldig. 

Helene Baltazzi, verh. Vetsera, Foto: Wikimedia/Commons

Auch mit Helene Baltazzi, besser bekannt als Helene Vetsera (*1847, †1.2.1925) soll Franz Joseph ein Techtelmechtel gehabt haben. Dies behauptet zumindest Autorin Gabriele Praschl-Bichler. Der Kaiser war 20 Jahre alt und seit 2 Jahren Kaiser. Nach dem Ende des Techtelmechtels, soll Helene eine Abfertigung von 3 Millionen Kronen erhalten haben. (5b)

Sehr großzügig für einen so sparsamen Menschen wie Kaiser Franz Joseph es war. Noch dazu als junger Kaiser, wo er auf die Gunst seines Onkels Ferdinand (*19.4.1793) angewiesen war; denn auch wenn dieser kein Kaiser mehr war, das ganze Geld und das gesamte Vermögen verwaltete dieser bis zu seinem Tod. Erst dann beerbte ihn Kaiser Franz Joseph in allen Belangen. Und Ferdinand starb erst im Jahre (29.6.) 1875. Ob also Erzherzogin Sophie bereit gewesen ist, einer Gespielin von ihrem Sohn so viel Geld auszuzahlen, ist mehr als fraglich. Naja, bilden Sie sich bitte ihr eigenes Urteil.

Nichtsdestotrotz wäre es insofern makaber gewesen, weil Helene auch mit dem blutjungen Kronprinz Rudolf „verkehrte“. Dieser nahm sich später mit der Tochter von Helene, Mary Vetsera (*19.3.1871, †30.1.1889) das Leben. Die Stilblüte, dass Kronprinz Rudolf sich absichtlich mit Mary das Leben nahm, weil sie seine Tochter gewesen sein soll, nimmt hier wieder ganz neue Ausmaße an. Aber ganz ehrlich: Glauben Sie das wirklich? 

Nach den ganzen Affären und Liebschaften, war es nun also an der Zeit zu heiraten und Sophie suchte fieberhaft nach einer neuen und geeigneten Kanditatin, die sie in Dresden zu finden glaubte.

Prinzessin Sidonie von Sachsen, Foto: Wikimedia/Commons

Prinzessin Maria Sidonie Ludovica (*16.8.1834, †1.3.1862) war die Auserwählte. Sie hatte Pech mit ihren Verehrern, die beinahe alle aus falscher Zugehörigkeit der Religion oder politischen Machtspielen, abgelehnt wurden. Auch Kaiser Franz Joseph wollte Sidonie nicht zur Frau. Der banale Grund: sie gefiele ihm nicht. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr.  Sidonie starb 27jährig unverheiratet an Typhus.

Sophie sah sich schlussendlich in ihrer eigenen Verwandtschaft nach jungen heiratsfähigen Prinzessinnen um. Das Ergebnis ist bekannt. Die beiden großen Berichte können hier  (Verlobung) und hier (Hochzeit) nachgelesen werden.

Die Ehe zwischen den beiden nehme ich in meinem 6. Beitrag über Kaiser Franz Joseph unter die Lupe, weshalb wir dieses Kapitel nun überspringen.

Kaiserin Elisabeth, Foto: dorotheum.com

Was genau der Auslöser 1859 für die sehr überstürzte Abfahrt von Kaiserin Elisabeth nach Madeira war, ist bis heute ungeklärt. Viele Gerüchte und Legenden ranken sich um diesen plötzlichen Aufbruch. Die einen Biografen schreiben, es sei eine Lungenkrankheit gewesen – was aber nicht erklären würde, warum Elisabeth auf der Überfahrt schon ziemlich munter wirkte -, die anderen behaupten, die Krankheit hätte etwas mit einer Geschlechtskrankheit zu tun gehabt, da Kaiser Franz Joseph weiterhin fremd ging und keine Rücksicht auf seine zartbesaitete junge Frau nahm. Auch mit ihr selbst soll er nicht zimperlich umgesprungen sein.

Was auch immer der Grund war, ab diesem Zeitpunkt wurde Elisabeth „erwachsen“ und entzog sich ihrem Mann immer mehr, so dass immer neue „Bekanntschaften“ seinen Weg kreuzten.

1863 traf er zum ersten Mal, auf Theresia „Reserl“ Pointinger (*8.4.1846 – 1928).  Was folgte, war eine fast 10jährige Liaison, aus der angeblich 4 Kinder entstammen sollen.

Theresia Pointinger, Foto: Hubert Pointinger

Kaiser Franz Joseph weilte in Mondsee mit seinem Freund Otto Fürst von Wrede (*8.1.1797, †10.10.1871), um zu jagen. Der elterliche Hof auf dem Theresia lebte, war seit langem schon ein beliebter Gutshof für adelige Gäste. So war es nicht verwunderlich, dass er 1863 am Grauwitzgut auf die damals noch 17jährige aufmerksam wurde. Das eng geschnürte Mieder, ließ im Dirndl mehr erahnen, als der 17jährigen wahrscheinlich Recht gewesen wäre. Er war zu diesem Zeitpunkt ein Mann von 30 Jahren. Doch erst im Juli 1869 kam es zur schicksalhaften Begegnung. Reserl hatte sich bereits als 17jährige unsterblich in den Kaiser verliebt und träumte nachts sehnsüchtig von ihm. Als er dann tatsächlich im Juli 1869 auf der einsamen Eisenauer-Alm (im Sommer arbeitete sie auf der elterlichen Alm als Sennerin) erschien, erkannte sie ihn zunächst nicht. Als sie sich von dem Schock erholte, bat sie ihn in die spärlich eingerichtete Hütte. Der Jägersmann, der tatsächlich Kaiser Franz Joseph war, setzte sich artig neben sie und legte seine Hand in ihre: „Wie in Trance legt Reserl ihre zierliche Hand in die Hand des Kaisers, und als sie kurz darauf die warmen Lippen Franz Josephs auf ihrer Haut und ihren geöffneten Lippen spürt, ist ihre Leidenschaft, die sie jahrelang nur für ihn zurückgehalten hat, voll entbrannt.“ (6)

Ein zärtlicher und gefühlsbetonter Liebhaber soll er gewesen sein, der Franzl. Meint zumindest Theresia Pointinger, bzw. ihr Biograph Hubert Pointinger; denn Aufzeichnungen von Theresia gibt es keine. Das ganze ist eine Nacherzählung, einer Nacherzählung, einer Nacherzählung. Anna Nahowski sah das ganz anders. Aber ich greife etwas vor.

4 Kinder sollen der Affäre entsprungen sein:

Anton Pointinger, Foto: Hubert Pointinger

 

Franziska Pointinger, Foto: Hubert Pointinger
Matthias Pointinger, Foto: Hubert Pointinger
Wilhelmine Buchwald, Foto: Hubert Pointinger

Anton Pointinger geb. 6.4.1870
Franziska Pointinger, geb. 1871
Matthias Pointinger, geb. 5.12.1872
Wilhelmine Buchwald, geb. 28.5.1877 (sie wurde Theresia als „eheliches“ Kind mit Wilhelm Buchwald geboren. Wilhelmine soll aber als Kuckuckskind dem Ehemann untergeschoben worden sein. Der tatsächliche Vater soll Kaiser Franz Joseph gewesen sein).

 

 

 

Hubert Pointinger Foto: Hubert Pointinger

Hubert Pointinger (*25.4.1961), der Verfasser von „Die Salzprinzessin“ ist der Ur-Enkel von Matthias Pointinger, der als einziger dieser Kinder überhaupt eine Familie gründete. Georg Markus und Hugo Portisch, zwei anerkannte Schriftsteller und Historiker haben Hubert Pointinger vorgeschlagen, eine DNA Analyse machen zu lassen. Georg Hohenberg, der Urgroßneffe von Erzherzog Franz Ferdinand, aus der Linie von Maximilian Hohenberg – die Geschichte zu dieser außergewöhnlichen Familie kann hier nachgelesen werden, hat sich für diese zur Verfügung gestellt. Dr. Christa Nussbaumer, „Allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige der forensischen Molekularbiologie“ stellte fest, dass Georg Hohenberg und Hubert Pointinger nicht verwandt sind. Ob also die 3 anderen Kinder von Kaiser Franz Joseph sind, ist sehr fraglich. Was generell an dieser Geschichte wahr ist, ebenso. Herr Pointinger jedoch hält eisern an seiner Version fest und betitelt sich selbst als Ur-Ur-Enkel des Kaisers. (7)

Im Jahr 1878 – Kaiser Franz Joseph hatte schon längst die Beziehung zu Anna Nahowski (ab 1875) aufgenommen -, endet die (angebliche) Affäre endgültig.

Dass Kaiser Franz Joseph aber auch seinen jeweiligen Geliebten nicht treu war, beweist die nachfolgende Geschichte. Währenddessen sein (angebliches) Gspusi mit Reserl noch im vollem Gange war, hatte er noch zwei weitere Liebschaften in Wien.

Katharina Abel, Foto: DasPhotoquarium/ebay

1870/1 soll es Katharina Abel (*22.21856, †6.3.1904) gewesen sein, die dem Kaiser im Ballett ins Auge stach. Wie lange die Affäre ging ist nicht bekannt. Am 17.1.1876 gebar Katharina eine Tochter namens Maria. Den Vater hielt sie Zeit ihres Lebens strikt geheim. Mit den „Gaben“ des Kaisers konnte sie sich ein Haus in Wien Wieden leisten. 1890 ehelichte sie einen um 10 Jahre jüngeren, mittel- und arbeitslosen Adeligen. Georg Graf Orssich von Slatevich. Katharina beendete 1892 ihre Karriere, nach dem sie sich bei einem Unfall während der Aufführung von „Giselle“ verletzte.

Autorin Praschl-Bichler berichtet, Abel sei dem Kaiser noch vor der Hochzeit begegnet und habe ihm vom Liebeskummer mit Gräfin Ugarte geheilt. (8)

Dies kann ich einwandfrei widerlegen. Katharina Abel wurde erst lange nach der Affäre mit Gräfin Ugarte geboren (1856). Sie wurde ab 1868 am Kärntnertortheater engagiert und war ab 1870/1 Mitglied der Hofoper. Von 1880 – 1892 war sie unter Direktor Carl Teile eine der beliebtesten Tänzerinnen.  

Ebenso im Jahr 1870 war es Rosa Moskowitz die Franz Josephs Herz erreichte. Sie war Weißnäherin in der Wiener Hofburg. 3 Jahre soll die Affäre gedauert haben, als sie sich „plötzlich“ ins Privatleben zurückzog.

Hier geht die Literatur auseinander: während Katrin Unterreiner schreibt, dass Rosa später Andreas Graf Zichy heiratete, schreibt Praschl-Bichler, dass Rosa eine uneheliche Tochter namens Bobarle Margarete Braun bekam. (14) Diese habe später einen Graf Andreas Zichy geehelicht. Nach erfolgter Trennung, zog sie nach Paris und erhielt bis zum Jahr 1918 eine Rente von der österreichischen Botschaft. Danach ehelichte sie einen Amerikaner namens Miles. Miles war US-Repräsentant der Internationalen Handelskammer in Basel. Nach dessen Tod heiratet sie einen Herrn Rogers. (9) Leider führen sowohl Gabriele Praschl-Bichler, als auch Katrin Unterreiner keine Literaturverzeichnisse. Auch in der weiterführenden Literatur zu Kaiser Franz Joseph wird außer der Name von einer Rosa Moskowitz nichts weiter erwähnt. Schade, eigentlich…

Anna Nahowski, Foto: Wikimedia/Commons

Viel detaillierter und aufschlussreicher ist da die Beziehung zu Anna Nahowski (*19.6.1860, †23.3.1931) die durch ein (mittlerweile veröffentlichtes) Tagebuch ihre Beziehung notiert hatte. Anna soll das einzige Kind, das jemals „öffentlich als geheime Tochter von Kaiser Franz Joseph anerkannt worden ist“, geboren haben: Helene Nahowksi, verheiratete Berg. Aber beginnen wir von vorne:

Es war der 8.5.1875, als um 6.00 Uhr morgens Anna, damals gerade einmal 15 Jahre alt und mit einem „Haderlump“ verheiratet, im Park vom Schloss Schönbrunn ein stattlicher „Offizier“ begegnete, der ihr auffallend auf die Oberweite starrte und sie musterte. Selbst beim Auseinandergehen, drehte sich der hübsche Offizier um: Kaiser Franz Joseph war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Mann in mittleren Jahren – 45. Ihr Dienstmädchen Lini teilte Anna mit, dass es sich nicht um einen „Offizier“ per se, sondern um den Kaiser persönlich handelte. Sie errötete und da sie in ihrer Ehe unglücklich war, suchte sie ab sofort täglich beim frühen Spaziergang den Kaiser – und fand ihn auch.

Am 24.6.1875 notiert sie in ihr Tagebuch: „Ich saß auf einer Steinbank mit Lini im Wald, der Kaiser kam des Weges u. setzte sich auf die nächste Bank. Nach einigen Minuten stand Er auf u. kam auf mich zu. Mein Herz schlug hörbar. Er blieb vor mir stehen, salutierte u. sagte: „Sie gehen aber fleißig spazieren.“ Ich stand von der Bank auf während Röthe mein Gesicht überflog. Ja Majestät, es ist so schön, sagte ich in meiner Verwirrung. „Sie wohnen gewiß am Land, hier in der Nähe?“ frug Er weiter.
Nein, in Wien, sagte ich. „Was? so weit frug Er, da müssen Sie ja schrecklich früh aufstehen? Um 4 das bin ich schon gewöhnt, ich gehe immer sehr früh spazieren. Wo wohnen Sie? frage Er. Am Neubau, meine Antwort. Sie werden alle Tage hier sein? Ja täglich wenn es schön ist. Er nickte mit dem Kopf, salutierte u. ging. Nun hab ich seine blauen Augen genug gesehen u. sie gefallen mir! Wie dumm ich doch bin, sollte ich in Ihm verliebt sein, nein, es eben der Kaiser der mir gefällt. Es schmeichelt mir, daß ich Ihm gefalle.“ (10)

Am 26.6.1875 kam es zum ersten Kuss. Kitschiger hätte es nicht sein können: im Regen. Auch die darauffolgenden Tage kam Anna nach Schloss Schönbrunn um mit dem 45jährigen Kaiser „zu knutschen“. Wie ein Wahnsinniger soll er gewesen sein; oft durchnässt, da es schüttete, und immer allein. Die Begegnungen wurden immer intensiver, sogar das Kleid machte er ihr einmal auf, um sie „näher betrachten zu können“ und reagierte beleidigt, weil Anna nicht weitergehen wollte. Inmitten der Abgeschiedenheit des Tiroler Parks, ihr Dienstmädchen bewachte derweil die Wege. Anna quälten die Gewissensbisse, dennoch war sie verliebt. 3 Jahre dauerte es, bis es zum ersten Akt kam.

Es flossen die ersten Gelder, sie ordnet ihre Verhältnisse und im Jahre 1879 zieht sie in die Nähe von Schloss Schönbrunn, damit der Kaiser sie nun täglich besuchen konnte. Sie solle kein Mieder anhaben, wenn er komme und am besten „bereit im Bett liegen“, so die Aufforderung. Anna haderte im Tagebuch mit sich selbst, macht aber dann doch alles so, wie „Er“ es will. Sie lässt sich von ihrem ersten Ehemann scheiden und heiratet Franz Nahowski.

Alban und Helene Berg, Foto: absw.at

Anna bekommt 4 Kinder. Tochter Carola ist mit Sicherheit von ihrem ersten Ehemann. Jedoch die 3 anderen Kinder Anna, Helene und Franz Joseph sind von großem Interesse. Tochter Anna  dürfte tatsächlich eine „richtige“ Nahowski gewesen sein; allerdings waren auch hier Gerüchte im Umlauf. Anna selbst schreibt aber, dass „sie dasselbe Gesicht wie der Nahowski“ hat. (11f)

Beginnen wir bei Sohn Franz Joseph. Er kommt am 10.12.1889 zur Welt. Seit dem Tod von Kronprinz Rudolf (†30.1.1889) hat Kaiser Franz Joseph Anna nicht mehr besucht. Er hatte längst die Beziehung mit Katharina Schratt aufgenommen und diese gegen Anna eingetauscht.

Anna Nahowski (stehend) mit ihren „Kaiserkindern“: Helene (sitzend) und Franz Joseph (sitzend, dahinter), Foto: PressReader, Kurier

Auch wenn sich einige Biografen sicher sind, dass Franz Joseph – benannt nach seinem Vater (allerdings hieß auch Annas Ehemann Franz) (11) -, nicht von Kaiser Franz Joseph abstammen konnte, so dachte es dieser Zeit seines Lebens selbst. Franz Joseph war ein sehr begabter Maler, aber leider schon von jeher von labiler Gesundheit. Schon früh musste er immer wieder in psychiatrische Einrichtungen.
Zum 100. Geburtstag (18.8.1930) von Kaiser Franz Joseph schnitt er sich in der Kapuzinergruft mit einem Rasiermesser den kleinen Finger ab. Er deponierte diesen „als Sühne“ auf den Sarkophag des Kaisers.
Er kam mit der Diagnose Schizophrenie in die Irrenanstalt Steinhof, welche er für sehr lange Zeit nicht mehr verließ. Nach seiner Entlassung zog er sich in das steirische Landhaus von Helene Berg zurück, wo er schließlich 1942 in ihren Armen starb. Behalten wir Franz Joseph trotzdem noch im Gedächtnis. Ich komme noch einmal auf ihn zurück.

Helene Berg, Foto: mugi.hfmt-hamburg.de

Wenden wir uns also jetzt der „Tochter“ zu. Helene Berg wurde am 29.7.1885 in Wien geboren. 1906 lernte sie Alban Berg (*9.2.1885, †24.12.1935), einen berühmten Komponisten, kennen. Helene und Alban heirateten schließlich 1911. Sie galt als die Tochter von Kaiser Franz Joseph, obwohl sie offiziell als Tochter von Franz Nahowski geboren wurde. Anna hatte Zeit ihres Lebens niemals öffentlich über ihre Affäre gesprochen; auch das Tagebuch war fest verschlossen und wurde erst nach dem Tod von Helene (†30.8.1976) geöffnet. Und obwohl Anna keinen Ton über die Vaterschaft darin verlauten ließ, gilt Helene bis heute als die einzige wahre uneheliche und in der Gesellschaft anerkannte Tochter von Kaiser Franz Joseph. Sowohl Anna, als auch Helene und später Alban haben die Gerüchte niemals dementiert oder gar zerstreut.

Hans Lebert, Foto: Bildarchiv ÖNB

Über Tochter Anna (*20.1.1883, †?), konnte ich leider nichts weiter in Erfahrung bringen. Nur, dass sie einen Herrn Lebert geheiratet und einen Sohn namens Johann, genannt Hans geboren hatte. Hans Lebert (*9.1.1919, †20.3.1993), ein bekannter Schriftsteller, ist im Buch von Hugo Portisch und Georg Markus zu finden. Dort liest man von 2 Kindern von Kaiser Franz Joseph und Anna Nahowski. „Eine DNA-Analyse“ wie im Fall Pointinger war hier nicht nötig. Die Indizien und Beweise sprechen für sich.“ (11a) Eine Anna Lebert findet sich auch in der Biografie von Alban Berg wieder, welche an seinem Sterbetag bei ihm war. (11b)

Hans Lebert erzählt, dass der Neffe von Alban Berg, Erich Alban Berg ein Tonband besaß. Auf diesem ist vom 18.2.1973 die Stimme von Helene Berg zu hören. Sie erzählt: „Dem Franzl hat er eine Uhr geschickt, der Kaiser, da war in Email das Jugendbild vom Kaiser drauf, das lange, schmale Gesicht, wie es auch der Franzl g’habt hat…“ (11c)
Mit „Franzl“ ist hier Sohn Franz Joseph gemeint, also Helene’s Bruder. Also jener Bruder, der sich später den Finger abschnitt und ins Irrenhaus gebracht wurde. Sehr merkwürdig, finden Sie nicht?

Weiter heißt es: „Später, da waren wir schon erwachsen, sind wir die Maxingstraße hinaufgegangen nach Haus, die Mama in der Mitte, und da ist der Kaiser mit dem Tschako an uns vorbeigefahren – und den hat’s gerissen. Da ist er die ganze Zeit bis zur Gloriettegasse, wo er eingebogen ist, verkehrt gesessen und hat uns nachgeschaut.“ (11d)

Diese – von Helene Berg persönlich beschriebene Szene – findet sich auch in der Biografie von Anna Nahowski wieder: „Es war im Jahr 1902 und ich komme mit meinen Kindern Anna u. Helene v. der Stadt u. gehe die Maxingstr. hinauf nachhause. Ein wunderbarar Trapp den ich nur zu gut kannte, lies mich nach rückwärts schauen. Der Kaiser im offenen Wagen allein kam uns nach. Sah mich u. die Kinder freundlich an, u. setzte sich sofort in eine andere Stellung, um den Kopf nach rückwärts gedreht nach uns zu sehen bis Er in der Gloriettegasse einbog.“ (11e)

Ich möchte daran erinnern, dass das Tonband von Helene Berg mit ihrem Neffen Erich im Jahre 1973 aufgenommen wurde. Das Buch über die Affäre von Anna Nahowksi und Kaiser Franz Joseph wurde von Friedrich Saathen im Jahr 1986 veröffentlicht. Dieses beinhaltet – bis auf ein Vorwort – nur Originalzitate aus dem Tagebuch. Es ist hier also gut möglich, dass Helene, dieselbe Szene sehr lebendig vor Augen hatte, als sie über diese mit ihrem Neffen sprach. Immerhin war sie zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre alt.

So romantisch wie die Geschichte zwischen der 15jährigen Anna und dem 45jährigen Kaiser Franz Joseph begann, so nüchtern und abrupt endete sie. Kaiserin Elisabeth wusste Zeit ihres Lebens nichts von Anna. Kaiser Franz Joseph achtete stets penibel darauf, wenn Kaiserin Elisabeth anwesend war, dass kein Treffen zwischen ihm und Anna stattfand. Wenn sie sich „zufällig“ im Park begegneten, wandte er stets gelangweilt den Blick ab.

Fridrich Freiherr von Mayr, Generaldirector der Ah. Privat und Familien Fonde bittet um einen gütigen Besuch in seinem Bureau/Hofburg Schweitzerhof/zu einer amtlichen Besprechung. (12) So lautete die nüchterne Visitenkarte die Anna von ihrem Dienstmädchen erhielt. Als Anna Freiherr von Mayr tags darauf aufsucht, wird ihr ein Schriftstück zum Unterzeichnen vorgelegt. Vorher darf sie noch jede x-beliebige Summe nennen, die sie möchte. Die Affäre wurde lapidar beendet. Anna Nahowski wählte klug: 200.000 fl  – damit hatte sie ausgesorgt. 

Das Schreiben, welches sie unterzeichnete lautete: Ich bestätige hiermit daß ich am heutigen Tag 200.000 fl als Geschenk von Seiner Majestät den Kaiser erhalten habe. Ferner schwöre ich, daß ich über die Begegnung mit Seiner Majestät jederzeit schweigen werde. Anna Nahowski Wien, 14.5.1889 (13)

14 Jahre einfach gestrichen aus Franz Josephs Leben. 

Dass zu diesem Zeitpunkt Katharina Schratt bereits in Kaiser Franz Josephs Leben getreten war, wusste Anna. Es kränkte sie sehr, zumal Kaiser Franz Joseph an den Fenstern von ihr vorbei musste, um zum Haus von Katharina zu kommen. Anna ist sogar mehr als wütend, als Katharina die Frechheit besitzt, bei den Nahowskis nachzufragen, ob sie das Haus verkaufen würden.

Bis zu seinem Lebensende hoffte Anna auf ein Zeichen oder eine Erklärung. Sie bekam sie nie. Anna kam weder über die Affäre, noch über seinen Tod hinweg. Zeit ihres Lebens liebte sie ihn bedingungslos, was ihre Ehe zur Hölle werden ließ. Franz Nahowski trank im Überfluss und misshandelte seine Frau schwer. Anna leidet und liebt trotzdem. Auch als „Er“ (sie schreibt immer „der Kaiser“ oder „Er“ in ihr Tagebuch) längst tot ist. Anna überlebte Kaiser Franz Joseph um 15 Jahre. Sie liegt am selben Friedhof wie Katharina Schratt. Eine Fügung des Schicksals, dass sogar im Tode ihre Erzfeindin in ihrer Nähe ist. 

Katharina Schratt, Foto: Wikimedia/Commons

Katharina Schratt (*11.9.1853, †17.4.1940) ist die letzte (zumindest von der die Nachwelt weiß) und die bekannteste Affäre von Kaiser Franz Joseph.

Bis heute halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass er diese sogar heimlich geheiratet habe. Im History Magazin vom Kurier kann man folgendes dazu lesen: „Viel Staub wirbelte die Frage auf, ob der Kaiser „die gnädige Frau“, wie sie genannt wurde, miteinander verheiratet waren, zumal das Erzbischöfliche Ordinariat im März 1938 das „Trauungsbuch für Gewissensehen“ (=Geheimehen) vernichtete. Weil die Kirche damals Indiskretionen durch die eben einmarschierenden Nazis befürchten musste, gibt es keinen schriftlichen Beweis für die vielfach vermutete Eheschließung. Sehr wohl aber Aussagen durchaus glaubwürdiger Zeugen, denen die Eintragung vor der Vernichtung des Buches zu Augen kam. Einer, der das bestätigte, war der bekannte Politologe Norbert Leser. Und für den profunden Habsburg-Kenner Adam Wandruszka gab es „aufgrund der Fakten keinen Zweifel, dass Franz Joseph und Katharina Schratt verheiratet waren“. (13a)

Jeder darf glauben und behaupten was er möchte. Ich werde das nicht weiter kommentieren.

Zar Alexander III, Foto: Wikimedia/Commons

Die Schratt, wie sie im Wiener Volksmund genannt wurde, begegnete Kaiser Franz Joseph zum ersten Mal auf einem Ball. Als Burgschauspielerin und prominentestes Mitglied des Hofburgtheaters war sie zu allen großen Festen Wiens eingeladen. Der „Ball der Industriellen“ war 1885 also eine Art Pflichtveranstaltung für beide. Kaiserin Elisabeth sah Katharina Schratt bei einem Souper mit dem russischen Zaren Alexander III (*26.2.1845, †20.10.1894), da die anwesenden Künstler nach der Theatervorstellung zu diesem geladen wurden. Dabei fiel Kaiserin Elisabeth auf, dass Katharina Schratt ähnliche Interessen hatte, wie ihr Ehemann. Da sie annahm, dass ihr Ehemann einsam sei und auch um sich selbst zu befreien, förderte sie ab sofort die Beziehung mit dieser. Kaiser Franz Joseph war zu diesem Zeitpunkt bereits 55 Jahre alt, die Schratt 32.

Kaiserin Elisabeth konnte sich jedoch in ihren Gedichten mit Spott und Hohn nicht zurückhalten. Sie nannte die Schratt „dicklich“ und spottete in ihren Versen über den verliebten Oberon (Gestalt aus dem Sommernachtstraum, Shakespeare).

Dein dicker Engel kommt ja schon
Im Sommer mit den Rosen. 

Fantasiegestalt „Oberon“ nach Shakespeare, Foto und Illustration: Melissa Findley

Gedulde Dich, mein Oberon! 
Und mach nicht solche Chosen! 

Sie bringt sich mit ihr Butterfaß, 
Und läßt sich Butter bereiten, 
Sie macht mit Cognac die Haare naß
Und lernt am End noch reiten. 

Sie schnürt den Bauch sich ins Korsett, 
Daß alle Fugen krachen. 
Hält sich gerade wie ein Brett
Und „äfft“ noch andre Sachen. 

Im Häuschen der Geranien, 
Wo alles so fein und glatt, 
Dünkt sie sich gleich Titanien, 
Die arme dicke Schratt. (13b)

Dieses Gedicht hat Gräfin Marie Larisch-Wallersee (*24.2.1858, †4.7.1940) überliefert und dürfte – laut Brigitte Hamann – echt sein. Kaiserin Elisabeth hat dieses Spottgedicht allerdings nicht in ihr Gedichtbuch aufgenommen. Ein anderes allerdings schon:

Was Ob’ron treibt, das kümmert nicht Titanien, 
Ihr Grundsatz ist: Einander nicht genieren. 
Frist einer Disteln gerne und Kastanien, 
Sie selber will sie ihm offrieren (13c)

Katharina Schratt stellte sich jedoch als Glücksfall für den Kaiser heraus. Bald schon wurden tägliche Spaziergänge vereinbart und sie folgte ihm auch nach Ischl und an den Wolfgangsee. In Ischl wurde eine Villa gekauft, die ca. einen 20minütigen Fußmarsch erforderte; aber beide nahmen diesen gerne in Kauf.

Der alternde Kaiser blühte auf. Er war – wahrscheinlich – das erste Mal in seinem Leben glücklich. Auch wenn die Schratt weitere Affären nebenbei unterhielt, so war sie ihm stets eine loyale Freundin. Kaiser Franz Joseph dürfte von den Affären geahnt haben, denn in den ca. 900 Briefen die erhalten sind, reagiert er manchmal ziemlich eifersüchtig.

Aus heutiger Sicht konnten der Schratt 3 Affären nachgewiesen werden:
Graf Johann (Hans) Wilczek (*7.12.1837, †27.1.1922)
König Ferdinand I von Bulgarien (*26.2.1861, †10.9.1948)
und ihr junger Schauspielkollege Viktor Kutschera (*2.5.1863, †20.1.1933)

Hans Graf Wilczek, Foto: Wikimedia/Commons
König Ferdinand I von Bulgarien, Foto: Wikimedia/Commons

Allerdings kühlte sich das Verhältnis nach dem Tod von Kaiserin Elisabeth merklich ab und 1900/1 gab es gar keinen Kontakt, da sie mit dem Kaiser stritt. Doch ohne Katharina konnte Kaiser Franz Joseph auch nicht mehr und so fingen die beiden wieder an, sich unzählige Briefe zu schreiben bzw. stundenlang spazieren zu gehen.

„Unter all den Menschen, die sich nach den strengen höflichen Vorschriften bewegten und in vollendeten diplomatischen Formen irgendwelche schwer erkennbaren Ziele verfolgten, unter all den Menschen, vor denen man mehr oder minder auf der Hut sein mußte, auch wenn sie offizielle Berater waren, begegnete dem Kaiser ein Mensch, der so redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war, der nichts von ihm wollte, dem gegenüber man sich selbst auch ungezwungen geben durfte, ohne etwas zu vergeben. Welche Labsal für den Vereinsamten! Und dieser Mensch hatte die wunderbare Gabe, fesselnd zu plaudern und den Kaiser mit vielem vertraut zu machen, das ihm auf seiner einsamen Höhe unbekannt geblieben war.“ (15)

Viktor Kutschera, Foto: Wikimedia/Commons

Bis heute ist ungeklärt, ob die beiden nun auch eine leidenschaftliche Beziehung gehabt haben, oder ob das Ganze rein platonisch war. Nun, ich persönlich denke, dass hier mehr im Spiel war. Denn wer diese Geschichte gelesen hat, wird merken, dass Franz Joseph ein sehr umtriebiger Mann gewesen ist. Und mit Verlaub: Auch mit 55 Jahren ist ein Mann noch kein altes Eisen.

Beweisen lässt es sich heute natürlich nicht mehr, jedoch gibt es zahlreiche Hinweise aus den Briefen. 

„Unendlich glücklich macht mich die Mittheilung, daß Eure Majestät von mir träumten – wie gerne möchte ich in Wirklichkeit während der Nacht am Bette Eurer Majestät sitzen. Gedankenküsse auf Hand und Mund.“ Kaiser Franz Joseph schreibt zurück: „…, daß Sie mir im Bette Audienz erteilen, wie Sie es mir halb und halb versprochen haben.“ (16)

Katrin Unterreiner schreibt: „Katharina Schratt wurde zwar nicht im Testament Franz Josephs bedacht. Kürzlich entdeckte Verfügungen des Kaisers, wonach Katharina Schratt 2,5 Millionen Kronen – umgerechnet ca. 11 Millionen Euro – zusätzlich zu ihrer kostbaren Schmucksammlung und einem Ringstraßenpalais erhielt, sprechen jedoch eine deutliche Sprache – und sind bei einer reinen Freundschaft kaum vorstellbar. (16a)

Auch ein „Beweis“ sind die Zeilen über die „stille Woche“, wie sie Kaiser Franz Joseph nennt. Die „stille Woche“ ist in diesem Fall die Menstruation die natürlich die junge Schratt noch hatte. Katharina lag in diesem Fall die ganze Woche in ihrem Bett. Schlecht dürfte es ihr dabei nicht gegangen sein, denn in einem Negligé empfing sie sehr wohl den Kaiser. Franz Joseph schreibt darüber, dass diese Stunden sehr gemütlich und vertraulich waren. 

Die Briefe von der Schratt sind nicht vollständig erhalten, jedoch die Briefe an die Schratt. Wer sich mit ihnen beschäftigt, wird bemerken, dass sie nach und nach offener werden. Schreibt Kaiser Franz Joseph zu Beginn noch „Meine gnädige Frau“, wird dies zu „Meine liebe gnädige Frau“ und dann zu „Meine liebe Freundin“. Er ist immer per Sie und unterschreibt immer mit „Ihr treu ergebener Franz Joseph“.

Kaiser Franz Joseph und Katharina Schratt, Foto: Wikimedia/Commons

Kaiserin Elisabeth gegenüber erwähnt Kaiser Franz Joseph die Schratt in fast jedem Brief. Sie wird „die gute Freundin“ genannt und in einem dieser bittet Kaiser Franz Joseph Sisi keinen Kurvorschlag an Katharina zu machen, da sie (Sisi) sowieso schon so mitgenommen aussehe und „die gute Freundin“ sich dazu verleiten ließe, trotzdem mitzumachen. An Katharina wendet er sich mit der Bitte, die Kaiserin nicht genau zu betrachten, da sie verherrend aussehe und er fordert sie auf, das Thema Gesundheit nicht anzuschneiden.

Aus diesen Zeilen entnimmt man, dass Franz Joseph von seiner „Engels-Sisi“ nicht los kam und Katharina dies auch unverblümt mitteilte. Die Schratt eiferte Kaiserin Elisabeth in allem nach: Figur, Frisur, Kleidung – sie konnte sie nicht einmal ansatzweise erreichen.

Wer sich eingehend mit den Briefen von Franz Joseph an Katharina Schratt beschäftigen möchte, kann dies im Buch von Brigitte Hamann machen. Ich picke mir einen heraus, den ich einfach entzückend finde, weil es im Prinzip um Nichtigkeiten geht, aber viel über den privaten Kaiser aussagt:

„Ischl, den 16. Juli 1891.
Heute, theuereste Freundin, wirklich nur ein paar Zeilen, um Ihnen für Ihren lieben, guten Brief vom 13. innigst zu danken, den ich Vorgestern hier erhielt und zu melden, daß ich, wenn Sie erlauben, Morgen um 9 Uhr Früh hoch, oder vielmehr niedrig zu Roß, denn es ist nur ein Ponny, vor der Felicitas, Einlaß bittend, erscheinen werde. Ich hoffe, daß die Stunde keine zu frühe ist, da ich denke, daß die lieben Jünglinge Ihnen leider nicht lange Zeit zum Ausschlafen lassen werden. Gestern Früh habe ich bereits den neuen Übergang über die Ischl von rückwärts inspicirt und bin bis zum versperrten Thürl vorgedrungen. Über das Pfandl auf der Poststraße zurückkehrend, sah ich das neue gegen Räuber, Mörder und sonstige Zudringliche bestimmte Gitter und die neuen Einfahrtsthore auf der Vorderseite des Hauses. Von den Bewohnern war Niemand zu sehen, nur auf dem offenen Fenster des Bubenzimmers standen Gimpel und Kanari. 
Wie ich mich auf das morgige Wiedersehen freue, können Sie wohl denken und indem ich Ihnen eine recht gute, wo möglich ruhige Nacht wünsche und in Gedanken unzählige Stricherln sende, bleibe ich Ihr treu ergebener 
Franz Joseph“ (17) (Anmerkung: Stricherln sind Busserl oder Küsse 17a)

Und mit diesen Stricherln, die Kaiser Franz Joseph gedanklich an Katharina sendete, beende ich nun den 5. Teil.

Wenn man die unehelichen Kinder nun zusammenzählt, käme man auf die Zahl: 8 bzw. 9, wenn man glaubt dass die Affäre Abel gefruchtet hätte. Eine ungeheure Zahl, die stimmen könnte, wenn es denn beweisbar wäre.

 

~ Marie ~

 


Rechtliche Hinweise:
Textrechte: Marie, Friedrich Weissensteiner, Michael und Karl Vocelka, Brigitte Hamann, Katrin Unterreiner, Joseph Caché, Gabriele Praschl-Bichler, Hubert Pointinger, Hugo Portisch, Georg Markus, Friedrich Saathen, Hermann Mailler
Bildrechte: billerantik.at, Wikimedia/Commons, amazon.de, dorotheum.com, Hubert Pointinger, ebay.at/DasPhotoquarium, absw.at, mugi-hfmt-hamburg.de, PressReader Kurier, Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek, wien.gv.at, Melissa Findley 


Literatur Hinweise:

1 – S. 46 – 47, 2 – S. 66
Friedrich Weissensteiner
Ich sehne mich sehr nach dir – Frauen im Leben Kaiser Franz Josephs
Amalthea, 2. Auflage 2012

3 – S 121
Michaela und Karl Vocelka
Franz Joseph I – Kaiser von Österreich und König von Ungarn 1830 – 1816
C.H.Beck, 1. Auflage 2015

3 – S. 25, 13b – S 511/12, 13c S. 512 
Brigitte Hamann
Elisabeth Kaiserin wider Willen
Amalthea, 11. Auflage, 1992

4 –  S. 36, 5a S. 92
Katrin Unterreiner
Kaiser Franz Joseph 1830 – 1916 Mythos und Wahrheit
Christian Brandstätter Verlag, 1. Auflage 2006 (nur noch antiquarisch erhältlich) 

5, 5b – S. 162 – 164, 8 – S. 162, 9 – S. 164, 14 – S. 166
Joseph Cachée, Gabriele Praschl-Bichler
Sie haben’s gut, Sie können ins Kaffeehaus gehen!
Amalthea, 1. Auflage 1994

6 – S. 31
Hubert Pointinger
Die Salzprinzessin: Die geheime Geliebte Kaiser Franz Josephs
Ueberreuter, 1. Auflage, 2007

7 – S. 101/2, 11a – S. 137, 11c – S. 140, 11d – S. 140
Hugo Portisch, Georg Markus
Unter uns gesagt: Begegnungen mit Zeitzeugen
Amalthea, 1. Auflage, 2008

10 – S. 42, 43, 11 – S. 146, 12 – S. 141, 13 – S. 144, 11e – S. 151, 11f – S. 81
Friedrich Saathen
Anna Nahowski und Kaiser Franz Joseph
Hermann Böhlaus, 1. Auflage, 1986

11b – S. 217
Wolfgang Gratzer
Zur „wunderlichen Mystik“ Alban Bergs
Boehler Verlag, 1. Auflage, 1998 (nur noch antiquarisch erhältlich)

15 – S. 90
Hermann Mailler
Frau Schratt
Steffel Verlag, 1. Ausgabe, 1947 (nur noch antiquarisch erhältlich)

13a – S. 87, 16 – S 86, 87
History Geschichtsmagazin, Kurier
Kaiser Franz Joseph I – Zum 100. Todestag
nicht mehr erhältlich

16a – S. 112, 17a – S. 112
Katrin Unterreiner
Kaiser Franz Joseph – Mythos und Wahrheit
Brandstätter Verlag, 1. Ausgabe, 2015 (Neuauflage)

17 – S. 251
Brigitte Hamann
Meine liebe, gute Freundin! Die Briefe Kaiser Franz Josephs an Katharina Schratt
Ueberreuter Verlag, 1. Ausgabe, 1992 (nur noch antiquarisch erhältlich)

 

 

Ludwig Viktor Joseph Anton Erzherzog von Österreich oder auch Luzi-Wuzi

Foto: Wikimedia/Commons, Bild: Victor Angerer Erzherzog Ludwig Victor „Luzi-Wuzi“

Wir gedenken heute des Todestages von Ludwig Victor Joseph Anton Erzherzog von Österreich. Er wurde am 15.5.1842 in Wien geboren.

Nach dem Erzherzog Sophie (*27.1.1805, †28.5.1872) und Erzherzog Franz Karl (*7.12.1802, †8.3.1878) zwei Jahre zuvor ihre geliebte Tochter Ännchen (der Beitrag kann hier nachgelesen werden) verloren hatten, hofften sie, dass die erneute Schwangerschaft eine Tochter hervorbringen würde. Etwas Enttäuschung war der Mutter anzusehen, als sie den vierten Buben entbunden hatte. Trotzdem wurde er schnell der Star in der Familie.

Sophie verhätschelte „Luzi-Wuzi“ oder „Luziwuzi“ (beide Schreibweisen sind korrekt) – wie er in der Familie und auch als Erwachsener genannt wurde – bis auf Äußerste, weshalb das Nesthäkchen von Franzi, Maxi und Karli misstrauisch und neidvoll beäugt wurde. Die drei Buben waren natürlich niemand geringere als der zukünftige Kaiser Franz Joseph (Franzi), Lieblingssohn und Sophies Herzipinki Erzherzog Ferdinand Maximilian (Maxi) und Erzherzog Karl Ludwig (Karli).

Ludwig Victor erhielt dieselbe schulische Ausbildung wie seine Brüder, allerdings war seine Mutter bei weitem nicht mehr so streng und mit Drill dahinter wie bei Franzi und Maxi, weshalb sich der Bub so manche Späße mit seinen Hauslehrern erlaubte. Schon Max hatte einige Freiheiten mehr, als der von Gott begnadete auserwählte erstgeborene Franz, der zum Teil völlig isoliert aufwachsen musste.

Schon früh fiel bei Luzi-Wuzi jene Begabung auf, die später gefürchtet war. Er konnte sehr gut mit seiner spitzen Zunge zynische Bemerkungen fallen lassen. Als Bub diente dies noch der Belustigung der Hofdamen von Sophie, zumal der blondgelockte Ludwig Victor ein sehr hübscher Knabe war. Später war er für seine spitze Zunge, pointierten Aussagen, tiefschwarzen Bemerkungen, gesponnenen Intrigen und hinterlistigen Geschichten über das Kaiserhaus gefürchtet.

Foto: Wikimedia/Commons, Luzi-Wuzi bei der Aufführung eines Bühnenstücks

Ebenfalls zeitig fiel seine Passion auf, sich in Frauenkleidern zu zeigen. Zuerst verkleidete er sich nur im Fasching oder wenn er jemanden nachäffen und diese Darstellung besonders treffend darstellen wollte. Franzi, Maxi und Karli kringelten sich oft vor Lachen, wenn Luzi-Wuzi mit verstellter Stimme, in Mädchenkleidung irgendeine Cousine nachäffte. Nicht umsonst nannte ihn Elisabeth später und heimlich in ihren Gedichten auch „Affe“.

Völlig aus dem Kontext gerissen ist allerdings nebenstehendes Foto, welches gut und gerne immer wieder verwendet wird, um Luzi-Wuzis Ruf heute noch in Verruf zu bringen, oder ihn generell zu verspotten. Dieses Foto bzw. die Fotoreihe (es gibt mehrere davon) entstand bei einem Rollenspiel zum Bühnenstück „Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin“, bei dem sämtliche weibliche Rollen von Männern gespielt werden. Dieses Stück wurde in der Hofburg aufgeführt, welches die Schriftstellerin Marie Gordon (*1810, †13.11.1863) unter ihrem männlichen Pseudonym Alexander Bergen schrieb. 

Foto: Wikimedia/Commons Fürstin Pauline von Metternich
Bild: F.X. Winterhalter
Foto: geni.com
Sophie von Metternich

15jährig wurde er der Taufpate von Fürstin Pauline Metternichs (*25.2.1836, †28.9.1921) Tochter Sophie (*17.5.1857,†11.1.1941). Erzherzogin Sophie, welche mit Pauline eng befreundet war, trug sich an, die Taufpatin von deren erstgeborenen Kind zu werden. Da es eine Tochter wurde, erhielt sie den Namen Sophie. Da aber kurz darauf ihr Enkelkind Sophie (†29.5.1857, die ganze tragische Geschichte kann hier nachgelesen werden) starb, trat sie die Reise nach Dresden nicht an und ließ sich von ihrem 15jährigen vertreten, der stolzer hätte nicht sein können. Mit Bravour überstand er seine erste offizielle Aufgabe und taufte im Namen seiner Mutter und des Kaiserhauses die kleine Sophie von Metternich.

Wie seine Brüder wurde auch er militärisch erzogen. Er brachte es bis zum General eines Infanterieregiments, schied aber nach dieser Ernennung aus selbigen wieder aus, da er mit dem Militär nichts anfangen konnte. Das Regiment erhielt trotzdem seinen Namen.

Luzi-Wuzi war beliebt bei seinen Tanten vor allem bei Tante Ludovika (*30.8.1808, †25.1.1892) in Bayern und gern gesehener Gast bei den Kaffeekränzchen. Er vergaß nie einen Geburts-, einen Namens-, einen Hochzeits- oder sonst einen Ehrentag der Damen oder der Herrschaft, schickte Blumen, Karten und Pralinen.

Luzi-Wuzi wusste immer den neusten Tratsch aus dem Kaiserhaus, vor allem über seine Schwägerin Sisi, die ihn dafür regelrecht verachtete und hasste.

Nicht nur einmal beschwerte sie sich bei ihrem Ehemann über ihren Schwager, dass er Missstimmung in die Familie brächte und er es sei, der die Familie entzweien würde. Doch Kaiser Franz Joseph hielt an seinem Bruder genauso fest, wie an Sisi oder an seiner Mutter. Sie stieß bei Franz Joseph genauso auf taube Ohren, wie Sophie bei den Beschwerden über Elisabeth (und natürlich umgekehrt). Franz Joseph ignorierte alles und vermittelte auch nicht.

Obwohl Katrin Unterreiner in ihrem Buch „Luzi-Wuzi“ schrieb, dass sich Kaiserin Elisabeth mit ihrem Schwager blendend verstand, konnte ich keinen Hinweis darauf finden. Schon früh begann der Zwist der beiden.

Er befand sie zwar in Dresden auf der Hochzeit am 11.2.1865 von Carl Theodor in Bayern (*9.8.1839,30.11.1909) mit Sophie Prinzessin in Sachsen (*15.3.1845,†9.3.1867) als „eine schöne unerreichbare Fee aus dem Märchenland“, als sie gleichzeitig mit Helene (Nènè) von Thurn und Taxis (*4.4.1834,†16.5.1890) (geb. Herzogin in Bayern) auf der Abendgesellschaft erschien, (die traurige Geschichte zu Sophie in Bayern kann hier nachgelesen werden) verfiel jedoch zurück in Wien alsbaldig wieder in seinen gewohnten Umgang mit ihr. Jedoch von Dresden aus, erreichte Erzherzogin Sophie folgender Brief:

Foto: Wikimedia/Commons
Kaiserin Elisabeth im Sternenkleid
Bild: F.X. Winterhalter

„Sisi sei blendend schön, auch waren die Leute wie verrückt hier. Ich habe noch nie so einen Effekt machen sehen. Helene ein sehr schlechter Abklatsch von der Kaiserin, auch Sternenkleid.“ (10)

Kaiserin Elisabeth hasste ihn, da er immer wieder Geschichten über sie erfand. Er dichtete ihr Affären mit ihrem Reitlehrer und mit Hofdamen an, kein Tratsch war ihm fremd, Hauptsache irgendwas erzählen. Als Titania verfasste sie heimlich mehrmals über ihn Gedichte. Alle Gedichte in voller Länge wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen, deshalb gebe ich nur die wichtigsten Passagen wieder:

Familienmahl:

….

Erster zu erscheinen pflegt
Ob’rons jüngster Bruder.
(Und der grosse Erdball trägt
Kein solch‘ zweites Luder). (7)

….

Zu Oberons* Wiegenfest:

….

Ekelhaft ist mir der Affe,
Boshaft, wie kein andres Vieh;
Solcher Tag, schein wahre Strafe,
Seh‘ ich ihn, den ich sonst flieh‘.

Hässlich, wie es anzuschauen,
Ist sein Maul auch lästerhaft,
Stets erfasst mich innres Grauen
Trifft mich seine Nachbarschaft.


Nur der Letzte kann so bleiben,
Macht auch keinen Unterschied,
Ob das Volk sein äffisch Treiben
In der Affenhaut besieht.
(8)

(*Anmerkung Petra: Oberon war Kaiser Franz Joseph; geschrieben wurde dieses Gedicht am 18.8.1887 in der Kaiservilla in Ischl; am Abend fand ein großes Familiendinner mit 25 Mitgliedern der Familie statt)

Ins Stammbuch:*

Dir soll ich in dein Stammbuch schreiben?
Nein, die Idee ist kollossal!
Könnt‘ viel an die Nase reiben,
Doch Bruder bist du dem Gemahl.
So viel nur sage ich dir heute,
Nach sechzig Jahren werde wach,
Es singen dir’s dann alle Leute,
Die Spatzen pfeifen’s auf dem Dach,
Was du für ein Reptil gewesen
Mit giftig gleisnerischem Schleim;
dann, in der Nachwelt Interessen,
Kehr‘ in die Erde schleunigst heim!
(9)

(*Anmerkung Petra: Es könnte Ludwig Victor gewidmet sein, allerdings stört die Zahl 60 in diesem Gedicht. Elisabeth schrieb die Zeilen in Ischl im Jahre 1887 und Ludwig Victor wurde in diesem Jahr keine 60. Es könnte daher auch mit „Bruder“ ein Militär“bruder“ gemeint sein und damit Franz Josephs guter Freund Erzherzog Rainer oder Wilhelm, die beide in diesem Jahr 60 wurden. Vom Text her, wäre es allerdings wiederum auf Luzi-Wuzi abgestimmt. Es wird wohl für immer Elisabeths Geheimnis bleiben, wem sie diese Zeilen gewidmet hat.)

Außer der Militärausbildung hatte Ludwig Victor nicht viel zu tun. Im Grunde war ihm furchtbar langweilig. Erzherzog Ferdinand Maximilian hielt dies für eine erbärmliche Existenz und wollte lieber lebendig sterben, als ein apanagierter Prinz sein zu sein, der eine sorglose Existenz führen könne, ohne Aufgabe und Ziel im Leben zu haben. Max Ziel im Leben kennen wir ja nun alle; 2 Jahre später bezahlte er diese mit seinem Leben.

Durch dieses Müßiggang und die Langeweile die durchaus Luzi-Wuzis Leben erfüllen musste, kam er auf dumme Ideen. Da er mit Geld überhaupt nicht umgehen konnte, lebte er schwer über seine Verhältnisse und machte permanent Schulden. Diese Schulden tilgte eine Zeitlang seine Mutter. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, sollte er heiraten. Doch dem Kaiserhaus war natürlich längst seine „Andersartigkeit“ aufgefallen. Trotzdem glaubten sie, dass eine Ehe, das „heilen“ könnte. Und so ging die Brautschau los. Diese begann natürlich in: Bayern

Foto: Wikimedia/Commons Sophie in Bayern

Er sollte Elisabeths Schwester Sophie in Bayern (*22.2.1847, †4.5.1897) ehelichen, welche aber brüskiert ablehnte.

Die devote Herzogin Ludovika schrieb wieder einmal ein Entschuldigungsschreiben an ihre Schwester Sophie nach Wien: ….“es hat mir viele Thränen gekostet, ein solcher Schwiegersohn wäre ein Glück für mich gewesen. Sie sah aber einen „einzigen Trost“ darin, daß es Gott für „Mit Dir, Du viel geprüfte Schwester „gut meine“, wenn nicht auch noch die kaprizöse Sophie in die Wiener Hofburg einzöge: vielleicht hätte Sophie, trotz ihrer gewiß guten Eigenschaften, Deiner Erwartungen nicht in Allem entsprochen, um der liebe Gott führt Dir eine vorzüglichere zu, die Dich und Deinen guten Ludwig recht glücklich macht, wie Ihr beide es verdient! Gott gebe Dir einen heiteren, ruhigen Lebensabend und reichen Ersatz für so viele stille Opfer, die Dein armes Herz hat bringen müssen…. und Deinem Ludwig eine schöne Zukunft.“ (1)

Foto: Wikimedia/Commons Isabel von Brasilien

Sein Bruder Max wünschte sich als Ehefrau Isabel Prinzessin von Brasilien (*29.7.1846,†14.11.1912). Dies hätte die Länder Mexiko und Brasilien (wieder) vereint.

Doch Luzi-Wuzi lehnte eine Ehe sowieso kategorisch ab. Es blieb natürlich dem Beobachter nicht verborgen, dass Ludwig Victor mit den Damen nicht viel anzufangen wusste. Obwohl im 19. Jahrhundert 5 Jahre Gefängnis auf Geschlechtsverkehr mit dem anderen Geschlecht stand und dies z.B. der englische Schriftsteller Oscar Wilde (*16.10.1854, 30.11.1900) schwer hat büßen müssen, lebte der Erzherzog relativ frei seine Neigung aus. Ob, weil er ein Habsburger war oder weil er es nicht verstecken konnte, kann heute nicht mehr eruiert werden.

Die Historiker sind sich hier uneinig. Denn Kaiser Franz Joseph stand durchaus nicht positiv dem Homosexuellen-Thema gegenüber.

Eine aufkommende

„Macht der Schwulen“ wurde herbeigeredet, wobei diese „Abartigen“ nichts Besseres zu tun hätten, als das „Verderben des Volkes“ zu planen.

Während den einen eine Emanzipation oder vielleicht wenigstens eine Entkriminalisierung der männlichen Homosexuellen nahe schien, steigerte sich auf der anderen Seite die Schwulen Angst. (5)


Nach dem Fall Oberst Redl (Selbstmord 25.5.1913) soll Franz Joseph gesagt haben: „Das also ist die neue Zeit? Und das die Kreaturen, die sie hervorbringt? In unseren alten Tagen wäre so etwas nicht einmal denkbar gewesen!“
(Anmerkung Petra: Oberst Redl wurde der Spionage überführt, richtete sich selbst und hatte homosexuelle Handlungen durchgeführt).

Auch sein Patenkind, der sehr hübsche Franz Joseph von Braganza (*7.9.1879, 15.6.1919) war dem alten Kaiser ein Dorn im Auge. Franz Joseph war der Sohn von Elisabeth von Thurn und Taxis (*28.5.1860,7.2.1881) und Michael von Braganza (*19.9.1853,11.10.1927).

Elisabeth war die Tochter von Helene von Thurn und Taxis, geb. Herzogin in Bayern. Franz Joseph war homosexuell und lieferte einen Skandal nach dem anderen. Während der Krönung von Prince Edward VII (*8.11.1841, 6.5.1910) in England, verführte er mit einem 17jährigen Offizier im Hotel einen 15jährigen und wurde dafür vor Gericht gestellt (Freispruch).

Später allerdings wurde er wieder verhaftet, da es immer wieder Vorfälle wegen „unzüchtigen Verhaltens“ gab. Er wurde unehrenhaft auf der k.u.k. Armee entlassen, für „unzurechnungsfähig“ erklärt und unter Kuratel gestellt. Er durfte von nun an keine Geschäfte mehr ohne seinen Onkel abwickeln, der alles unterschreiben musste. Und das nur, weil er es wagte, Homosexuell zu sein.

Es herrschte Anfang des 20. Jahrhunderts Panik und Angst vor den Schwulen in der Aristokratie. „Staatsgefährdung“, „Hochsicherheitsgefährdung“, „Verschwörerclique“ usw. sind nur einige der Namen die man den jungen Männern gab, die einfach nichts anderes wollten, als ihr Leben genießen und zu lieben.

Foto: Wikimedia/Commons
Franz Joseph von Braganza

Nach all den Recherchen dich ich betrieb, bin ich aber sicher, dass Luzi-Wuzis Mutter Erzherzogin Sophie von der Neigung ihres Sohnes gewusst und akzeptiert hat. Obwohl sie natürlich anfangs versucht hat, ihren Sohn zu verheiraten, hat sie es sehr schnell wieder aufgegeben. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass Ludwig Victor nicht in das „Geheimnis der weiblichen Liebe“ eingeweiht wurde. Dazu wurden „hygienische Damen“ den Erzherzögen zugeführt. Hygienische Damen waren am Wiener Hof sehr angesehen. Diese Damen waren zwar (meist) nicht aus dem Adel, aber gesunde Witwen, mit einer animalischen Konstitution, die den Herren die Dinge beibrachten, die sie wissen sollten, um mit einer Ehefrau die erhofften Thronfolger zu zeugen. Sie kamen meist aus dem Theater oder waren verwitwete Gräfinnen, falls man doch auf den Adel zurückgreifen wollte.

Foto: Wien Museum, Michael Frankenstein, um 1870,
Ludwig-Viktor-Palais

Auch Kronprinz Rudolf wusste von der Lebenssituation seines Onkels, wenn man sich die Episode des Neujahrstages von 1889 genauer ansieht. Am Silvesterabend 1888 erkrankte Luzi-Wuzi wieder einmal, so dass er am gemeinsam Familiendinner nicht teilnehmen konnte. Das Drama kannte die Familie schon, weshalb am nächsten Tag Rudolf zu seinem Onkel ins Palais fuhr.

Erbost kam er zu seiner Frau Stephanie nach Hause und berichtete ihr,

dass er einen eleganten parfümierten Onkel im Schlafkostüm vorfand, aufgebahrt wie eine alternde Cocotte, die nicht an Diarrhöe erkrankt war, sondern an Sprechruhr.

Foto: theatermuseum.at Claudia Couqui
Bild: Carl Mahlknecht

Zu einer Frau dürfte Ludwig Victor jedoch doch eine nähere Beziehung gehabt haben: Claudia Couqui und sie war Balletttänzerin. Sie lebte mit ihm in seinem Wiener-Palais und ging bei ihm Ein und Aus. Doch auch sie zog schließlich wieder nach einigen Jahren unverheiratet aus.

Da nun das Heiratsthema wieder vom Tisch war, hing er wieder den ganzen Tag herum und langweilte sich. Er besuchte Kunstausstellungen. Kaiser Franz Joseph übergab ihm kleinere Aufgaben, dort oder da das Kaiserhaus zu vertreten, aber ansonsten hatte der vierte Bruder nicht viel zu tun.

Derweil war Luzi-Wuzi überaus intelligent; allerdings verkümmerte er zusehends. So gab er halt Geld aus, dass er nicht hatte und seine Mutter tilgte die Schulden wieder. 

1861 wurde Ludwig Victor auf das Geheiß seines Bruders Franz Joseph nach Salzburg geschickt, um ihn dort zu vertreten.

Völlig obskur und falsch ist bis heute die sinnlose Behauptung, dass Ludwig Victor verbannt worden wäre. Leider hält sich das beschämende und beleidigende Gerücht bis heute, da namhafte Historiker lieber Legenden und Ammenmärchen in ihre Bücher schreiben, als zu recherchieren und die richtigen Bilder dazuzusetzen (siehe Verkleidungsfoto oben). 

Fakt ist: Die Korrespondenz der beiden Brüder zeigt weder einen Zwist, noch Streitigkeiten. Von Verbannung kann daher keine Rede sein. 

Ludwig Victor ging nicht so gerne aus Wien fort, wie man meinen mag. Er hing unwahrscheinlich an seiner großen Familie, an seinem großen Bruder, an seiner Mutter und an Max. Mama Sophie schenkte ihm ein Medaillon mit dem Spruch „Sei fromm u. pflichtgetreu u. wahr, u. halte Seele und Gewissen klar.“ 
Er vermisste wie wahnsinnig seine große Familie und kompensierte dies wieder mit einem großen Lebensstil, in dem er sich „Freunde“ einlud. Dies kam natürlich seiner Mutter zu Ohren, die ihm Briefe schrieb. Vorwürfe und Schelte blieben nicht aus. 

Foto: Wikimedia/Commons
Kaiserin Karolina Augusta von Österreich

Sophies und Ludovikas Schwester Kaiserin Karolina Augusta (*8.2.1792,†9.2.1873) Witwe von Kaiser Franz II/I (*12.2.1768, †2.3.1835) lebte in der Residenz Salzburg und bot Ludwig Victor zumindest so etwas wie ein familiäres Umfeld. Sie trafen sich täglich.  

Des Öfteren fuhr er nach Ischl, das damals ein großes gesellschaftliches Leben bot. Salzburg war weitaus ruhiger und beschaulicher, als das mondäne Ischl – heute ist es genau umgekehrt. Ludwig Victor gab Partys und fühlte sich unbeobachtet.

Er war nicht „ein Habsburger“, er war „der Habsburger“.

Doch das alles blieb nicht lange unbeobachtet und Erzherzogin Sophie ermahnte erbost ihren außer Rand und Band geratenen Sohn sich zu mäßigen. Ludwig Victor beherzigte die Worte seiner Mutter, fuhr nach Salzburg zurück und züchtigte wieder seinen Lebensstil. Er hatte Angst davor, „isoliert“ zu werden. Schon früher konnte man ihn damit bestrafen. von der Familie zu isolieren und das wollte er auf keinen Fall riskieren.

Während seiner Dienstzeit in Salzburg ergab sich eine witzige Episode und zeigte den „Arbeitsfleiß“ des Erzherzoges:
Ein Regierungsleiter übersandte ihm Akten zur Durchsicht. Einige Tage später sandte Ludwig Victor mit dem Worten „höchst interessant“ oder „verbindlichen Dank“ zurück. Der Regierungsleiter erkannte natürlich sofort, dass die Knoten der Akten nicht gelöst wurden.

Ebenfalls ab 1861 ließ er in Wien sein wunderschönes Erzherzog-Ludwig-Victor-Palais bauen (Wien 1., Schwarzenbergplatz 1). Es hatte nicht nur eine exklusive Adresse, sondern auch einen exklusiven Bauherrn. Niemand geringeren als Heinrich von Ferstel ließ er als Architekten an sein Palais heran. Er pendelte ab sofort zwischen Salzburg und Wien und lebte Abwechslungsweise in Schloss Klessheim und in seinem LV-Palais.

Foto: Akpool.de
Erzherzogin Charlotte bzw. Kaiserin Carlota von Mexiko

1866 baute er das Winterschloss „Kavaliershaus“ in Klessheim aus, so dass er auch im Winter in Salzburg bleiben konnte. Hier feierte Luzi-Wuzi ausschweifende Partys, die bald über Salzburg hinaus berüchtig waren. Die Offiziere hatten bald vom Militärcasino Verbot beim Erzherzog aufzutauchen, da es Gerüchte für „einseitige Ausschweifungen“ gab.

Die Salzburger selbst begannen ihren Erzherzog an zu lieben. Wo er auftauchte floss das Geld. Er half den Bürgern wo er konnte. Er baute Krankenhäuser, Schulen und Universitäten. Er setzte sich für die Armen ein und ließ Frauen- und Waisenhäuser bauen. Er war sich nicht zu Schade dafür den Kranken der Stadt einen Besuch abzustatten, ihnen die Hand zu schütteln und Geld für Medizin dazulassen. Es gab keinen Habsburger vor und nach ihm, der sich so für die Belange der Menschen einsetzte wie Luzi-Wuzi.

1865 fuhr Ludwig Victor nach Schloss Miramare, um bei seinem Bruder Erzherzog Ferdinand Maximilian zu sein, der gerade zum König Maximilian I von Mexiko (*6.7.1832, †19.6.1867) gekrönt wurde. Seiner immer noch fassungslosen und gramgebeugten Mutter schrieb er folgende Worte nach Hause:

„Vielleicht 60.000 Menschen waren im Schloß und Garten, wo auch Ehrencompanie mit Musik aufgestellt war, die zuerst die Volkshymne und dann ein mexikanisches Lied spielte (es war schrecklich!). Max ging rechts und führte Charlotte links; er war in Thränen aufgelöst, sie eben vom Gabelfrühstück gekommen, seelencontent (empörend). Ich hab’s ihr auch gesagt. Denn ich selbst ging von dem Moment an beinahe zu Grunde. So sein Heimat, seinen gnädigen Kaiser, alle Lieben zu verlassen, ist ja schrecklich; er fühlte das auch sehr… Max grüßte noch einmal das ganze überfüllte Ufer entlang, sah noch einmal seine liebe Schöpfung an und verschwand für längere Zeit in seiner Cabine… auf seinem Schreibtisch hat er die Photographie von uns Vier und von Dir und ober seinem Bett das Heiligenbild, das Du ihm beim Abschied schenktest. Er kann gar nicht von Dir sprechen, ohne Thränen in den Augen…“ (3)

Bis Rom begleitete Ludwig Victor seinen Bruder, dann hieß es endgültig Abschied nehmen. „Wir nahmen herzzerreißenden Abschied, heulten beide fürchterlich. Es war ganz schrecklich, er sagte mir noch für alle sehr hübsche, liebe Sachen die ich Euch mündlich mittheilen will.“ (4)

Dass es ein Abschied für immer wird, konnte er nicht ahnen.


Als die Familie vom Ableben von Max erfuhr, war es wieder Erzherzog Ludwig Victor der auf die Reise nach Schloss Miramare geschickt wurde. Dort hielt sich Erzherzogin Charlotte (*7.6.1840, †19.1.1927) Max Ehefrau bzw. Witwe auf. Von ihr wollte er erfahren, was passiert war.

Doch er fand sie einem Zustand höchster psychischer Verwirrtheit vor, die Zeit ihres Lebens andauern sollte. Nie wieder sollte sie sich von den Vorfällen in Mexiko erholen. Zeit ihres Lebens wusste sie nichts vom Ableben ihres Mannes, Zeit ihres Lebens sprach man sie mit kaiserlicher Hoheit an, da sie glaubte, noch immer in Mexiko und Kaiserin zu sein.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzog Karl Ludwig, Kaiser Franz Joseph (sitzend), Kaiser Maximilian von Mexiko (dahinter), Erzherzog Ludwig Victor
Bild: Ludwig Angerer

Ludwig Victor war es, der den Sarg mit Max von der SMS Novara entgegennahm, ihn in Triest auf den Sonderzug hieven ließ und ihn nach Wien begleitete.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzog Ferdinand Maximilian, Kaiser
Maximilian I von Mexiko

Im August 1867 trafen sich Kaiser Franz Joseph und Kaiser Napoleon III (*20.4.1808,†9.1.1873) zu Gesprächen in Salzburg. Letzterer war zwischenzeitig zum erklärten Feind geworden, da er Max so kläglich im Stich gelassen hatte. Gerade Erzherzogin Sophie verzieh ihm das nicht. Ludwig Victor stand seinem Bruder bei diesem äußerst heiklem Gespräch im Schloss Klessheim zur Seite. Abends ließ Luzi-Wuzi den Park in einen spektakulären Garten verwandeln mit Beleuchtung, Feuerwerk und einer Regatta im Schlossteich.

Foto: Wikimedia/Commons
Napoleon III
Bild: F.X. Winterhalter

Im Oktober 1867 fand in Paris der offizielle Gegenbesuch statt. Kaiserin Elisabeth blieb in Wien, da ihr die Reise zu dieser Zeit zu strapaziös gewesen wäre, da sie schwanger war. Kaiser Franz Joseph nahm seinen Bruder Ludwig Victor mit und Kaiserin Eugénie (*5.5.1826, †11.7.1920) war ganz entzückt von ihm. Am darauffolgenden Tag schrieb Franz Joseph seiner daheimgebliebenen Frau:

„Die Kaiserin (Anmerkung Petra: Eugénie) hat mit Ludwig verabredet, heut mit ihm im Luftballon, der täglich vom Ausstellungsgarten aufsteigt, zu fahren. Es ist keine Gefahr dabei, da der Ballon an einem Stricke gehalten wird, allein der Kaiser (Anmerkung Petra: Napoleon III) darf nichts davon wissen. So etwas hättest Du nicht hinter meinem Rücken….“ Doch zu guter Letzt entschied sich Eugenie um und fuhr mit Ludwig Victor richtig ohne Strick Ballon. (2)

1870 verließ er Salzburg wieder und zog für einige Zeit in seine Sommerresidenz in die Penzingerstraße 9. Heute ist es das Max-Reinhardt Seminar. Diese Villa war angemietet und diente zum Zweck, dass sie in unmittelbarer Nähe von Schloss Schönbrunn war, aber doch weit genug entfernt, um machen zu können was er wollte.

Vor allem als der langjährige Freund und Vertraute, sein Kämmerer k.u.k. Rittmeister 32jährig schwer erkrankte. Paul Merveldt lebte mit Ludwig Victor zusammen und die Literatur geht hier auseinander: Waren sie oder waren sie nicht – ein Paar.

Fakt ist, es gibt 2 Geschichten, warum Paul verstarb. Eine offizielle Version, die auch durch die Gazetten ging und die ehrliche, richtige Version.

Paul Merveldt wurde am 24.4.1838 geboren. Sein Vater war Maximilian Graf Merveldt und Adjutant bei Erzherzog Karl Ludwig. Seine Mutter war Octavia Gräfin von Czernin von Chudenitz.

Schon als Kinder kannten sich die beiden und schließlich wurde Paul bei Ludwig Victor Kämmerer. Laut Gazetten verschluckte Paul Merveldt beim Essen ein Knochenteilchen und erstickte 3 Tage später daran, da es niemand schaffte, ihn von dem Knochen zu befreien.

Dem entgegenzusetzen ist, dass es eine Korrespondenz zwischen Sophie und Luzi-Wuzi gibt, wo dieser über die schwere Erkrankung von Paul berichtet, lange bevor Paul den dubiosen Knochen verschluckt haben soll. Ebenfalls hielt Ludwig Victor Korrespondenz mit dessen Mutter. Da nichts zu helfen schien, wurden die besten Ärzte hinzugezogen und sogar Kaiserin Elisabeth stellte ihren Leibarzt zur Verfügung.

Paul war bettlägerig und musste mehrfach operiert werden.

Katrin Unterreiner diagnostiziert in ihrem Buch „Luzi-Wuzi“, dass Paul aufgrund der Briefe von Ludwig Victor an seine Mutter Sophie an Syphilis litt, da dieser bereits schlecht hören, kaum noch sehen konnte und der stinkende Wundbrand einsetze.

Foto: styriabooks.at
Erzherzog Ludwig Victor mit Paul Merveldt und einem Merveldt-Bruder

Studiert man allerdings die Tagebücher von Erzherzogin Sophie, liest man, dass am 23.4.1870 eine OP gelungen ist, die ein junger Chirurg namens Billroth durchgeführt hatte.

Dabei wurde eine eitrige Leberzyste geöffnet, die durch einen „Leberwurm“ hervorgerufen wurde. Sophie notierte entsetzt, dass ein ganzer Pferdestallkübel mit einer grünlichen Flüssigkeit abgegangen ist.

Dieser wichtige Eintrag von Sophie, lässt die Vermutung zu, dass Paul an einem Hunde- oder Fuchsbandwurm litt (Echinokokkose). Bei Ein- oder Austritt der Flüssigkeiten können die Zysten auch in andere Organe – auch ins Gehirn – abwandern.

Nach dieser Operationen reichte es Ludwig Victor und er veranlasste den Transport zu sich nach Penzing, wo er die Pflege von Paul übernahm. Er kümmerte sich um den Kranken bei Tag und Nacht. Leider kam trotzdem jede Hilfe zu spät.

Paul erlag seiner schweren Krankheit mit 32 Jahren in Wien Penzing am 3.6.1870.

Ludwig Victor war untröstlich und Mama Sophie tröstete ihren Sohn wo sie nur konnte.

Immerhin war ihr Luzi-Wuzi die größte Stütze gewesen, als ihr Liebling Max starb. Er zog quasi zurück in die Hofburg. Las ihr beinahe Tag und Nacht vor, sah zu, dass sie aß, ging mit ihr spazieren, las ihr stundenlang ein- und dieselben alten Briefe von Max vor und erzählte ihr immer wieder von den schönen Augenblicken in der Kinderzeit, der Hochzeit, den schönen Erinnerungen in der Hofburg und Schönbrunn und natürlich an die Besuche in Miramare. Dies dankte sie ihm jetzt, in dem sie nach Pauls Tod für ihn da war.

Als am 25.8. und 26.8.1877 Salzburg von einem der schlimmsten Hochwasserkatastrophen des Jahrhunderts betroffen war, war Ludwig Victor sofort zur Stelle. Er half nicht nur finanziell aus, sondern auch den Menschen direkt vor Ort.

Die Salzach trat über das Ufer am Elisabethkai, Rudolfskai und Franz-Josefskai, so dass die Altstadt völlig überschwemmt und abgeschnitten war. Erzherzog Ludwig Victor kaufte sofort Boote an, um die Menschen retten lassen zu können und ließ frisches Wasser, sowie Essen verteilen.

Sein 60. Geburtstag wurde am 15.5.1902 in Salzburg groß gefeiert. Alles war vor Ort was Rang und Titel hatte. Am 24.8.1902 eröffnete er die „Erzherzog-Ludwig-Viktor-Brücke“ über der Salzach und der „Alte Markt“ wurde in „Ludwig-Viktor-Platz“ umgetauft (heißen heute beide anders).

Danach zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er pendelte zwar noch zwischen Wien und Salzburg hin und her, aber die wilden Partys gingen zurück. Es wurde still um den einst so wilden Erzherzog.

Am 1.2.1904 kam es dann doch noch zu einer Verbannung von Wien nach Salzburg und Erzherzog Ludwig Victor sollte nie wieder nach Wien zurückkommen. Sein schönes Palais zerfiel zusehends und in Klessheim wurde es noch ruhiger.

Zuerst fuhr Erzherzog Ludwig Victor 3 Monate auf Kur nach Meran in den Meranerhof, danach ging es direkt weiter nach Schloss Klessheim. Die Wiener erfuhren nie den wahren Grund. Nun aber ist die berühmte Kaiserbründlbad-Geschichte doch noch dran.

Das ist die Geschichte die jeder kennt und die bis heute noch in wirklich jedem Buch verbreitet wird:
Zu einem Affront kam es, als es im Kaiserbründlbad zu einer Schlägerei kam. Dort irrte sich der Erzherzog bei einem jungen Mann ob seiner sexuellen Orientierung und bekam eine Ohrfeige. Da der Mann Ludwig Victor erkannte, drohte er mit einem Skandal und einer öffentlichen Kundmachung. Um dieser zu entgehen, schickte Kaiser Franz Joseph Luzi-Wuzi nach Salzburg.

Foto: readymap.at
Kaiserbründl Bad

Das ist die Wahrheit zu jener Geschichte:
Erzherzog Ludwig Victor war gegen die morganatische Ehe von Erzherzog Franz Ferdinand (*18.12.1863,†28.6.1914) und wurde auch nicht müde, dies immer wieder zu betonen. Er wurde auch nicht müde, dies bei seinem Bruder kundzutun. Obwohl es ihn im Prinzip gar nichts anging, mischte er sich allzu gerne ein. Dies war seine Natur. Kaiser Franz Joseph aber, war auch seiner Meinung, und quälte Franz Ferdinand tatsächlich jahrelang bis er sein Einverständnis gab und dieser endlich seine Sophie von Chotek (*1.3.1868, †28.6.1914) heiraten durfte. Erzherzog Franz Ferdinand, der Luzi-Wuzi sowieso hasste wie die Pest, rächte sich bitterlich.

Das Wiener Palais hatte alles nur kein Schwimmbad und so wusste jeder im Umfeld des Erzherzogs lebte, dass er das öffentliche Kaiserbründbad aufsuchte. Gemeinsam mit seinem Adjutant ging er wie so oft in besagte Bad, um sich zu entspannen. Obwohl die Herrensauna nicht vereinbar war, mit den strengen Regeln des Wiener Hofes, sah man immer wieder den Hofwagen in der Weihburggasse stehen und jeder Wiener wusste, dass es jener des Erzherzoges Ludwig Victors war. Was nun wirklich geschah, kann heute nicht mehr korrekt wiedergegeben werden.

Korrekt ist aber, dass es eine Intrige von Erzherzog Franz Ferdinand war, der seine Spitzel postiert hatte und der Herr der sich „belästigt“ fühlte, ein persönlicher Freund von Sophie und Franz Ferdinand war.

Doch Kaiser Franz Joseph wollte nichts mehr hören. Sein Bruder ging diesmal zu weit. Schweigegeld wurde bezahlt und Luzi-Wuzi wurde verbannt. Franz Ferdinand hatte seinen Widersacher besiegt, mit Ludwig Victor aber ging es bergab.

Ab diesem Zeitpunkt litt er seelische Höllenqualen. Immer wieder bat er seinen Bruder zurückkommen zu dürfen, doch Franz Joseph war unerbittlich. Kein Wort wollte er hören und zurück nach Wien durfte Ludwig Victor auch nicht. Ab dem 13.8.1904 ging Primar Dr. Schweighofer von der nahen „Landesheilanstalt für Irrenkrankheiten“ beim Erzherzog Ein und Aus.

Foto: Wikimedia/Commons
Prinzessin Gisela
Foto: Wikimedia/Commons Erzherzogin Marie Valérie

Traf man Ludwig Victor war sein Blick oft starr, leer und er konnte dem Gespräch nicht folgen. Anderntags dann war er wieder klar, lustig, machte Späße und lud zum Tee und Kuchen. Doch die Partys wurden weniger, die Leute und die vielen Besuche blieben aus.

Nur noch Erzherzogin Marie Valérie (22.4.1868,†6.9.1924), ihre Kinder, Prinzessin Gisela von Bayern (*12.7.1856, †27.7.1932), ihre Kinder und die Ehemänner kamen ihren Onkel besuchen. Sie wurden sein ganzer Halt.

1905 kam es zur großen Versöhnung mit seinem Bruder, der sich auf den Weg nach Ischl befand und bei Luzi-Wuzi vorbeischaute.

Niemand war je so glücklich wie Ludwig Victor, hatte ihm sein Bruder verziehen – im Grunde hatte er gar nichts getan.

Doch nach Wien kam er nie wieder zurück. Sein Palais verfiel zusehends. 1911 ließ es Kaiser Franz Joseph in ein Militärcasino umwidmen. Immer häufiger zeigten sich geistige Verwirrung und beginnende „Demenz“.

Foto: geni.com
Nora Fugger von Babenhausen

Obwohl Fürstin (Ele)Nora Fugger von Babenhausen (*4.10.1864,†1.3.1945) in ihrer eigenen Biografie gar garstige Worte über Luzi-Wuzi fand, so war sie Zeit seines Lebens mit ihm in Kontakt und sogar befreundet. Sei es per Brief oder auf zahlreichen Festen.

„Er war grundverschieden von seinen Brüdern, war weder militärisch noch kunstverständig, schwächlich, unmännlich, geziert und von garstigem Äußeren. Er führte ein sehr weltliches Leben, war über alles – nicht immer richtig – unterrichtet, seine Zunge war scharf wie die einer Giftschlange. In alles mischte er sich ein, spann darauf Intriguen und freute sich, wenn kleine Skandälchen daraus wurden…“ (6)

Bereits 1912 wurde die Dienerschaft verringert, die Autofahrten wurden eingestellt, der Chauffeur wurde entlassen, die Tore zu Klessheim wurden versperrt und Zulass bekam man nur noch mit Genehmigung von Hofrat Gautsch, der bei Erzherzog Ludwig Victor als Betreuer lebte.

1915 wurde Erzherzog Eugen (*21.5.1863, †30.12.1954) als Sachwalter bestellt, doch leider interessierte sich dieser weder für den Kranken, noch hielt er Nachschau. Und so übernahm Hofrat Gautsch das Kuratel und die alleinige Aufsicht.

In dieser Zeit vegetierte Ludwig Victor schon vor sich hin; unter der Fuchtel von Gautsch.

Ihm wurden nur noch die Zugänge zu 3 Zimmern gestattet, der Rest des einst so prachtvoll ausgestatteten Schlosses war für den Erzherzog versperrt.

Schließlich ließ er die Fenster und die Eingangstüre vergittern und Ludwig Victor lebte wie in einem Gefängnis. Zugang hatte nur ein Pfleger und der Hofrat, nicht einmal mehr seine Nichten Marie Valérie oder Gisela durften mehr zu ihm; es würde den Onkel zu sehr aufregen, so der Hofrat.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzog Eugen

Als Gautsch an das Vermögen des Erzherzoges und ihn endgültig ins Irrenhaus abschieben wollte, ließ das Primar Schweighofer nicht zu. Er verständigte Erzherzogin Marie Valérie die den sofortigen Einlass forderte.

Sie fand ihren Onkel in einem grauenhaften Zustand. Normalerweise musste sie sich beinahe 1 Woche schriftlich vorher anmelden, weshalb Gautsch reichlich Zeit hatte Luzi-Wuzi herauszuputzen.

Dr. Schweighofer und Marie Valérie konnten zwar nichts gegen Gautsch unternehmen, wohl aber dafür Sorgen, dass es Ludwig Victor etwas besser gehen würde. Das Vermögen wurde nicht an Gautsch ausgehändigt. Außerdem kam von nun täglich ein Pfleger der von Dr. Schweighofer ausgesucht wurde, ins Haus.

Prinzessin Gisela und Erzherzogin Marie Valérie machten es sich zur Aufgabe, unangekündigt zu erscheinen. Dennoch vegetierte Ludwig Victor geistig umnachtet vor sich hin. Er erkannte zusehends weder seine Umgebung, noch seine Nichten.

1916 konnte oder durfte Erzherzog Ludwig Victor nicht mehr am Begräbnis von Kaiser Franz Joseph teilnehmen. Obwohl Kaiser Karl sein Erbe war, kümmerte dieser sich überhaupt nicht um den Kranken. Er erkundigte sich nicht ein einziges Mal nach seinem Großonkel.

Obwohl Ludwig Victor das Ende der Monarchie erlebte, blieb er von dieser unbeeindruckt. Er bekam sie geistig nicht mehr mit. Er war bettlägrig und konnte Klessheim nicht mehr verlassen. Er war vollends auf die Hilfe von Gautsch und seinem Pfleger angewiesen. Ob ihn diese nun gut versorgten und ob das Schloss in einem guten Zustand war, kann heute nicht mehr eruiert werden.

Erzherzog Ludwig Victor starb, als letzter der 4 Brüder, am 18.1.1919 76jährig in Schloss Klessheim. Er ruht am öffentlichen Friedhof in Siezenheim.

Bereits 6 Jahre zuvor hatte er dafür gesorgt, dass jenes Grab angekauft wurde, in dem er heute ruht. Er wollte partout nicht in die Kapuzinergruft überstellt werden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt.

– Petra –

Video: mythoskaiserinelisabeth.com – Tamara

Rechtliche Hinweise:
Text: Petra
Video: Tamara
Bildrechte: mythoskaiserinelisabeth.com – Tamara, Wikimedia/Commons, Wien Museum, Theatermuseum, Akpool.de, styriabook.at, readymap.at, geni.com, Österreich Werbung Weinhäupl



Literatur Hinweise:

1 – S.403,
Brigitte Hamann
Die Habsburger: Ein biografisches Lexikon (nur noch antiquarisch erhältlich)
Piper Verlag

2 – S. 78/79, 3 – S. 61, 4 – S. 61
Katrin Unterreiner 
Luzi Wuzi Das provokante Leben des Kaiserbruders Ludwig Viktor
Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG, 1. Auflage

5 – S. 41
Michaela Lindinger
Sonderlinge, Außenseiter, Femmes fatales: Das „andere“ Wien um 1900
Amalthea Verlag, 1. Auflage

6 – S. 126
Nora Fugger
Im Glanz der Kaiserzeit (nur noch antiquarisch erhältlich)
Amalthea Verlag

7 – S. 148, 8 – S 263/4, 9 – S 266
Brigitte Hamann
Kaiserin Elisabeth Das poetische Tagebuch
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 3. Auflage 1995 (nur noch antiquarisch erhältlich)

10 – S 198
Brigitte Hamann:
Kaiserin wider Willen , Amalthea, 1992, 11. Auflage

Der kleine Flirt von Kaiserin Elisabeth – Friedrich Pacher List von Theinburg (Teil 4)

Foto: Wikimedia/Commons
Kaiserin Elisabeth
Bild: Ludwig Angerer

Es war der 17.2.1874 als Kaiserin Elisabeth gelangweilt in Wien fest saß. Kaiser Franz Joseph war mit Graf Gyula Andrássy (*3.3.1823, †18.2.1890) in St. Petersburg. Obwohl Elisabeth gerade aus Ungarn kam, überlegte sie zurückzukehren. Doch die ewigen Vorwürfe, sie sei zu wenig in Wien, hielten sie davon ab. Außerdem reagierte Ungarn etwas verstört, als der Kaiser von Österreich und König von Ungarn nach Russland fuhr. 

Foto: Wikimedia/Commons
Gyula von Andrássy

Allein in der Hofburg, nur umringt von ihren Hofdamen, wurde ihr schnell langweilig. Vor den Toren der Hofburg hörte sie das schallende Lachen verkleideter Menschen, denn der Fasching war in vollem Gange. Die Wiener Redoute, ein damals berühmter Faschingsball, öffnete zu dieser Zeit seine Tore und von allen Seiten strömten Kutschen herbei. Der Adel und die Reichen von Wien und dem Ausland strömten verkleidet und mit guter Laune in den Redoutensaal.

Elisabeth bat ihre Vorleserin und enge Vertraute Ida von Ferenczy (*7.4.1839, †28.6.1928) zu sich. Und so hegten die beiden Damen einen perfiden Plan aus, um nicht nur der Langeweile, sondern auch den Wachen vor den Türen zu entkommen.

Fanny Feifalik (*28.1.1842, †14.7.1911) wurde damit beauftragt, die Kaiserin zu „verkleiden“. Seit Jahren schon vertraute Elisabeth nur Fanny. Obwohl die beiden oft Streitigkeiten hatten, ließ Elisabeth kaum jemand anderen an ihre Haare. Fanny machte sich einen Spaß aus der ganzen Sache und stülpte über die ohnehin schon schwere Haarpracht eine rotblonde Perücke. Dazu wurde ein gelbes Seidenkleid mit überdimensionaler Schleppe gewählt. Diese sollte später noch auf dem Ball für große Aufregung sorgen. Über dem Gesicht trug Elisabeth eine schwarze Maske mit dichtem schwarzen Schleier.

Die Damen waren sich einig: Niemand würde die Kaiserin damit erkennen.

Foto: forum.alexanderpalace.org
Fanny Feifalik

Ida von Ferenczy wurde in ein rotes Dominokleid gesteckt. Ihr Gesicht wurde ebenfalls mit einer Maske verborgen. Niemand sollte die Vorleserin Ihrer Majestät erkennen.

Außer den genannten Damen wurde noch Kammerfrau Schmidl in das Geheimnis eingeweiht. Sie kleidete die Damen ein. Sie schwor das Geheimnis zu bewahren.

Woher kamen die Verkleidungen und wie sahen diese ungefähr aus? Lange begab ich mich auf die Suche, da ihr mich mit euren Kommentaren auf der Facebookseite wieder einmal herausgefordert habt. Ein venezianisches Kostüm soll es gewesen sein, so euer Tenor. Also begab ich mich auf die Suche…

…und wurde schließlich bei einer Zarin fündig. Allerdings lebte diese im 18. Jahrhundert. 

Jelisaweta Petrowna Romanowa (Elisabeth Petrowna Romanow) (*29.12.1709, †5.1.1762) trug ein venezianisches Dominokostüm in schwarzer Seide und ließ sich von Georg Cristoph Grooth portraitieren. 

Foto: Wikimedia/Commons Jelisaweta Petrowna Romanowa
Foto: photo.rmn.fr, Ausschnitt des Bildes „Le Charlatan“ von Falca Pietro

In Paris im Grand-Palais hängt von Falca Pietro (*5.11.1701,8.5.1785) ein Bild welches „Le Charlatan“ heißt. Auffallend dabei ist allerdings, dass auf dem Bild ein Mädchen ein Dominokostüm trägt, einen Fächer in der Hand hält und sich mit einem Mann unterhält, der eine Maske trägt. Das Mädchen selbst ist allerdings demaskiert.

Ich zeige euch einen Bildausschnitt, da das Kostüm von Interesse ist.

Schon in Versailles zu Marie Antoinettes Zeiten veranstaltete man Faschingkostümfeste und sogar die Königin selbst ging einmal als Domino, wurde allerdings erkannt.

Foto: thisversailles.com, Dominokostüm

Die Maske bedeckt das gesamte Gesicht. Der Mantel stammt aus Venedig und war immer aus Seide gefertigt. Die frühen Maskeraden waren in ganz Europa in Mode, was die Verwendung des Dominomantels weiter verbreitete. Beide Stücke waren meist schwarz, wurden aber später auch in bunten Stoffen gefertigt. Der Dominomantel war voluminös – dies deshalb, sollte es einen Hauch von Dramatik erzeugen und das Geheimnis der Frau noch mehr hervorheben.

‎Sowohl Männer, als auch Frauen trugen Dominomäntel, allerdings waren die Mäntel der Männer nicht so voluminös gearbeitet, wie die der Frauen. Die Ärmel waren breit und in der Regel war der Mantel mit einer abnehmbaren Kapuze ausgestattet. Das Wort „Domino“ wurde von den Kapuzen der französischen Priestern abgeleitet, die diese im Mittelalter getragen hatten.

Elisabeth nahm in der Gestalt des Dominos einen „Decknamen“ an. Ida sollte sich weder mit Majestät, noch mit Elisabeth oder Sisi in der Öffentlichkeit verraten. Sie entschieden sich für den Namen „Gabriele“. In vielen historischen Büchern ist der Name einer weiteren Hofdame Gabriella Pállfy de Erdöd (*17.11.1833, †22.3.1914) auffällig und es wird angenommen, dass diese dafür herhalten musste. Doch Biograph Egon C. Conte Corti schrieb, dass die Kammerfrau Schmiedl Gabriele hieß und sich so der Name ableitete. In vielen historischen Biographien wird der Name „Gabriella“ zitiert. Ich bleibe bei Gabriele von Conte Corti.(*)

Um an den Wachen vorbei zu schleichen, wandte man eine List an. Kammerfrau Schmidl war von ebengleicher hoher Gestalt wie die Kaiserin und so nannte Ida diese beim Vornamen, damit diese glaubten, dass die Kammerfrau und die Vorleserin der Kaiserin „Aus“ gingen. Es muss ein Spaß gewesen sein, wenn man es heute betrachtet.

Im Saal angekommen, nahmen die Damen einen Platz auf der Galerie ein. So konnten sie den Saal überblicken und waren nicht inmitten des Getümmels. Die Blicke streiften umher und so zog ein junger Mann den Blick von Kaiserin Elisabeth an. Sie bat Ida den jungen Mann zu ihr zu bitten. Ida tat wie geheißen und forderte den Mann auf, ihre „Freundin“ die einsam auf der Galerie säße, würde ihn gerne kennen lernen. 

Foto: Wikimedia/Commons
Hofdame Gabriella Pállfy de Erdöd

Er stellte sich als Friedrich Pacher List von Theinburg (*1847, †12.5.1934) vor. Er war 26 Jahre alt und von Beruf Beamter.

Fritz, wie er genannt wurde, kam aus dem Staunen nicht heraus. Die schlanke Gestalt, die Maske und das Kleid verrieten die Kaiserin gleich als „höheren Adel“.

In der Biografie von Conte Corti lässt sich lesen, dass er sofort einen Verdacht hegte, als er die „schöne Dame“ sprechen hörte.

Kaiserin Elisabeth war es nicht gewohnt in der Öffentlichkeit zu sprechen und wirkte oft einsilbig.

Man wusste allgemein, dass die Kaiserin kaum hörbar sprach, oft nur flüsterte. Auch dieser gelbe Domino sprach so leise, dass er Mühe hatte dem Gespräch zu folgen, zumal es schnell zum Erliegen kam.

Das bunte Treiben im Saal, war seltsam anzuschauen, wenn man die steife Haltung der beiden Damen bedenkt. Obwohl sich Ida diskret zurückgezogen hatte, blieb sie in der Nähe und beobachtete die Szene genau. 

Schon bald änderte sich das Gespräch und plötzlich wollte Elisabeth wissen, ob er die Kaiserin kenne und was man sich über sie erzähle. Ein Gedanke zuckte wie ein Blitz durch seinen Körper. Er ahnte, dass sie es war, die vor ihm stand, doch beweisen konnte er es nicht.

Fritz Pacher erzählte, dass er sie persönlich nicht kennengelernt habe, da sie sehr scheu sei. Er habe sie aber im Prater beim Reiten gesehen. Selbstverständlich nur aus der Ferne. Sie gäbe sich – anstatt mit dem Volk – lieber mit ihren Hunden und Pferden ab. Zumindest erzähle man sich das auf der Straße.

Elisabeth hörte interessant zu und lächelte verzückt vor sich hin. Natürlich erwähnte er auch ihre außergewöhnliche Schönheit, von der ganz Wien sprach und ihre hervorragende Figur. Der gelbe Domino soll sich daraufhin amüsiert gerade gerichtet haben. 

Foto: Wikimedia/Commons
Prinzessin Gisela von Bayern

Als die Kaiserin fragte, für wie alt Fritz sie halte, nannte er keck das echte Alter von Elisabeth. Sie war zum damaligen Zeitpunkt 36 Jahre alt.

Elisabeth war am Höhepunkt ihrer Schönheit, allerdings bereits zu ihrem großen Verdruss Großmutter.

Ihre Tochter (verehelichte) Gisela Prinzessin von Bayern (*12.7.1856, †27.7.1932) hatte am 8.1.1874 ihre Tochter Prinzessin Elisabeth Marie zur Welt gebracht (Anmerkung Petra: nicht zu verwechseln mit Erzsi, welche ebenfalls Elisabeth Marie hieß und die Tochter von Kronprinz Rudolf (*21.8.1858, †30.1.1889) war. Diese wurde allerdings erst am 2.9.1883 geboren).

Daraufhin endete das Gespräch abrupt. Beleidigt nannte Gabriele ihn „unhöflich“ und stand auf. Danach soll sie

„So, jetzt kannst du abfahren!“ (1)

gesagt haben.

Fritz antwortete ironisch:

„Das ist aber wirklich liebenswürdig, zuerst läßt du mich zu dir heraufkommen, quetschst mich aus und gibst mir dann den Laufpaß. Gut, ich gehe, wenn du genug von mir hast, aber eines glaube ich doch von dir verlangen zu können: einen Händedruck zum Abschied.“ (2)

Elisabeth setzte sich darauf hin und gebot Fritz nochmals Platz zu nehmen. Das freche, unkonventionelle Verhalten des jungen Mannes beeindruckte sie sehr.

Mit diesem Satz wandelte sich für die beiden der Abend. Elisabeth taute auf und ging nun am Arm von Fritz Pacher von Theinburg durch den gesamten Ballbereich.

Sogar die Nebenräume sahen sich die beiden an. Fröhlich wurde über Politik, das Kaiserhaus und sogar über Allerlei (heute würde man small talk dazu sagen) gesprochen.

Elisabeh war nicht wiederzuerkennen. Fritz selbst benahm sich wie ein Gentlemen. Ließ schlüpfrige Witze, machte keine zweideutigen Andeutungen und ließ das Flirten. Später erzählte er Conte Corti, dass er wusste, es würde keinen Sinn machen.

Jeder der ihn an diesem Abend mit dem „gelben Domino“ sah, ging erstaunt zur Seite.
Zu königlich der Gang des Dominos.
Zu schlank, zu hochgewachsen, zu schön die gesamte maskierte Gestalt.

Obwohl von Theinburg diese Szenen genoss, so war ihm innerlich unbehaglich. Die adelige Gesellschaft begann sich um das Paar zu platzieren und man tuschelte unentwegt und versuchte die Identität der gelben Dame zu erraten. Nur einer war dabei, der wusste wer sie war.

Freund und Sportsmann Nikki Esterházy (Miklós Pál Esterházy de Galántha, genannt Nikki oder auch Sport-Nikki) (*5.12.1839, †7.5.1897) erkannte Elisabeth. Zu oft war er zu Gast auf Schloss Gödöllö und an ihrer Seite, als dass er ihre Stimme, ihren Gang und ihre Art nicht erkennen würde. Doch er schwieg. 

Foto: Wikimedia/Commons
Miklós Pál Esterházy de Galántha „Sport-Nikki“

Fritz von Theinburg bat um ein weiteres Rendezvous. Elisabeth, die vorgab, keine feste Adresse zu haben, da sie permanent auf Reisen sei, gab ihm zu verstehen, dass vielleicht ein Treffen in Stuttgart oder München möglich wäre und ob er dorthin eilen würde.

Er würde überall hinreisen, gab er an, Hauptsache er könnte „seinen schönen Domino“ wiedersehen. Als er darum bat, dass sie zumindest den Handschuh ausziehen solle, damit er ihre Haut und Hände bestaunen könne, lehnte Elisabeth ab. Das Geheimnis sollte bewahrt werden. 

Foto: Wikimedia/Commons
Fritz von Theinburg

Mittlerweile war der Ball fortgeschritten. Weit nach Mitternacht und Ida wurde immer nervöser und kam immer öfter zu Elisabeth zurück. Sie hatte sich entfernt, als diese begann im Saal herumzulaufen.

Doch Elisabeth ließ sich die Adresse von Fritz geben und versprach alsbaldig zu schreiben. Die Kutsche fuhr vor und die beiden Damen entschwanden in der dunklen Nacht. 

Kaiserin Elisabeth war bang beim Gedanken, dass er ihr folgen würde. Ida ließ den Fiaker noch in die Vorstadt fahren. Berauscht und glückselig saßen die beiden Damen in der Kutsche. 

Angekommen, setzte sich Elisabeth noch an ihren Schreibtisch und dichtete folgende Zeilen: 

Wo sich bunte Masken drängen,
Welch Summen, Toben, Lärmen, Schrei’n,
Wie sie zu tollen Walzerklängen
Den Mücken gleich, sich dreh’n und freu’n.



Doch wir zwei wählten uns das Beste;
Wir sassen in den Wagen ein,
Der ward uns bald zum warmen Neste:
Und Dunkelheit hüllt‘ rings uns ein….“
(3)

Berauscht war auch Fritz von Theinburg, der in seine kleine Wohnung zurückging und nicht schlafen konnte. Täglich ging er in den Prater und versuchte die reitende Kaiserin zu erblicken. Ständig blieb er in der Nähe der Hofburg und hoffte, Sisi in einer Kutsche zu sehen. Und tatsächlich. Die Kutsche fuhr knapp an ihm vorbei. Schlagartig drehte sich Elisabeth um, hob den Vorhang zum hinteren Sichtfenster, erblickte den erstaunten Fritz von Theinburg und ließ ihn wieder fallen. Eine Woche später bekam er Post. Aus München. 

„Lieber Freund!

Sie werden erstaunt sein, meine ersten Zeilen aus München zu erhalten. Ich bin seit wenigen Stunden hier auf der Durchreise und benütze die kurzen Augenblicke meines Aufenthaltes, Ihnen das versprochene Lebenszeichen zu geben. Und wie sehnsüchtig haben Sie es erwartet. Leugnen Sie nicht mit Ihrer ehrlichen deutschen Natur. Aber fürchten Sie nicht, ich fordere keine Erklärungen, ich weiß ja so gut wie Sie, was seit jener Nacht in Ihnen vorgeht. Mit tausend Frauen und Mädchen haben Sie schon gesprochen, sich auch unterhalten geglaubt, aber Ihr Geist traf nie auf die verwandte Seele. Endlich haben Sie im bunten Traum das gefunden, was Sie jahrelang suchten, um es für ewig vielleicht wieder zu verlieren.
Ich bin auf dem Wege nach Englang, die Verwandten meiner Mutter in Geschäftssachen aufzusuchen, ein trockener geistermüdender Aufenthalt steht mir bevor. Ich werde lange zehren müssen an den letztverlebten Stunden. – So lange ich kann, gebe ich die Hoffnung auf Stuttgart nicht auf. Von London aus erhalten Sie wieder Nachricht. Schreiben Sie mir einstweilen

Hauptpost poste restante Wien
unter der Adresse „Gabriele F.L.36“

Meine Cousine, deren blonde Haare so grossen Eindruck auf Sie machten, besorgt mir die Briefe.“ 

In Eile grüsst Sie 
Ihre Freunden G. (4)

Gräfin Marie Festetics, Hofdame Foto: Wikimedia/Commons

Mit der Cousine war natürlich niemand geringerer als Hofdame Gräfin Ida von Ferenczy gemeint.

Fritz Pacher schrieb sofort zurück und nach 2 Tagen erfährt er, dass der Brief abgeholt worden sei. 

Tage, Wochen danach beschäftigte Ida von Ferenczy noch immer das Geschehen am Ball. Kaiser Franz Joseph und Graf Gyula Andrássy kehrten nicht wie vorgesehen am 11.2.1874 von St. Petersburg zurück, sondern erst am 27.2.1874.

Und obwohl Hofdame Gräfin Marie von Festetics (*20.10.1839, †17.4.1923) ebenfalls eine Intima von Kaiserin Elisabeth war, wusste diese nichts von diesem Abenteuer. Insgeheim freute sich Ida darüber, obwohl sie sich mit Marie von Festetics außerordentlich gut verstand. 

In der Zwischenzeit sammelte Fritz von Theinburg, alles was über die Kaiserin in der Presse erschien. Jeder noch so unbedeutende Schnipsel wurde ausgeschnitten. Er wollte das Geheimnis seiner schönen Begleiterin lüften, doch so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte, war es nicht. Elisabeth verwischte gut ihre Spuren. Zu gut.

Mittlerweile langten immer wieder Briefe ein. Ein weiterer Brief war mit 23.3.1874 datiert. Ebenfalls aus London. Der nächste war nur mit „April 1874“ datiert, wieder angeblich aus London. 

Doch in den Zeitungen war nirgends zu lesen, dass sich Elisabeth dort aufhalten sollte. War er auf der falschen Spur? Oder lügt diese Gabriele nur wie gedruckt. In den Briefen war zu lesen, dass Gabriele Hunde hasste, im Orient sei und wieder gab es eine neue Adresse für ihn. Diesmal sollten die Briefe an „Leonard Wieland, General Postoffice“ in London gehen.

Friedrich Pacher List von Theinburg wurde immer unsicherer. Der sehr hübsche junge Mann glaubte an einen Trugschluss, schrieb aber immer wieder zurück. Dass sich zu dieser Zeit allerdings Königin Marie von Neapel (*4.10.1841,†19.1.1925), eine Schwester von Kaiserin Elisabeth in London aufgehalten hatte, wusste er natürlich nicht. 

Foto: Wikimedia/Commons
Königin Marie von Neapel

Die ersten Briefe vergaß er „nochmals abzuschreiben“, damit er ihn ebenfalls in Händen halten bzw. für die Nachwelt bewahren konnte. Denn, sollte es Kaiserin Elisabeth gewesen sein, wäre dies für ihre Biographen sicherlich interessant. 1874 so weit vorauszudenken, war sicherlich von Vorteil. 

Elisabeth wäre nicht Elisabeth, wenn sie nicht aus allem einen Wahn entwickelt hätte.

Und so geschah es auch hier. Ein kleiner unbedeutender Flirt an einem Faschingsdienstag, wurde für die gelangweilte Kaiserin eine Passion.

Sie steigerte sich so sehr in diese Geschichte, dass ihre Briefe zwischen Wahn und Wahrheit hin und her hüpften und aus einer kleinen zufälligen Begegnung wieder ein Gedicht machte.

Sie hoffte, dass sich ihr „Freund“ Ferdinand Pacher nach ihr verzerrte. Sie lechzte nach Hinweisen in seinen Worten. 

Als Kaiserin Elisabeth mit ihrer Tochter Erzherzogin Marie Valerie (*22.4.1868, †6.9.1924) wieder im Prater Ausritt, traf sie auf Fritz, der dort (zufällig?) spazieren ging. Überrascht grüßte er sie und lächelte sie überaus freundschaftlich an. Jahre später erzählte Elisabeth ihrer Tochter die Episode als Domino und erwähnte dabei diesen Ausritt. Sie war sich ab diesem Zeitpunkt sicher, dass er sie als gelben Domino erkannt hatte. 

Doch trotzdem oder gerade deshalb schrieb sie über jenes Treffen ein Gedicht: 

Ich seh dich reiten, ernst und traurig, 
In Winternacht im tiefen Schnee; 
Es bläst der Wind so eisig schaurig, 
Mir ist so schwer zumut, so weh!

Im dunklen Osten, fahl verschwommen, 
Da dämmert jetzt ein blasser Tag, 
Mit Centnerlast das Herz beklommen, 
Trägst heimwärst du die bitt’re Klag! (5) 

Während Elisabeth vor sich hinträumte und meinte, ihren Seelenfreund gefunden zu haben, den sie doch nicht haben durfte, beging Fritz einen folgenschweren Fehler, den er büßen sollte. Er ging auf den letzten Brief „aus London“ mit Argwohn ein. Er forderte „Gabriele“ auf sich zu bekennen und schrieb ihr, dass er glaube, dass sie Elisabeth heiße. Außerdem sei ihm der kleine Flirt ganz Recht gewesen, mittlerweile sei das Spiel aber langweilig und es wäre an der Zeit die Wahrheit zu sagen. 

Erst zu spät fiel ihm auf, dass er damit alles zerstört hatte. Der Flirt wäre von Elisabeth noch jahrelang betrieben worden, wäre Fritz von Theinburg nicht so unklug gewesen und hätte dieses Antwortschreiben verfasst. Er ärgerte sich massiv über sich selbst. Sein Brief wurde nie beantwortet. 

Redoutensaal Hofburg, heute Foto: Hofburg

Monate später hoffte er, auf dem erneuten Faschingsball in der Wiener Redoute seinen Domino wiederzufinden.

Und so geschah es 1876, dass ein groß geblümter Domino plötzlich neben ihm stand, sich wie von selbst einhackte und mit ihm spazieren ging.

Doch es war ihm bald klar, dass es sich hier nicht um den „gelben Domino“ handelte. Die Unterhaltung verlief aber außergewöhnlich intim, denn dieser „blumige Domino“ wollte die Briefe von „Gabriele“ zurück. Erstaunt über diese Forderung, antwortete er, nur wenn er seine zurück bekäme. Damit war der Abend zu Ende. 

Am 6.3.1876 erhielt er folgenden Brief: 

„Lieber Fritz, 
Obgleich Du denken wirst, dass ich Dich vergessen, so will ich Dich hiemit vom Gegentheil überzeugen, und Dir mitteilen, dass sich Gabriele sehr freute zu hören, dass Du ihrer noch gedenkst, dass ich ihr Deine Grüsse ausgerichtet ist selbstverständlich und lässt auch sie Dich bestens grüssen. Die Arme hat sich vorgestern den Fuss derart verstaucht, dass sie genöthigt ist, das Bett zu hüten, ich hoffe jedoch, dass der Unfall einen günstigen Verlauf nehmen wird. Ich theile Dir dies mit, da ich denke, dass alles was sie betrifft Dich interessieren dürfte; nun zu etwas anderem. Du sagtest mir auf der letzten Redoute, dass falls Gabriele ihre Briefe zurück will, Du geneigt bist, sie ihr zu senden, gegen Austausch der Deinigen. Trotzdem sie durchaus kein Misstrauen in Dich setzt, so wirst Du doch begreifen, dass es für sie eine Beruhigung wäre, wenn sie wieder in Besitz der Briefe käme, willst Du sie also zurücksenden, so kannst sie poste restante, Wieden unter Henriette B.R., wo ich sie dann abholen lassen werde, und Dir auch gleich die Deinen senden, jedenfalls antworte mir umgehend, wie es Dir geht, was Du noch getrieben, als ich Dich am Dienstag verliess, gewiss unzählige Rendez-vous gegeben nicht wahr? 
Nun will ich Dich nicht länger quälen, sondern bloss Dich bestens grüssen als Dein rother Domino 
Henriette B.R. poste restante Wieden.“ (6)

Ida von Ferenczy Foto: Wikimedia/Commons

Doch „Henriette“ hat nicht mit der Verweigerung von Fritz Pacher gerechnet. Sein Antwortschreiben war eher belustigt, als besorgt. Die Briefe sandte er nicht zurück und so wurde der Ton von Henriette entzürnter. Mittlerweile war der „rothe Domino“ zum „Großgeblumten“ Domino geworden und so kam er auf die Idee, dass es sich hierbei um die bekannte Friseurin im Dunstkreis der Kaiserin gewesen sein könnte, die ihm mittlerweile schreibe.

Egal wer ihm schrieb, die Damen amüsierten sich köstlich, allerdings ärgerten sie sich auch, denn die Briefe von „Gabriele“ kamen nicht zurück. 

Der Kontakt riss ab und Jahre gingen ins Land. Fritz von Theinburg wurde Fabrikant und reich. Er heiratete Mathilde Clara Schwäger von Hohenbruck und zeugte mit ihr 3 Töchter: Elisabeth, Edith und Mathilde.

An einem weinseligen Abend erzählte er seiner Mutter und seiner Frau Clara die Episode und seinen Verdacht. Die Damen lachten ihn aus und vermeinten er habe Halluzinationen gehabt.

Alle drei staunten daher nicht schlecht, als nach 11 Jahren ein Brief von „Gabriele“ einlangte. Sie verlangte nach seiner richtigen Adresse und wollte nun – zu seinem großen Erstaunen – eine Photographie von ihm. 

von Theinburg schrieb am 9.6.1885 zurück: 

Lieber gelber Domino!
Ich wüßte nicht, was mich hätte mehr überraschen können als dieses Lebenszeichen von Dir. 
„Aus allen Wolken bin ich gefallen“, wäre zu wenig gesagt, viel zu wenig. Was ist seit diesen elf Jahren alles geschehen? Du prangst wohl noch in alter, stolzer Schönheit – ich bin ein kahlköpfiger, ehrsamer aber glücklicher Ehemann geworden, habe eine Frau, die Dir an Größe und Gestalt ähnelt, und ein herziges kleines Mäderl. Du kannst, wenn Du es für passend findest, ohne Scheu nach diesen langen elf Jahren Deinen Domino ablegen und Klarheit in das räselhafte Abenteuer bringen, das mich von allen jenden, die ich erlebt, am meisten interessiert hat… 
Du siehst, ich bin noch immer das alte „deutsche“, aufrichtige Gemüt mit all den Fehlern von damals. Was mir von Dir kommt, kann nur Gutes sein, also sende immerhin, was Du zu senden hast. Was es auch sei, es wird mich, wie jede Nachricht von Dir, herzlich freuen…“ (7)

Doch Fritz hat nicht mit der lustig gemeinten Antwort gerechnet, die er völlig falsch aufnahmt. Der „rothe Domino“ meldete sich zu Wort und wollte den kahlköpfigen Ehemann Pacher sehen.

Fritz schrieb darauf hin entzürnt zurück. Elisabeth erhielt aus den Händen Idas den Brief mit den garstigen Worten

„Recht leid tut’s mir, daß Du nach elf Jahren noch immer nötig findest, mit mir Verstecken zu spielen. Eine Demaskierung nach so langer Zeit wäre ein hübscher Spaß und ein gutes Ende zu dem Faschingdienstag 1874 gewesen, eine anoyme Korrespondenz entbehrt nach so langer Zeit des Reizes. Dein erster Faschingsbrief hat mich gefreut, der letzte hat mich geärgert. Mißtrauen sieht der nicht gern, der weiß, daß er es nicht verdient. Leb wohl und nichts für ungut!“ (8)

Zuerst ist sie entsetzt über den Ton den er ihr gegenüber anschlägt, dann jedoch besann sie sich, dass er ihr ja so schreibe, als wüsste er nicht, wer sie sei. Sie legte den Brief und das Gedicht, welches sie ihm zur Gegenleistung für ein Foto schicken wollte, zur Seite und schrieb nicht mehr zurück. 

Foto: Wikimedia/Commons
Gräfin Marie von Larisch

Doch sie wäre nicht Elisabeth, wenn sie nicht noch ein Spottgedicht hinten nach geschrieben hätte: 

Ein ganz gemeines Beast; 
Kahl war er auch, dazu noch schiech, 
Gehör nur auf den Mist. 
Von seiner Schmach ist voll, 
Und jedes Echo heult’s
Von Fels zu Fels, im Land Tirol – 
Und Eine ist, die teilt’s! (9)

Die Schmach die Briefe nicht zurückerhalten zu haben und auch den Ton, den er ihr gegenüber anschlug, den verlorenen Flirt, den Traum einer Faschingsdienstagsnacht, beschäftigten Kaiserin Elisabeth bis ins Jahr 1887.

Hier verfasste sie das letzte Gedicht für und an Fritz, der wie ein Nebel immer wieder vor ihr her zog: 

Das Lied des gelben Dominos
Long, long ago*

Denkst Du der Nacht noch im leuchtenden Saal? 
Lang, lang ist’s her, lang lang ist’s her, 
Wo sich zwei Seelen getroffen einmal, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her
Wo unsre seltsame Freundschaft begann, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her! 
Denkst Du, mein Freund, woh noch manchmal daran? 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Denkst du der Wort, so innig vertraut,
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Die wir getauscht bei der Tanzweisen Laut? 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Ach! nur rasch schwand die Zeit uns dahin; 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Ein Druck der Hand noch, und ich musste flieh’n, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Mein Antlitz enthüllen durft‘ ich dir nicht. 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Doch dafür gab ich der Seele ihr Licht, 
Freund das war mehr, das war mehr! 
Jahre vergingen und zogen vorbei, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Doch sie vereinten nie wieder uns zwei
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Forschend bei Nacht frägt die Sterne mein Blick, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Auskunft noch Antwort gibt keiner zurück, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Bald wähnt ich nahe dich, dann wieder fern. 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Weilst du vielleicht schon auf anderem Stern? 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Lebst du, so gieb mir ein Zeichen bei Tag, 
Lang, lang ist’s her, lang ist’s her!
Dass ich’s kaum hoffen, erwarten vermag, 
So lang ist’s her, so lang ist’s her!
Lass mich warten nicht mehr, 
Warten nicht mehr! (10)

(*Anmerkung Petra: Das Gedicht gibt es in englisch und deutsch; ich habe die deutsche Variante abgeschrieben)

Foto: Wikimedia/Commons
Kaiserin Elisabeth

1887 wurde Kaiserin Elisabeth 50 Jahre alt und ihre Schönheit war vergangen. Tiefe Falten durchzogen das einst so schöne Antlitz. Die Kosmetik von damals war noch nicht so weit, ein Gesicht, das wettergegerbt und Hungerkuren gezeichnet war, hinter Make-up oder Operationen zu verstecken. 

Das Gedicht „Long, long ago“ sandte sie an Fritz aus „Brasilien“. Hätte sie die Post abholen lassen, die noch immer auf ihren alten Adressen auf sie gewartet hätte, wäre sie ebenfalls in den Besitz eines Gedichtes aus der Feder von Fritz gekommen, welches er an die „Schöne Unbekannte von 1874“ verfasst hatte. 

Doch nach einem halben Jahr ging der Brief unbeantwortet zurück.

40 Jahre später wurde Fritz der Beweis zugespielt, dass es sich um Kaiserin Elisabeth handelte.

Gräfin Marie Louise Larisch (*24.2.1858, †4.7.1940) war durch den Selbstmord des Kronprinzen bei der Familie Habsburg in Ungnade gefallen. Marie war zuvor die Lieblingsnichte von Elisabeth. Doch der Tod des Sohnes überschattete fortan das Leben der Kaiserin.

Marie versuchte sich mit boshaften Memoiren über das Leben der bereits verstorbenen Kaiserin über Wasser zu halten. Zufällig kaufte er das Buch, als er auf eine lange Zugfahrt musste. Darin war in groben Zügen die Geschichte vom gelben Domino erwähnt. Wer Marie die Geschichte erzählte, oder ob sie Henriette war, wird wohl nie geklärt werden. 

Als der Biograph Conte Corti von Ida von Ferenczy die Geschichte hörte und den Namen des „Flirts“ erfuhr, nahm dieser Kontakt zu ihm auf. Fritz Pacher hatte nun den allerletzten Beweis erhalten.

Er übergab die Briefe von „Gabriele“ Conte Corti und starb kurz nach dem Interview 87jährig am 12.5.1934. 

– Petra –


Rechtliche Hinweise: 
Text: Petra 
Bildrechte: Wikimedia/Commons, Ludwig Angerer via Wikimedia/Commons, forum.alexanderpalace.org, Hofburg, photo.rmn.fr, thisversailles.com,


Literatur Hinweise:

(*) Egon C. Conte Corti interviewte persönlich Friedrich Pacher List von Theinburg und Ida von Ferenczy – S. 226/7, 
1 – S. 227, 2 – S. 228, 7 – S. 311/2, 8 – 312
Elisabeth von Österreich Tragik einer Unsterblichen
E.C.Conte Corti (nur noch antiquarisch erhältlich)
Wilhelm Heyne Verlag, 15. Auflage, 1996

3 – S. 185, 4 – S. 185/6, 5 – S. 191/2, 6 – S. 193, 9 – S. 199, 10 – S. 200
Kaiserin Elisabeth und ihre Männer 
Sigrid-Maria Größing (nur noch antiquarisch erhältlich) 
Ueberreuter, 1. Auflage, 1998 


Kaiserin Elisabeth als sie noch Herzogin war – eine glückliche Kindheit (Teil 1)

 

Foto: Wikimedia/Commons Bild: Anton Einsle

Sisi, Sissi, Sissy, Beta, Sethy, Liesl, Elise, Rose vom Bayernland. Viele Namen, Schreibweisen und Anekdoten ranken sich um Kaiserin Elisabeth. Zu ihrem Mythos hat viel Romy Schneider in der Sissi-Trilogie beigetragen. Dass Kaiserin Elisabeth einmal so berühmt wird, verdankt sie im Prinzip dieser wunderschönen Schauspielerin und dem Musical Elisabeth (der Beitrag kann hier nachgelesen werden).

Bevor ich mich jedoch mit ihrem ambivalenten Leben befasse, beginne ich wie immer – am Anfang.

Schon hier geht die Literatur weit auseinander. Die einen schreiben, Herzog Max sei schon während der Geburt von Elisabeth wieder über alle Berge gewesen, die Anderen sagen, er fuhr erst einen Monat später in den Orient. Was ist wahr? Was ist Legende? Was ist Film? Was ist erfunden? Auch ich werde das alles nicht aufdecken können. Aber ich werde mich bemühen, ein Licht ins Dunkel zu bringen.

Elisabeth wurde in ein Herzogshaus geboren. Demnach war ihr Titel von Geburt an: Elisabeth Herzogin in Bayern. Genau das war nämlich das Problem. Sisi war nur eine Herzogin. Ihre Mutter wurde als Königstochter geboren, wurde mit Herzog Max in Bayern vermählt und wurde demnach „königliche Herzogin“. Später sollte genau dieses „in“ Bayern Elisabeth mächtige Probleme bereiten. Was ihr widerfahren ist, würde man heute Mobbing nennen.

Ludovika haderte Zeit ihres Lebens mit ihrer Hochzeit und „Degradierung“ zur Herzogin.

Foto: Wikimedia/Commons Auguste de Beaurharnaise

Ab 1845 wurde Herzog Max in Bayern die Anrede „königliche Hoheit“ von König Ludwig I. gewährt. Was genau der Adelstitel von Herzog Max bewirkte, könnt ihr hier nachlesen.

Auch wenn das Wort „Prinzessin“ und „Prinz“ so hübsch klingen; die herzoglichen Kinder waren NIE Prinzessinnen oder Prinzen. Warum im Prinzip in fast jeder Biografie über Kaiserin Elisabeth von „Prinzessin Elisabeth“ die Rede ist, ist nicht erklärbar. Die Mär der Prinzessin wurde natürlich auch im Film „Sissi“ aufgegriffen und zieht sich durch bis zur gleichnamigen Zeichentrickserie, wo unsere dunkelhaarige Kaiserin, sogar blond ist. Aber nicht nur die Historiker und Filmregisseure dieser Welt haben diese Mär verbreitet, sondern auch die Hofzeremonienmeister jener Zeit. Wenn man sich den Chronik-Eintrag von Innsbruck* durchliest, wird man stutzig. Hier wird sogar Herzog Carl (= gemeint ist Karl Theodor) als Prinz betitelt, was schon sehr merkwürdig ist. Nicht nur, dass Elisabeth keine Prinzessin war, so waren die Buben auch niemals Prinzen. Aus heutiger Sicht kann es nur so erklärt werden, dass man annahm, dass eine königliche Tochter (also Ludovika), Prinzen und Prinzessinnen gebar. Doch der Umstand ihrer herzoglichen Heirat, verbot diesen Titel. Wenn man sich mit der Wittelsbacher Literatur beschäftigt, werden aber niemals die Buben der Familie als „Prinzen“ betitelt. Also warum Elisabeth (und manchmal auch Helene)?

Eine mögliche Erklärung liefert wahrscheinlich der bayrische Volksmund selbst. Diese betitelten die herzoglichen Töchter (und zwar nur die Töchter) gerne als „Prinzessin“. Und da später Kaiser Franz Joseph gar keine Herzogin heiraten hätte dürfen (nicht standesgemäß), wurde Elisabeth, wie sie zur Kaiserin wurde, anscheinend eine Prinzessin. Und wenn man später seine strikte Ablehnung bei unstandesgemäßen Hochzeiten sieht, ist es erstaunlich, dass er selbst hier wohl bei sich das größte Auge zudrückte. Nicht aber der elitäre, arrogante und militante Wiener Hof. Eine „nicht Prinzessin“ auf dem kaiserlichen Thron war für die Adeligen jener Zeit ein Frevel. Denn der Kaiserin-Titel hätte nur einer königlichen oder gar kaiserlichen Tochter weitergegeben werden dürfen. Und eine Prinzessin (oder Prinz) ist nur jenes Kind, welches aus einem königlichen oder kaiserlichen Hause kommt. Dies gilt im übrigen bis heute!** Aber natürlich hat ein Kaiser immer mehr Rechte, als alle anderen und so setzte er sich durch.

Bereits in den frühesten, von Kaiser Franz Joseph in Auftrag gegebenen Biografien von Kaiserin Elisabeth liest sich das so: „Auf Schloss Possenhofen erblickte Elisabeth Amalia Eugenia am 24. Dezember 1837 das Licht der Welt. Schon sehr früh zeigte die kleine Prinzessin Elisabeth ein lebhaftes Interesse für die Natur und die Vorgänge derselben, eine Neigung, die von ihren fürstlichen Eltern mit liebevoller Freude genährt und gefördert wurde.“ (1)

Foto: Wikimedia/Commons Elisabeth von Preußen

1905 heißt es “ ….; „Prinzeß Elisabeth, als zweites Töchterchen und hochwillkommenes Christkind eingekehrt am 24. Dezember 1837 in München beim glücklichen Elternpaare…“ (2) 

In einem Kinderbuch liest sich das so: „Hört, ihr Freunde, was geschehen, an der schönen Isar Strand, hört…“ Die Stimme des Bänkelsängers klang dünn und brüchig durch die Nacht. Der Winter war in diesem Jahr schon früh mit bissiger Kälte über München hergefallen und hatte die Stadt in einen klirrenden Mantel gehüllt. Vor dem Mund des Sängers bildeten sich im Takt des Liedes kleine Wolken, sie zögerten kurz und lösten sich dann in einer eisigen Luft auf. … „Weihnachten ist, da ist das Theater geschlossen, sogar das Café Chantant im Palais Max. Aber wenns wahr ist, sorgt der Allmächtige dort gerade für höchsten Nachwuchs, prinzlichen sozusagen.“ „Oder prinzesslichen, wies der Herrgott halt will“, fügte er hinzu. (3) 

Um es zu vervollständigen, müsste ich hier ca. 20 – 25 Bücher zitieren, was ich mir – ihr verzeiht mir hoffentlich – erspare. Allerdings möchte ich euch noch ein Zitat aus einem Kinderbuch vorstellen. Geschrieben wurde es von der Historikerin Gabriele Praschl-Bichler: „Vite! Vite! Les enfants! Viiite!“ („Rasch! Rasch, Kinder! Raaasch!“) Eine Gouvernante treibt die ihr schutzbefohlenen Mädchen zum rascheren Gehen an. Dabei spricht die Erzieherin mit den Kindern französisch, weil das damals alle feinen und gebildeten Leute taten. Vor dem Palast des Herzogs Max in Bayern herrscht reges Leben. Das Einfahrtstor steht weit geöffnet, Bedienstete strömen auf die Straße. Lieferanten, Künstler und andere bunte Gestalten bevölkern den Platz vor dem Gebäude. „Die Herzogin ist wirklich zu bemitleiden! Eben hat sie ein Mädchen geboren und schon ist ihr Mann wieder davon! Ein rechter Zugvogel ist der gute Herzog halt…pardon, wenn man das so sagen darf! Es heißt, dass er sich in Griechenland aufhält, um dort…“ …. Ganz nebenbei, wie heißt das Mädchen eigentlich? „Die kleine Tochter des Herzogs.“ „Man hat sie Elisabeth genannt.“ (4) Hier ist das erste Mal von keiner „Prinzessin“ die Rede.

Elisabeth Amalie Eugenie wurde am 24.12.1837 im Herzog Max Palais in München geboren. Ihre Mutter war Herzogin Ludovika in Bayern (*30.8.1808, †26.1.1892), eine geborene Prinzessin von Bayern. Ihre Biografie kann hier nachgelesen werden. Ihr Vater war Herzog Max Joseph in Bayern (*4.12.1808, †15.11.1888). Seine Biografie kann hier nachgelesen werden. Die Ehe der beiden verlief alles andere als glücklich; dennoch bekamen sie im Laufe der Jahre 10 Kinder, wovon 8 das Erwachsenenalter erreichten.

 

Fotos: Wikimedia/Commons
Stammbaum: Marie Festetics

Foto: Wikimedia/Commons Herzogin Ludovika, Herzog Ludwig, Herzogin Helene und die kleine Herzogin Elisabeth (im Kinderwagen)

Sisi, wie sie in der Familie liebevoll genannt wurde, wuchs also zunächst mit Bruder Ludwig und Schwester Néné (Helene) auf. Ihr Lieblingsbruder Gackel (Carl Theodor) sollte direkt nach ihr geboren werden. Marie, Mathilde, Sophie und Nesthäckchen Mapperl (Maximilian Emanuel) folgten nach.

Der 24.12.1837 war ein Sonntag, weshalb sie von sich selbst immer behauptete, sie sei ein Sonntagskind. Zu dem hatte sie bei der Geburt schon einen Zahn – was damals als Glückssymbol galt. Ein glückliches Leben wurde der jungen Herzogin immer vorausgesagt. Wie oft hat Sisi wohl davon geträumt?

Foto: Sisi Museum, Hofburg, Taufkleid von Herzogin Elisabeth

Am Stefanietag, dem 26.12.1837, wurde das kleine Mädchen unter Beisein ihrer beiden Patentanten Königin Elisabeth von Preußen (*13.11.1801, †14.12.1873) und Auguste de Beauharnais (*21.6.1788, †13.5.1851) (Auguste war eine Halbschwester von Herzogin Ludovika. Sie wurde als Auguste Amalia Ludovika von Bayern geboren) getauft. Von beiden erhielt sie deshalb die Vornamen: Elisabeth Amalie Eugenie
Woher Eugenie kam, ist leider nirgends erklärt. Vielleicht aber ist es ein Erbe ihrer Taufpatin Auguste Amalia, da diese mit Eugené de Beauharnais (*3.9.1871, †21.2.1824) vermählt, zum Zeitpunkt der Taufe allerdings bereits verwitwet war.

Es wird immer wieder davon berichtet, dass Elisabeth ein Wildfang gewesen sei. Sie konnte nicht stillsitzen, tat sich mit dem Lernen schwer und am liebsten beschäftigte sie sich in der Natur. Als sie 9 Jahre alt war, holte Herzogin Ludovika Baronin Luise Wulffen ins Haus, die ihre liebe Not mit Sisi hatte. Wulffen beschrieb Elisabeth als zart und überempfindlich. (5)

Foto: Wikimedia/Commons Holzbüste Anton Fernkorn Herzogin Elisabeth, ca. 10 Jahre alt

Reiten war schon als Kind ihre große Leidenschaft, weiters schrieb sie Gedichte, lief gerne in den Wald und schwamm stundenlang im See. Schwimmen war generell eine Lieblingsbeschäftigung von ihr. Auch später. Angeblich soll es ihr Vater gewesen sein, der den Kindern das Schwimmen beibrachte. Ob das wirklich wahr ist oder nur eine Mär, kann ich leider nicht sagen. Max war leider viel zu selten daheim und hatte kaum Gelegenheit, seine Kinderschar kennen zu lernen. Er und Ludovika waren nur eine Zweckgemeinschaft. Ludovika verwand es als Königstochter nie, „unterm Wert“ verheiratet worden zu sein. Ihre weiblichen Geschwister wurden alle Königinnen oder sogar Erzherzogin. Max selbst frönte dem „Dandy“-Leben. Er hatte Beziehungen nebenbei, dem sogar zwei (oder mehrere) uneheliche Kinder entstammen sollen. Seine leibliche Kinderschar war ihm eine Last, zu dem galt er als aufbrausend und herrschsüchtig.

Auch ob Sisi wirklich jemals das Lieblingskind von Max war, kann ich ebenfalls nicht mit Bestimmtheit sagen. Auch hier geht die weitläufige Literatur auseinander. Ich habe für diesen Artikel mehr als 25 Bücher gewälzt, aber einig waren sich die Historiker nie. Wie erwähnt, war Herzog Max kaum zu Hause. Im Prinzip kam er, um mit Ludovika Nachkommen zu zeugen und verließ zeitig genug wieder das Haus, bis es zur nächsten Geburt kam. In der Zwischenzeit kümmerte er sich um seine Zither, nannte Postbedienstete und Normalbürger seine Freunde und lud zu häufigen Kartenspielabenden ein. Er hielt sich entweder in seinem Lustschlössl Aichach (heute hat es den wohlklingenden Namen „Sisi Schloss Aichach“) auf, oder ging als baldigst wieder auf Reisen.

Foto: sternenkaiserin.com – Marie   Schloss Aichach

Bis zu ihren 3ten oder 4ten Lebensjahr soll die kleine Sisi öfters mit ihren Eltern in Aichach residiert haben. Ein Maler hat sich des Familienidylls angenommen: Max in der Zille, in der offenen Türe steht Ludovika mit Sisi. Reizend ist es ja, das Bild. Aber ob das jemals so stattgefunden hat? Sehr fraglich.
Die Mär vom lieben Papa hat Gustav Knuth in den Sissi Filmen geprägt. Und so mögen wir das heute immer noch glauben.

Sisi war auf jeden Fall dem Charakter von Max nicht unähnlich. Persönlich gesehen, glaube ich, dass das der Grund war, warum er sich ihr am meisten verbunden fühlte. Dies nahm übrigens im Alter wieder ab. Sisi war die Einzige, die nicht zum sterbenden Vater geeilt kam (übrigens auch nicht zur Mutter, da ihre „Einzige“, Marie Valerie, in den Wehen lag). Unpässlich soll sie gewesen sein und weilte viel lieber auf Korfu. Aber ich greife viel zu weit vor.

Foto: Wikimedia/Commons Sisi und Gackel (Karl Theodor, Hund Bummerl

Max und Sisi liebten das Reiten und die Pferde. Beide dichteten, malten, zeichneten und spielten Zither. Die unbändige Liebe zur Natur hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Auch die Scheu vor Menschen und dem Angegafftwerden war ein Erbe ihrer Mutter. Die Liebe zur Freiheit und Reisefreude hat sie wohl eher wieder vom Max mitbekommen. Somit hatten ihre wesentlichen Wesenszüge eher der Vater, die Scheu vor Menschen eher die Mutter hinterlassen.

Max hatte in seinem großzügigen Stadtpalais eine Zirkushalle errichten lassen. Dort gab er für das zahlende Publikum Zirkusvorstellungen. Elisabeth, der er als Kind das Kunstreiten beibrachte, durfte gemeinsam mit ihrem Vater Kunststücke vorzeigen. Das Publikum raste vor Begeisterung. Ludovika sicherlich auch, aber aus anderen Gründen, denn die königliche Tochter sah es gar nicht gern, dass ihre Tochter fast zu einem Buben erzogen wurde.

Néné war das hausbackene Kind: brav am Nähen und Sticken, immer bei der Mutter und nie bei den übrigen Kindern. Sisi hingegen tobte mit Gackel (Karl Theodor), der ihr Lieblingsbruder war und Ludwig umher.

 

Foto: Peter Bierl Buch- & Kunstantiquariat
Schloss „Possi“ Possenhofen

Doch Sisi hatte auch ihre sehr stillen und einsamen Momente. Schon früh zeigte sich eine Melancholie, die in späteren Jahren zu einer Depression heranreifen sollte. Auch diese Art des Charakters, erbte sie von ihrer Mutter. Sie hat Scheu vor Menschen, vor allem vor Fremden. Doch diese sind selten in Possenhofen, weshalb sie dort am liebsten ist. Das Herzog Max Palais in München ist nur für die Wintermonate, da Schloss Possenhofen, von der Familie liebevoll „Possi“ genannt, nicht beheizbar ist. Doch kaum in Possi, läuft sie beinahe jeden Tag ohne Schuhe herum. Contenance und Etikette, Politik und Weltherrschaft, was kümmert es die kleine Elisabeth und ihre Geschwister? Der königliche Hof nahm keine Notiz von ihr. Die Briefe, die Ludovika mit ihrer Schwester Sophie im fernen Wien schrieb, waren nicht von Interesse.

Frei, ungezwungen, neugierig und lebenslustig, so beschreibt man Sisi in der Literatur, und ich persönlich glaube, dass sie das auch war. Fast ein Bauernmädel. Ihre beste Freundin wird Irene (*24.9.1839, †21.8.1892), die Tochter des Nachbarn Hermann Franz Joseph Carl Graf von Paumgarten (*19.7.1806, †11.1.1846). Gackel, Irene, David (Bruder von Irene) und Sisi werden zu einer Einheit. Gemeinsam erkundete man die Wälder, den Starnberger See, kletterte auf Bäume und verbrachte viel Zeit – mit Nichtstun. Ludovika hatte ihre liebe Not, die Kinderschar zum Lernen zu bewegen. Kam der Vater zu „Besuch“, holte er die Kinder aus dem Unterricht, tobte mit ihnen im Schnee, ging Schwimmen oder stibitzte das Obst von den Bäumen.

Im Jahre 1843 trafen sich Erzherzog Franz Joseph und die junge Sisi das erste Mal. Franz Joseph war 13 Jahre, Elisabeth 5 Jahre alt. Franz Joseph schrieb in sein Tagebuch:

Foto: sternenkaiserin.com -Marie Erzherzog Franz Joseph, 1844, mit Genehmigung vom k.u.k. Museum Bad Egart

2.9.1843

Um 7 Uhr fuhren wir von München weg und kamen um viertel auf zehn in Possenhofen an. Wir fanden dort Herzog Max und alle seine Kinder bis auf Louis, welcher in der Schweiz ist. Wir frühstückten mit der Tante Louise, der Helene, der Elise und dem sehr netten aber fast verzogenen Kakl. Um 10 Uhr ging wir in die dumpfe Kapelle, um die Messe zu hören, wo mir übel wurde, so daß man mich aus der Kapelle zu einem offenen Fenster tragen mußte, wo mir wieder gut wurde; darauf legte ich mich auf das Bett. Um 12 Uhr fischte ich und Graf Bombelles mit dem Herzog, wobey wir 20 Birschlinge und Weißfische fingen.“ (6)

Doch schon bald zeigte sich auch die Etikette der Verwandtschaft. 1848 machte Ludovika mit den Kindern Gackel, Néné und Sisi einen längeren Ausflug, der nach Tirol an den Aachensee führte. Von dort fuhren sie nach Jenbach, um am 10.6.1848 in Innsbruck einzutreffen. In der Hauschronik liest sich das so: „Um 9 Uhr Abends langte auf Besuch die Schwester Ihrer k.H. der Erzherzogin Sophie die Gemahlin des Herzogs Maximilian von Baiern I.k.H. die Prinzessin Louise mit Ihrem Sohne Prinz Carl und 2 Prinzessinnen Töchter Helene und Elisabeth und Suite hier an, und wurde an der Burgstiege von Ihrer Familie begrüßt. In Ihrem Gefolge befindet sich Ihr Hofmarschall Baron v. Freyberg. Die Frau Herzog wurde im Damenstifts-Gebäude einlogiert.“ (7) (*Ich rufe meine Einleitung zum Thema „Herzogin“ und „Herzog“ von weiter oben in Erinnerung).

Am 19.6.1848 findet sich folgender Eintrag: „Heute ist S.k.H. Prinz Karl von Baiern, und dann später I.k.H. die Herzogin Louise von Baiern mit Sohn und 2 Töchtern k.H. nach München abgereist.“ (8) In dieser Zeit musste Sisi sicherlich still sitzen und bei Tisch ordentlich essen.

Foto: APA, Sisi Museum Hofburg, Kinderschuhe von Herzogin Elisabeth mit herzoglichen Wappen

Franz Joseph war zu diesem Zeitpunkt knapp 18 Jahre alt, Sisi knapp 11 Jahre. In der Literatur liest man immer von „die 13jährige“, doch Elisabeth ist am 24.12.1837 auf die Welt gekommen. Sie kann also im Juni 1848 nicht 13 Jahre alt gewesen sein. Außerdem war Kaiser Franz Joseph um 7 Jahre älter als seine geliebte „Engels-Sisi“. Ebenso liest man häufig „Kaiser Franz Joseph und Elisabeth trafen erstmals aufeinander“. Auch das ist nicht korrekt. Erzherzog Franz Joseph wurde erst am 2.12.1848 zum Kaiser gekrönt und das erste Aufeinandertreffen war 1843. Korrekt ist jedoch, dass er sich aus Sicherheitsgründen in Innsbruck aufhielt. In Wien tobte eine heftige Revolution.

In vielerlei Hinsicht konnten die Zwei in Innsbruck nichts miteinander anfangen. Sisi war noch ein Kind, Erzherzog Franz Joseph musste sich mit der politischen Lage beschäftigen. Ein Umstand, den er vielleicht in späteren Jahren tief bereut hatte. Elisabeth, scheu und sehr schüchtern, freundete sich mit dem knapp 15jährigen Erzherzog Karl Ludwig (*30.6.1833, †19.5.1896) an. Sie tobten durch die Hofburg Innsbruck, heckten Streiche aus und ärgerten mit Sicherheit Erzherzogin Sophie. Die beiden waren sich so zugetan, dass sie sich eine zeitlang Briefe schrieben. Sogar kleinere Geschenke wurden ausgetauscht. Doch das Interesse von Sisi an Karl Ludwig ebbte ab, nach dem ihre Mutter sie immer und immer wieder an ihn erinnerte und sich ihn als Heiratskandidat vorstellen konnte. Wie oft wird sich Elisabeth in späteren Jahren wohl Karl Ludwig als Mann zurückgesehnt haben? 1850 besuchte Elisabeth gemeinsam mit ihrem Bruder Ludwig, ihrer Schwester Néné und ihrer Mutter Ludovika das beschauliche Dörfchen Oberammergau.

Foto: pressreader Zeichnungen von Sisi und eine Glückwunschkarte von Sisi an Gackel

Anfang April 1853 wurde Elisabeth gefirmt. Leider lässt sich in keinem Buch das genaue Datum, der Firmpate und der Ort eruieren. Über der Firmung lag allerdings ein trauriger Schatten, der Elisabeth seelisch aus der Bahn warf. Sie war das erste Mal mit dem düsteren Tod konfrontiert. Ihr langjähriger Spielkamerade David Paumgartner (*31.1.1838) starb am 20.3.1853 15jährig nach einer Lungenentzündung.

Sisi verfiel in ihre erste Trauer. Der Tod Davids belastete die 15jährige sehr. Klammheimlich führte sie ein Tagebuch, in welches sie folgendes Gedicht an schrieb:

 

Du bist so jung gestorben
Und gingst so rein zur Ruh‘; 
Ach, wär‘, mit dir gestorben,
Im Himmel ich wie du. (9)

Von nun an sollte der Tod ihr ständiger Begleiter werden. Die ersten Wehklagen Richtung Tod waren verfasst, als sich die 15jährige erstmals verliebt. Am herzoglichen Hof begegnete sie dem jungen, sehr hübschen Richard Graf von Schwarzenberg. Die beiden verliebten sich ineinander und trafen sich heimlich am Tor, wo ihr Richard ein Bild von sich gibt. Sie schrieb:

Oh, ihr dunkelbraunen Augen, 
Lang hab ich euch angesehn,
Und nun will mir euer Bildnis
Nicht mehr aus dem Herzen gehen… (10)

Doch Ludovika kam den beiden auf die Schliche. Sie beschlagnahmte sein Bild und verbat Elisabeth jegliche Kontaktaufnahme. Der junge Mann sei der jungen Herzogin nicht würdig. Zur Sicherheit lässt sie Richard aus dem Offiziers-Hofdienst versetzen. Ein schwerer Fehler von Ludovika, wie sich später noch herausstellen sollte.

Sisi verfällt in Wehklagen:

Du frische junge Liebe,
So blühend wie der Mai, 
Nun ist der Herbst gekommen
Und alles ist vorbei. 

Und nun ist er mir so ferne
Und ich seh ihn gar nie. 
Ach, ich wollt zu ihm wohl gerne, 
Wüßt‘ ich nur, wohin und wie. (11)

Richard kommt nie mehr wieder. Er wird in der Armee krank, kehrt zurück und starb. Die 15jährige verfällt in tiefe Trauer:

Die Würfel sind gefallen,
Ach, Richard ist nicht mehr!
Die Trauerglocken schallen –
Oh, hab Erbarmen, Herr!
Es steht am kleinen Fenster
Die blondgelockte Maid.
Es rührt selbst die Gespenster
Ihr banges Herzeleid. (12)

Doch bald schon verliebte sich die junge Elisabeth erneut. Um nicht noch einmal Gefahr zu laufen, erwischt zu werden, hält sie den Namen geheim. Ein Graf aus der Nachbarschaft hatte ihr Herz verzaubert.

Zu lang hab‘ ich gewendet
Mein Aug‘ aufs Antlitz dein, 
Und nun bin ich geblendet
Von seiner Schönheit Schein. (13)

Sisi schläft und isst nichts. Ihre Gedanken kreisen nur noch um „ihn“.

Wenn der erste Sonnenstrahl
Mich des Morgens grüßt, 
Frage ich ihn jedesmal, 
Ob er dich geküßt. 

Um den goldenen Mondenschein
Bitt ich jede Nacht, 
Daß von mir er insgeheim
Dir viel Liebes sagt. (14)

Foto: Wikimedia/Commons Elisabeth, als ca. 15jährige, 1. bekannte Fotografie

Doch der Angehimmelte will von Elisabeth nichts wissen. Als sie es merkt, wehklagt sie wieder:

Denn ach, ich kann ja nimmer hoffen 
Daß liebend je Du Dich mir neigst. 
Die harte Wahrheit sah ich offen
’s ist Freundlichkeit nur, was Du zeigst. (15)

Mittlerweile ist Ludovika für Elisabeth auf Brautschau. Um geeignete Heiratskandidaten zu finden, lässt sie ihre Tochter fotografieren. Es ist die erste und einzige Fotografie von Elisabeth, die sie unverheiratet zeigt.

In der ersten autorisierten Biografie von Othmar Kleinschmid liest sich Elisabeths Erscheinung so:

„Prinzessin Elisabeth ist hoch, schlank, leicht und anmutig, ihr Wesen graziös, belebt, das tiefblaue Auge voll träumerischen Glanzes, die Schönen Züge, aus denen das dichte, braune Haar in vollen Wellen zurückgestrichen ist, reizvoll, ausdrucksvoll und mit rosigem Teint überzogen der Eindruck im ganzen: milder Ernst und zarte Weiblichkeit.“ So beschreibt sie ein Schriftsteller, welcher das Glück genoß, die fünfzehnjährige Prinzessin zu schauen.“ (16)

Ebenfalls 1853 schickte Ludovika sie nach Dresden, zu ihrer Schwester Königin Auguste von Sachsen. Sie schrieb in ihr Tagebuch: „Sisi bei Euch zu wissen, würde ich freilich auf ein grosses Glück ansehen… aber leider ist es nicht wahrscheinlich – denn der einzige, der zu hoffen wäre, wird schwerlich an sie denken; erstens ist sehr die Frage, ob sie ihm gefiele und dann wird er wohl auf Vermögen sehen…. hübsch ist sie, weil sie sehr frisch ist, sie hat aber keinen einzigen hübschen Zug.“ (17)

Foto: Wikimedia/Commons König Georg von Sachsen

Mit „der zu hoffen wäre“ war Prinz Georg (*8.8.1932, †15.10.1904) gemeint. Er war der Sohn von Königin Auguste und König Johann. Jener Familie, in der auch Kaiser Franz Joseph Ausschau halten sollte. Prinzessin Sidonie sollte seine Braut werden, doch die lehnte Kaiser Franz Joseph ab. Den Beitrag zu Franz Josephs Frauen könnt ihr hier lesen.

Elisabeth kam ohne Bräutigam von Dresden zurück. Ludovika war verzweifelt. Doch im August sollte sich das Blatt für die junge schöne Elisabeth wenden.

Eine Verlobung (der Beitrag ist hier) stand ins Haus und mit ihr nahm das ganze Drama seinen Lauf.

~ Marie ~

 

Foto: Hickl
Herzogin Elisabeth als Verlobte, mit Miniaturbild mit Kaiser Franz Joseph

 


Rechtliche Hinweise:
Text: Marie
Bildrechte: Wikimedia/Commons, Sisi Museum Hofburg, pressreader, sternenkaiserin.com – Marie, k.u.k. Museum Bad Egart, Peter Biel Antiquariat, APA, Hickl


**Ich möchte mich ausdrücklich bei Historiker Alfons Schweiggert bedanken, der mir das Wirr-Warr der Adelstitel und das Thema „Herzogin Elisabeth“ und nicht „Prinzessin Elisabeth“ näher brachte.


Literatur Hinweise:

1 – S. 10
Hauptmann Robert Rostock 
Erinnerungsblätter an Weiland Ihre Majestät Kaiserin und Königin Elisabeth
k.u.k. Hofbuchdruckerei A. Haase, Prag (nur noch antiquarisch erhältlich)

2 – S. 6, 16 – S 7/8
Othmar Kleinschmied 
Kaiserin Elisabeth
Druck und Verlag des kathol. Preßvereines, 1905 (nur noch antiquarisch erhältlich)

3 – S 20, 22
Sigrid Laube
Sisi, das Kind der Sonne
Jungbrunnen, 1. Ausgabe, 2004 (nur noch antiquarisch erhältlich)

4 – S. 15
Gabriele Praschl-Bichler
Elisabeth Kaiserin von Österreich genannt Sisi
Amalthea, 1. Ausgabe, 2003 (nur noch antiquarisch erhältlich)

5 – S. 23
Johannes Thiele
Elisabeth Ihr Leben. Ihre Seele. Ihre Welt
Brandstätter Verlag, 1. Auflage 2011 (nur noch antiquarisch erhältlich)

6 – S. 23, 7 – S. 14/15, 8 – S. 15
Hans Rödlhammer
Elisabeth Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn
Verlag Kulturverein Schloss Ebelsberg, 1. Auflage, 1983 (nur noch antiquarisch erhältlich)

9 – S. 24, 10 – S. 25
E.C. Conte Corti
Elisabeth von Österreich Tragik einer Unpolitischen
Heyne Sachbücher, 15. Auflage, 1975 (nur noch antiquarisch erhältlich)

11 – S. 53, 12 – S. 53/54, 13, 14, 15 – S. 54/55
Johannes Thiele
Elisabeth Das Buch ihres Lebens
List Verlag, 1. Auflage, 1996 (nur noch antiquarisch erhältlich)

17 – S. 18
Brigitte Hamann
Elisabeth Kaiserin wider Willen
Piper TB, 8. Auflage, 2017

Kaiser Franz Joseph – Sein letzter Weg (KFJ 7. und letzter Teil)

Foto: SHB

Nach dem Tod von Kaiserin Elisabeth war aus Kaiser Franz Joseph ein zunehmend alter, einsamer Mann geworden. Sein Sohn tot, seine Töchter in Bayern und Niederösterreich verheiratet, seine Enkelkinder weit weg. Von Haus aus kaum privaten Kontakt zu Personen, die es „ehrlich“ mit ihm meinten, wurde es immer ruhiger um ihn. Katharina Schratt hatte nach dem Tod ihrer Befürworterin einen schweren Stand am Wiener Hof. Sie wurde von den meisten gehasst. Auch lehnte Erzherzogin Marie Valerie jeglichen Kontakt zur „gnädigen Frau“ ab. Die Schratt ging auf Reisen und ließ ihren einstigen Vertrauten zurück.

Foto: Prinz Rudolph Liechtenstein Wikimedia/Commons

Einzig sein Obersthofmeister, Prinz Rudolf Liechtenstein (*18.4.1838, †15.8.1908), der seine Arbeit eher aus privater Natur liebte, weil er Kaiser Franz Joseph mochte, nicht aber die zeremoniellen Angelegenheiten, kümmerte sich um die Versöhnung der beiden. Und so vermittelte er zwischen Erzherzogin Marie Valerie, Kaiser Franz Joseph und Katharina Schratt und besuchte diese sogar in der Hietzinger Villa, um den „Guglhupf-Plausch“, – wie die Besuche genannt wurden, – zu forcieren. Mit Erfolg.

Erzherzogin Marie Valerie gab nach und Katharina Schratt durfte wieder zu ihrem Vater. Doch so unbeschwert wie einst wurde die Beziehung nicht mehr. Der Tod von seiner Engels-Sisi hatte nicht nur den Schleier über Kaiser Franz Joseph gelegt, sondern auch die Bande zwischen Katharina Schratt und ihm bröckeln lassen.

Als am 21.10.1911 die Hochzeitsglocken für Erzherzog Karl Franz Joseph (*17.8.1887, †1.4.1922) und Prinzessin Zita Maria delle Grazie Adelgonde Micaela Raffaela Gabrielle Giuseppina Antonia Luisa Agnese (*9.5.1892, †14.3.1989) im Schloss Schwarzau (heute ein Frauengefängnis) läuteten, ahnte niemand von den zahlreichen Ehrengästen, dass sich das Ruder in der Thronfolge noch einmal drehte. Kaiser Franz Joseph, zu diesem Zeitpunkt bereits 81 Jahre alt, reiste zur Hochzeit ins schöne Niederösterreich an.

Kaiser Franz Joseph war mit der Wahl der Braut seines Großneffen mehr als nur einverstanden. Nachdem ihn sein Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, mit der Hochzeit der unstandesgemäßen Gräfin Chotek, nunmehr Fürstin Sophie von Hohenberg, mehr als nur enttäuscht hatte, hoffte der alternde Kaiser auf die Kinder von Erzherzog Karl Franz Joseph.
Als am 28.6.1914 Erzherzog Franz Ferdinand und seine geliebte Frau Sophie in Sarajewo ermordet wurden, bricht für den knapp 84jährigen Kaiser die Welt zusammen. Am 23.7.1914 unterschrieb er in Bad Ischl sein berühmtes Manifest:

An Meine Völker!

Es war Mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die Mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren.
Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen.
Die Umtriebe eines haßerfüllten Gegners zwingen Mich, zur Wahrung der Ehre Meiner Monarchie, zum Schutze ihres Ansehens und ihrer Machtstellung, zur Sicherung ihres Besitzstandes nach langen Jahren des Friedens zum Schwerte zu greifen.
Mit rasch vergessendem Undank hat das Königreich Serbien, das von den ersten Anfängen seiner staatlichen Selbständigkeit bis in die neueste Zeit von Meinen Vorfahren und Mir gestützt und gefördert worden war, schon vor Jahren den Weg offener Feindseligkeit gegen Österreich-Ungarn betreten.
Als Ich nach drei Jahrzehnten segensvoller Friedensarbeit in Bosnien und der Hercegovina Meine Herrscherrechte auf diese Länder erstreckte, hat diese Meine Verfügung im Königreiche Serbien, dessen Rechte in keiner Weise verletzt wurden, Ausbrüche zügelloser Leidenschaft und erbittertsten Hasses hervorgerufen. Meine Regierung hat damals von dem schönen Vorrechte des Stärkeren Gebrauch gemacht und in äußerster Nachsicht und Milde von Serbien nur die Herabsetzung seines Heeres auf den Friedensstand und das Versprechen verlangt, in Hinkunft die Bahn des Friedens und der Freundschaft zu gehen.
Von demselben Geiste der Mäßigung geleitet, hat sich Meine Regierung, als Serbien vor zwei Jahren im Kampfe mit dem türkischen Reiche begriffen war, auf die Wahrung der wichtigsten Lebensbedingungen der Monarchie beschränkt. Dieser Haltung hatte Serbien in erster Linie die Erreichung des Kriegszweckes zu verdanken.
Die Hoffnung, daß das serbische Königreich die Langmut und Friedensliebe Meiner Regierung würdigen und sein Wort einlösen werde, hat sich nicht erfüllt.
Immer höher lodert der Haß gegen Mich und Mein Haus empor, immer unverhüllter tritt das Streben zutage, untrennbare Gebiete Österreich-Ungarns gewaltsam loszureißen.
Ein verbrecherisches Treiben greift über die Grenze, um im Südosten der Monarchie die Grundlagen staatlicher Ordnung zu untergraben, das Volk, dem Ich in landesväterlicher Liebe Meine volle Fürsorge zuwende, in seiner Treue zum Herrscherhaus und zum Vaterlande wankend zu machen, die heranwachsende Jugend irrezuleiten und zu frevelhaften Taten des Wahnwitzes und des Hochverrates aufzureizen. Eine Reihe von Mordanschlägen, eine planmäßig vorbereitete und durchgeführte Verschwörung, deren furchtbares Gelingen Mich und Meine Völker ins Herz getroffen hat, bildet die weithin sichtbare blutige Spur jener geheimen Machenschaften, die von Serbien aus ins Werk gesetzt und geleitet wurden.
Diesem unerträglichen Treiben muß Einhalt geboten, den unaufhörlichen Herausforderungen Serbiens ein Ende bereitet werden, soll die Ehre und Würde Meiner Monarchie unverletzt erhalten und ihre staatliche, wirtschaftliche und militärische Entwicklung vor beständigen Erschütterungen bewahrt bleiben.
Vergebens hat Meine Regierung noch einen letzten Versuch unternommen, dieses Ziel mit friedlichen Mitteln zu erreichen, Serbien durch eine ernste Mahnung zur Umkehr zu bewegen.
Serbien hat die maßvollen und gerechten Forderungen Meiner Regierung zurückgewiesen und es abgelehnt, jenen Pflichten nachzukommen, deren Erfüllung im Leben der Völker und Staaten die natürliche und notwendige Grundlage des Friedens bildet.
So muß Ich denn daran schreiten, mit Waffengewalt die unerläßlichen Bürgschaften zu schaffen, die Meinen Staaten die Ruhe im Inneren und den dauernden Frieden nach außen sichern sollen.
In dieser ernsten Stunde bin Ich Mir der ganzen Tragweite Meines Entschlusses und Meiner Verantwortung vor dem Allmächtigen voll bewußt.
Ich habe alles geprüft und erwogen.
Mit ruhigem Gewissen betrete Ich den Weg, den die Pflicht Mir weist.
Ich vertraue auf Meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einigkeit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren.
Ich vertraue auf Österreich-Ungarns tapfere und von hingebungsvoller Begeisterung erfüllte Wehrmacht.
Und Ich vertraue auf den Allmächtigen, daß Er Meinen Waffen den Sieg verleihen werde.
Franz Joseph m. p.
Stürgkh m. p.

Am 28.7.1914 begann der 1. Weltkrieg.

Es sei erwähnt, dass wir die politischen Probleme und Schachzüge, ob gut oder schlecht, nicht aufarbeiten werden. Mir geht es einzig darum, die Personen und deren Charakter bzw. Leben zu beschreiben. Wer an der Politik der Habsburger interessiert ist, wendet sich bitte an die zahlreich erschienenen Publikationen. Danke!

Kaiser Franz Joseph zog 1914 nun endgültig komplett nach Schloss Schönbrunn. Seine Privatappartements wurden dem Alter entsprechend angepasst. Er ersparte sich somit längere Kutschen- oder Autofahrten und konnte bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Gärten von Schönbrunn wandeln. Und obwohl er nun schon weit über 80 Jahre alt war, änderte sich sein 17stündiger Arbeitstag in den Kriegswirren nicht wesentlich. Nur die Diners mit den Damen und Herren der Gesellschaft lehnte er mittlerweile ab.

Foto: Wikimedia Commons
Eugen Ketterl, Bleistiftzeichnung Theodor Zasche

Im Tagebuch seines Dieners Eugen Ketterl (*1859, †1929) lässt sich zum vorletzten Tag im Leben des Kaisers folgendes lesen: „Eines Tages fand eine große Hungerdemonstration statt. Auf den Märkten war nicht mehr zu bekommen, auch Mehl und Kartoffeln waren ausgegangen, es kam zu riesigen Krawallen, Lebensmittelgeschäfte wurden demoliert, die Volksmenge rottete sich in Favoriten, ein Arbeiterbezirk von Wien, zusammen und ging nach Schönbrunn. Aus dem lärmenden Getöse konnte man nur die Rufe „Brot“ und „Hunger“ unterscheiden, die Schönbrunner Schloßwache wurde verständigt, die eiserne Gittertür verschlossen.
Der Kammertürsteher rief mich zu sich und zeigte mir vom Fenster aus die aufgeregte, herandrängende Menge.
„Wie könnte ich nur Seine Majestät verständigen?“ dachte ich mir. „Hinein zu ihm kann ich momentan nicht. Wenn er nur läuten würde!“
Und richtig – der Kaiser läutete.
„Geben Sie mir einen leichten Rock!“ befahl mir der Monarch.
„Wie bringe ich ihn dazu, daß er mich fragt?“ grübelte ich nach. Ich positionierte mich mit dem gewünschten Rock in die Nähe des Fensters, so daß der hohe Fürst nicht nur aufstehen, sondern auch in die Nähe des Fensters treten mußte. Als ich ihm nun in den Rock half, sah ich absichtlich und recht auffällig interessiert zum Fenster hinaus. Der Kaiser folgte meinem Blick, sah die Tore geschlossen und die aufgeregte Volksmenge.
„Was geht da vor?“ fragte er.
„Erlauben Euer Majestät, daß ich die Wahrheit sage?“
Der Kaiser nickte erregt.
„Das Volk demonstriert, weil Hungersnot ist. Die Kinder werden von den Lehrern nach Hause geschickt oder fallen vor Entkräftung ohnmächtig in den Schulen um. Selbst die Kinder der Herzogin von Hohenberg leiden, wie wir alle, furchtbar unter dem Lebensmittelmangel. Es gibt keine Milch mehr, kein Mehl, keine Kartoffeln, keinen Kohlen! Wissen Euer Majestät auch, warum Höchstderselbe nicht mehr durch die Mariahilferstraße fahrendürfen? Man sagte Euer Majestät, weil dort Pflasterarbeiten vorgenommen würden. Das ist aber nicht wahr. Man will nicht, daß Euer Majestät sehen, wie endlose Züge von Menschen in doppelten Kolonnen stundenlang vor den Lebensmittelgeschäften stehen, um ein klein wenig Nahrungsmittel zu erhalten. Der Hunger herrscht in Wien!“
Der Kaiser blickte mich an.
„Ich danke Ihnen!“, sagte er mit bewegter Stimme, ließ sich sofort den Flügeladjutanten rufen und befahl, an sämtlichen maßgebenden Stellen zu telephonieren, daß mit diesem „unerhörten Zustand“ sofort Schluß zu machen sei. Die Leute, die die Lebensmittel zurückhielten, seien zu strengster Verantwortung zu ziehen.

Rot vor Zorn schrie der Kaiser und schloß mit den Worten: „Und das muß ich erst von meinem Kammerdiener erfahren!“

Foto: Wikimedia/Commons
Fürst Nikolaj Nikolajewitsch

Ministerpräsident Ernest Karl Koerber (*6.11.1850, †5.3.1919) berichtete dem Monarchen über das herrschende Elend und erklärte, daß es nicht mehr so weiterginge. Die Menschen würden immer aufrührerischer gesinnt.
„Wenn dem so ist“, erklärte der Kaiser – ich hörte es im Nebenzimmer – , „so wird ohne Rücksicht auf meinen Bundesgenossen der Friede geschlossen.“ (1)

Obwohl er sich 1913 nach einem Besuch von Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch (*18.11.1856,†6.1.1929), den er bei Regen und Kälte im offenen Wagen zum Bahnhof begleitete, verkühlte und sich eine schwere Grippe zuzog, arbeitete Kaiser Franz Joseph unermüdlich weiter. Sein dadurch entstehender Husten wurde chronisch und schwächte ihn. Ketterl schrieb, dass er Seine Majestät niemals krank sah und dieser weder krank sein wollte, noch krank sein konnte. Sein Reich, seine Untertanen und sein unermüdlicher Fleiß standen ihm dabei im Weg. Schwäche konnte und wollte er sich nicht erlauben. Kaiser Franz Joseph stand um 4.00 Uhr Früh auf und ging um 21.00 Uhr zu Bett. Dazwischen lag ein schwerer Arbeitstag vor ihm.
Im November 1916 bekam Kaiser Franz Joseph wieder einen stärkeren Husten, der sich – nach der Diagnose von Dr. Joseph Kerzl – zu einer Lungenentzündung ausgebreitet hatte. Er wurde immer schwächer und man beobachtete den Kaiser genau. Nachdem er sich auch noch beim Aufstehen in die Decke verwickelte und hinfiel, bohrte das Personal Löcher in die Wände, um den Kaiser zu beobachten. Stürze oder sonstige Probleme konnten damit schneller erkannt werden.
Trotz Lungenentzündung und starker Einschränkung schonte sich Franz Joseph nicht. Sein Reich, die Kriegswirren und die extremen Anspannungen der letzten Jahre hatten den alternden Kaiser müde gemacht. Oftmals sank er völlig erschöpft auf seine Arme und legte den Kopf auf diese, um am Schreibtisch ein kleines Nickerchen zu machen. Seine Minister und Adjutanten beobachteten ihn dabei über einen Spiegel, der so aufgestellt wurde, damit man sah, ob Kaiser Franz Joseph schlief oder arbeitete. Wenn er schlief, durfte er nicht gestört werden. Niemand durfte mehr länger als 5 Minuten zu ihm. Der Husten wurde stärker, die Schwächeanfälle häufiger.

Der letzte Tag – 21.11.1916:

Foto: Wikimedia/Commons
Gräfin Elisabeth „Ella“ Franziska Waldburg zu Zeil

Foto: ÖNB
Erzherzogin Marie Valerie

Erzherzogin Marie Valerie (*22.4.1868, †6.9.1924) und Gräfin Elisabeth Franziska „Ella“ Waldburg zu Zeil (*27.1.1892, †29.1.1930) erschienen um 8.30 Uhr morgens, um den Vater und Großvater zu fragen, wie es ihm ginge, und als sie eine zufrieden stellende Antwort bekamen, gingen die beiden gegen 9.00 Uhr morgens wieder. Erzherzogin Marie Valerie erbat um nochmaliges Kommen, um am Abend „Gute Nacht“ sagen zu dürfen. Kaiser Franz Joseph gestattete dies seiner Tochter.

Danach erschienen Generaloberst Graf Eduard von Paar (*5.12.1837, †1.2.1919) und Generaloberst Freiherr Alfred von Bolfras (*16.4.1838, †19.12.1922) zu Vorträgen.

Nach dem Abgang der Herren, bekam Kaiser Franz Joseph von seinem Burgpfarrer den päpstlichen Segen, den der Heilige Vater geschickt hatte. Der Burgpfarrer nahm ihm die Beichte ab, überreichte ihm die heilige Kommunion und ging voller Freude wieder, dass sich Kaiser Franz Joseph über den Heiligen Segen gefreut hatte.
Um 11.30 Uhr besuchte ihn das Thronfolgerpaar und jammerte, dass er keine Zeit zum Krank sein habe. Außerdem wurde die politische Lage in Rumänien besprochen.
Um 13.00 Uhr verschlimmerte sich jedoch der Zustand von Kaiser Franz Joseph, so dass er seinen Kabinettsdirektor Freiherr Franz von Schießl (*19.3.1944, †10.3.1932) und Sektionschef Dr. von Daruvary abwies.

Foto: Wikimedia/Commons Eduard Paar

Bis 16.00 Uhr schlief Kaiser Franz Joseph in seinem Ohrensessel. Danach stand er auf, ging zu seinem Schreibtisch und unterschrieb das letzte Dokument seines Lebens.

Um 16.30 Uhr speiste er eine Kleinigkeit. Um 17.30 Uhr kam Erzherzogin Marie Valerie, die sich um ihren Vater sehr große Sorgen machte. Sie fand ihn in einem verheerenden Zustand. Er war schwach und konnte kaum atmen. Sein Gesicht fahl und blaß. Er erzählte noch, dass er bereits die Beichte und den Segen des Papstes durch den Burgpfarrer bekommen hatte. Marie Valerie verließ ihren Vater schweren Herzens. Sie wird geahnt haben, dass es zu Ende ging.

Danach ließ er sich zum Betschemel bringen und betete darauf, längs sitzend. Ketterl bat Seine Majestät schließlich, sich niederzulegen.
„Ich bin mit meiner Arbeit nicht fertig geworden, morgen um 1/2 4 Uhr wecken Sie mich wie gewöhnlich.“
Seine Majestät schien bald gut zu schlafen, erwachte aber später und verlangte Tee zu trinken. Niemand vermochte es, ihm eine Tasse Tee einzuflößen. Ich nahm die Tasse zur Hand, hob den Polster, auf dem das Haupt des Sterbenden ruhte und es glückte mir, ihm ein paar Tropfen einzuflößen.
Der Kaiser lächelte müde: „Warum geht’s denn jetzt?“, meinte er mit leiser Stimme.

Foto: Wikimedia/Commons Dr. Joseph Kerzl

„Nicht lange danach wurde der Atem des Kaisers kurz und Professor Ortner sah sich veranlaßt, eine die Herztätigkeit anregende Injektion zu geben, von welcher der Kaiser nichts mehr merkte; gleichzeitig wurde der Burgpfarrer gerufen. Nach ½ 9 Uhr wurde er in das Schlafgemach eingelassen und spendete dem Kaiser die letzte Ölung. Bei dieser heiligen Handlung waren das Thronfolgerpaar, Erzherzogin Maria Josepha (Anmerkung: Mutter von Erzherzog Karl), Erzherzogin Maria Theresia, Erzherzog Franz Salvator und Erzherzogin Marie Valerie, der erste Obersthofmeister Fürst Montenuovo, der Generaladjutant Generaloberst Graf Paar, die in Schönbrunn anwesenden Flügeladjutanten und das Kammerpersonal Seiner Majestät zugegen. Ihre k.u.k. Hoheit Erzherzogin Marie Valerie kniete zu den Häupten des Kaisers und drückte ihm das Sterbekreuz in die Hand. Seine Majestät empfing noch das vollkommenen Ablaß in articulo mortis. Nicht lange darauf hörte der Kaiser auf zu atmen, ruhig war er hinübergeschlummert. Es war 9 Uhr 5 Minuten. Der Leibarzt seiner Majestät Dr. Ritter v. Kerzl und Professor Dr. Ortner stellten das Ableben fest.
Der Burgpfarrer betete das Responsorium „Subvenite Sancti“, verrichtete die kirchlichen Gebete für den erlauchten Dahingeschiedenen und besprengte ihn mit Weihwasser. Hierauf beteten alle Anwesenden gemeinsam für das Seelenheil des im Herrn Entschlafenen.“
Das war das Ende.
Die Macht des Kaisers von Österreich war gebrochen. Ein Stärkerer, der Tod, hatte ihn bezwungen… Für ihn war der Krieg beendet und er war zum Frieden der ewigen Ruhe eingegangen. (2)

Foto: Wikimedia/Commons Erzherzogin Maria Theresia von Braganza

Obwohl laut Eugen Ketterl seine letzten Worte „Warum geht’s denn jetzt?“ gewesen waren, sind die Worte: „Ich bin mit meiner Arbeit nicht fertig geworden, morgen um 1/2 4 Uhr wecken Sie mich wie gewöhnlich“ (2), in die Geschichte eingegangen. Sie zeigen den vor Fleiß und Eifer strotzenden Kaiser, der sich auch durch eine Lungenentzündung nicht davon abhalten ließ, sein untergehendes Reich zu regieren.
Foto: Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

Am 21.11.1916 entschlief nun der 86jährige Kaiser Franz Joseph um 21.05 Uhr sanft und friedlich in seinem Bett. Um ihn herum seine Lieben. Nur Erzherzogin Gisela musste aus München anreisen, sie konnte sich von ihrem lebenden Vater nicht mehr verabschieden. Katharina Schratt wurde vom Thronfolger und nunmehrigen Kaiser Karl verständigt und per Arm zum Bett des Toten geleitet. Kaiser Franz Joseph hatte einen Besuch am Bett abgelehnt, da er sich vor ihr genierte und ihr nicht den alten, kranken Mann zeigen wollte, zu dem er geworden war. Mit dem Tod des Kaisers wurde aus Erzherzog Karl Franz Joseph Kaiser Karl und er wurde ab sofort auch so angesprochen.

Um 22.30 Uhr wurden die Garden vor Schloss Schönbrunn vom Ableben des Kaisers informiert, die wiederum das Volk vor den Toren verständigten.

Am 22.11.1916 druckte die Wiener Zeitung als Erste die Verkündigung vom Tod des Kaisers. Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Österreich-Ungarn und in die Kriegsgebiete.

Foto: Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek

Ketterl kleidete Kaiser Franz Joseph zum letzten Mal an: Er legte ihm eine Feldmarschalluniform, das Goldene Vlies und die Kriegsmedaille, das Offiziersverdienstkreuz und die zwei Jubiläumsmedaillen zur Erinnerung an die 50. und 60jährige Regierungszeit an. Weiters wurde dem Leichnam sein Ehering und sein Siegelring, die er niemals ablegte, gelassen. Um den Siegelring wurde allerdings zuvor noch heftig gestritten. Erzherzogin Marie Valerie und Erzherzogin Gisela stritten sich um diesen Ring, nahmen ihn dem Toten ab, steckten ihn allerdings wieder auf seinen Finger. Da die beiden sich nicht einigen konnten, wer ihn behalten sollte, entschlossen sie sich, dem Vater den Ring mit ins Grab zu geben.

Foto: Wikimedia/Commons Prof. Dr. Norbert Ortner

Die erste Totenwache übernahmen Eugen Ketterl und Erzherzogin Maria Theresia (*24.8.1855, †12.2.1944), Witwe von Erzherzog Karl Ludwig, die Kaiser Franz Joseph über alle Maßen schätzte. Über den Tag der Aufbahrung kam sie mehrmals am Tag vorbei und schenkte dem Toten frische Alpenblumen, die sie aus dem Garten von Schönbrunn mitbrachte. Es waren des Kaisers Lieblingsblumen.

Am 23.11.1916 wurden Leibarzt Dr. Joseph Kerzl (*28.8.1841, †22./23.6.1919) und Professor Dr. Norbert Ortner (*10.8.1865, †1.3.1935) damit beauftragt, die Einbalsamierung durchzuführen. Im Protokoll ist folgendes zu lesen: „Die beiden großen Halsschlagadern werden freigelegt, in dieselben werden Kanülen eingebunden und sodann mit Formalin in concentriertem Zustand in den Kopf einerseits, in den Rumpf anderseits eingespritzt in der Menge von 5 Liter. Schließlich werden die gesetzten Halswunden vernäht.“ (3)

Foto: Wikimedia/Commons Obersthofmeister Alfred Monetnuovo

Die Begräbnisfeierlichkeiten waren ein einziger Staatsakt. Eigentlich hätte sich der letzte Obersthofmeister Seiner Majestät um das Zeremoniell kümmern sollen. Doch es gab keine wirklichen Überlieferungen dazu. Der letzte Kaiser, der beerdigt wurde, war Kaiser Franz I/II. Das Zeremoniell wurde mündlich überliefert und es gab keine lebende Person mehr, die sich an dieses Begräbnis erinnern hätte können. Mit Mühe fand Obersthofmeister Alfred Fürst von Montenuovo (*16.9.1854, †6.9.1927) heraus, wie das Begräbnis abzuwickeln sein könnte, als Kaiser Karl darauf bestand, dass er mit Kaiserin Zita und dem 5jährigen Kronprinz Otto hinter dem Sarg herzugehen wünsche. Außerdem musste sich der neue Obersthofmeister Seiner Majestät Kaiser Karl um die Zeremonie kümmern, weshalb Fürst Montenuovo sich um die internen Angelegenheiten kümmerte.

Während der Vorbereitungen zu den großen Feierlichkeiten wurden auch die testamentarischen Angelegenheiten geregelt. Kaiser Franz Joseph hinterließ ein Testament, welches er am 6.2.1901 aufsetzte. Zwei weitere Kodizille aus den Jahren 1913 und 1916 wurden hinzugefügt. Am 22.11.1916 wurde dieses im Beisein des Obersthofmarschalls, des Außenministers, des Obersthofmeisters Montenuovo und einiger Beamter geöffnet und verlesen. Sein gesamtes Privatvermögen wurde zu gleichen Teilen an die Töchter Erzherzogin Marie Valerie und Erzherzogin Gisela aufgeteilt. Ebenso erging eine größere Summe an seine geliebte Enkeltochter Erzherzogin Elisabeth Marie „Erzsi“, der Tochter des unglücklichen Sohnes Kronprinz Rudolf. Erzherzogin Marie Valerie erbte zudem die Villa in Bad Ischl, Erzherzog Franz Salvator, sein Schwiegersohn und somit Ehemann von Erzherzogin Marie Valerie erbte das Jagdhaus Offensee, samt dem dazugehörigen Grundbesitz. Erzherzogin Gisela erbte die Gries-Villa.

Da Kaiser Franz Joseph sein Testament von 1901 nicht mehr änderte, gingen die Kriegswitwen, -waisen und -opfer leer aus.

Gisela und Marie Valerie sollten dafür sorgen, dass der Rest der Familie mit Andenken und kleineren Summen begütet werden sollten; auch die Dienerschaft sollte mit Andenken beschenkt werden. Wer das gesamte Testament lesen möchte, kann das hier tun.

Am 27.11.1916 um 22.00 Uhr wurde der Leichnam in den Leichenwagen gebracht. Dieser wurde von Rappen gezogen und feierlich von Schloss Schönbrunn in die Hofburg überführt. 50 Personen des Hofes begleiteten den Wagen, nicht aber die Familie. Danach wurde Kaiser Franz Joseph auf das Totenbett – „bed of state“ – gelegt und aufgebahrt.

Foto: Bildarchiv ÖNB
Aufbahrung Kaiser Franz Joseph

Das Herz war von den Ärzten ebenfalls entnommen und entgegen der alten Tradtion, nach welcher die Herzen der verstorbenen Habsburger in der Loretokapelle der Kapuziner bestattet wurden, in die Katakomben des St. Stephansdoms gebracht worden. Den Kaiser umsäumten die Funeralkronen seiner Länder, viele Orden und Kerzen, und auf ihm wurde eine Decke aus Goldstoff drapiert, auf welche die Kinder der Familie Blumen ablegten. 25.000 Menschen sollen ihrem alten Monarchen die letzte Ehre erwiesen haben.

Laut mehrfacher Überlieferung dürfte bei der Einbalsamierung ein neues Paraffin-Verfahren angewendet worden sein. Das Gesicht von Kaiser Franz Joseph änderte sich dadurch fast stündlich und soll zum Schluss keinesfalls mehr wie der bekannte Monarch ausgesehen haben.
Da sich Österreich-Ungarn mitten im Krieg befand, waren wenige Staatsmänner an den Begräbnisfeierlichkeiten interessiert.

‚Foto: Deutsches Bundesarchiv
Kaiser Wilhelm II

Kaiser Wilhelm (*27.1.1859, †4.6.1941) zu dem Zeitpunkt selbst krank, kam am 28.11.1916 und legte einen großen Kranz mit weißen Orchideen vor dem aufgebahrten Kaiser Franz Joseph ab.

Am 30.11.1916 wurde das Begräbnis in Wien feierlich begangen. Außer der Familie, der Dienerschaft, den Offizieren und Staatswürdenträgern, waren noch folgende Personen anwesend: König Ludwig III, Ehefrau Erzherzogin Maria Theresia, König Friedrich August III, Familienmitglieder der Familien Hohenzollern-Sigmaringen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Weimar, Baden, Dänemark, Sachsen-Coburg, sowie Bündnispartner Zar Ferdinand I. und Kronprinz Mehmed VI. Vahideddin mit Ehefrau Emine Nazikeda, ebenso sandten die neutralen Länder Schweden und Spanien Familienmitglieder zum Begräbnis.

Foto: khm
Gala-Leichenwagen

Der prächtige Gala-Leichenwagen wurde von acht Rappen gezogen. Jedes Fenster, jeder Straßenzug war gesäumt von Menschen, die dem letzten großen Monarchen ihr Geleit geben wollten. 10.000 Mann sorgten für die Sicherheit, sperrten Straßen ab und regelten den Verkehr. Der Leichnam im einfachen Sarg wurde aus der Hofburg getragen, auf den Wagen gehoben, um an einem strahlenden warmen Spätherbsttag zum Stephansdom gefahren zu werden. Vor dem Trauerzug fuhren die höchsten Würdenträger, dahinter die Wagen der kaiserlichen Familie. Der Trauerzug ging von der Hofburg über des Kaisers große Meisterleistung, die „Ringstraße“, wo noch extra einmal eine Huldigung auf ihn wartete, über die Kärntner Straße zum Stephansdom, wo um 15.00 Uhr die feierliche Einsegnung stattfand. Danach wurde der Trauerwagen wieder auf die Kärntner Straße und über den Neuen Markt geführt, um schließlich um 15.30 Uhr vor den Toren der Kapuzinergruft anzuhalten.

Nach dem Festgottesdienst folgten Kaiser Karl, Kaiserin Zita und der in weiß gekleidete, blondgelockte Kronprinz Otto dem Trauerzug zu Fuß. Kronprinz Otto sollte die Hoffnung des Kaiserreichs darstellen. Sein Bild hat sich bis heute in das Gedächtnis der Menschen gebrannt. Noch heute ist dieses Bild des kleinen Buben, der ein ganzes Reich auf den Schultern trug, Sinnbild der untergehenden Habsburg-Monarchie.

Foto: habsburger.net
Kaiser Karl, Kaiserin Zita, Kronprinz Otto

Als Kaiser Franz Joseph vor der Kapuzinergruft ankam, war es Obersthofmeister Montenuovo, der bei Pater Guardian um Einlass bat. Die Anklopfzeremonie wird insgesamt 3x wiederholt. 2x werden alle Titel des Toten aufgesagt. Doch diese Titel helfen vor Gott, dem Allmächtigen, niemanden. Erst als Obersthofmeister Montenuovo den Satz „Franz Joseph, ein armer Sünder, dessen Sünden so zahlreich sind wie die Sterne des Himmels, bittet um Einlass“, wurde das Tor geöffnet. Er wurde zwischen seiner geliebten Engels-Sisi und seinem Sohn Kronprinz Rudolf zur ewigen Ruhe gebettet.

Foto: sternenkaiserin.com – Marie

Der ewige Kaiser – der ewige Mythos

Foto: Wikimedia/Commons Filmprogramm Sissi 1955

Foto: ÖW/Wiesenhofer

Wie schon bei Kaiserin Elisabeth erlebte der Kaiser nach seinem Tod eine Heldenverehrung. Im ganzen Land wurden Denkmäler gebaut, um dem großen Monarchen zu huldigen.

Nach dem Krieg erfuhr die Monarchie eine Renaissance. Sein Bildnis wurde zwar abgenommen, doch in jeder Schublade verwahrt, bis es wieder modern wurde, den Kaiser an den Wänden hängen zu haben. Spätestens mit den Sissi-Filmen mit Karlheinz Böhm und Romy Schneider haben wir den Kult rund um das Kaiserhaus wieder zurück.

Auch Kaiser Franz Josephs Konterfei wurde auf allem, was sich verkaufen lässt, abgebildet: Tassen, Puzzles, Magnete, Schnapsflaschen, Postkarten, Büsten, Uhren usw. werden in die ganze Welt verkauft. Mindestens zwei Bücher erscheinen pro Jahr mit dem Konterfei des Monarchen. Auch heute noch lässt sich mit dem alten, greisen, weisen und einsamen Menschen Kaiser Franz Joseph Geld verdienen.

Nur eines haben ihm seine Frau und sein Sohn voraus – ein Musical. In beiden kommt er zwar vor, allerdings gibt es noch kein eigenes Stück. Anscheinend war sein Leben dann doch zu langweilig für die Bühne.

Und auch wenn Sisi ihm den Bekanntheitsgrad abläuft, so ist es Kaiser Franz Joseph, der dieses Mythos geschaffen hat. Ohne seinerambivalente und schöne Ehefrau wäre das Kaiserhaus zwischenzeitig in Vergessenheit geraten.

Der Kaiser ist tot, lang lebe der Kaiser!

Foto: sternenkaiserin.com – Marie

~ Marie ~


Rechtliche Hinweise:
Bildrechte: Wikimedia/Commons, SHB, khm-shop.at, Habsburger.net, Bildarchiv Österreichische Nationalbibliothek, sternenkaiserin.com – Marie, ÖW/Wiesenhofer, 


Literarische Hinweise:
1 – S. 169/70, 2 – S 175
Eugen Ketterl
Wie ich Kammerdiener Seiner Majestät wurde (nur noch antiquarisch erhältlich)
Molden Verlag, 1980, 1. Auflage

3 – S 365
Michaela und Karl Vocelka
Franz Joseph I: Kaiser von Österreich und König von Ungarn 1830 – 1916
Verlag C.H.Beck, 2015, 1. Auflage


Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth – eine ambivalente Ehe (KFJ Teil 6)

Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph, Foto: Wikimedia/Commons

Im vorletzten Teil meiner Reihe über das Leben von Kaiser Franz Joseph wenden wir uns dem Ehepaar zu. Was wurde uns in den Sissi-Filmen mit Karlheinz Böhm und Romy Schneider als Kaiser Franz Joseph und Sissi nicht alles vorgegaukelt. Dass es nichts mit der Realität zu hatte, werde ich hier aufzeigen.

Schon bald nach der strapaziösen Hochzeit (den Beitrag findet ihr hier) den Flitterwochen, die Sisi zumeist, nur in Gesellschaft ihr völlig fremder Hofdamen in Schloss Laxenburg verbringen musste, ging es auf Repräsentationsfahrt durchs halbe Land. Vor allem Böhmen und Mähren standen auf dem Plan. Zwei Monate nach der Hochzeit wurde Sisi schwanger.

Die erste Zeit lebten Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph im Schloss Laxenburg. Ein bis drei Mal die Woche besuchten Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Karl die Schwangere. Sophie machte sich große Sorgen, da sie selbst elf Fehlgeburten ertragen musste.

Erzherzogin Sophie Friederike, Foto: Wikimedia/Commons

Die Schwangerschaft verlief komplikationslos und am 5.3.1855 wurde die kleine Prinzessin Sophie Friedericke Dorothea Maria Josepha († 29.5.1857) geboren. Es ist nicht korrekt, dass sich Erzherzogin Sophie in die Namensgebung einmischte. Es war damals Brauch, den Namen der Großmutter zu wählen. In diesem Fall wurde Sophie als Namenspatin auserkoren. Zumindest behauptet dies die Sophie-Biografin Ingrid Haslinger. Brigitte Hamann schrieb wiederum, dass Sisi sich dem Regiment der Schwiegermutter widerstandlos zu fügen hatte. Das Kind erhielt den Namen Sophie, die Großmutter wurde Patin.

Auffällig war, dass Herzogin Ludovika bei der Erstgeburt nicht dabei war. „Die Mutter der Kaiserin verweilt auf ihrem Landsitze, worüber man sehr erstaunt ist. Sie soll keine Einladung erhalten haben Jedes Ding hat seine Ursache…“ (1)

Kaiser Franz Joseph war überglücklich seine schöne starke Tochter in Händen zu halten. Sisi war erschöpft, aber überglücklich.

Die traurige Geschichte zu Prinzessin Sophie könnt ihr hier nachlesen.

Die ersten Jahre der Ehe können als glücklich angesehen werden. Franz Joseph machte aus seiner Verliebtheit keinen Hehl. Auch Elisabeth dürfte ihrem jungen feschen Mann sehr zugetan gewesen sein.

Erzherzogin Gisel(l)a im Alter von 4 Jahren, Foto: Dorotheum Wien

Was die Kindererziehung betrifft, gehen abermals die Biografen Haslinger und Hamann weit auseinander. Obwohl auch Hamann den Zwist relativiert, scheibt Haslinger von Eitel Wonne seitens Sophie. Fakt ist: der Konflikt, nach dem Erzherzogin Gisella Louise Marie (*12.7.1856, †27.6.1932) geboren wurde, verschlechterte sich seitens Kaiserin Elisabeth zusehends. Herzogin Ludovika (*30.8.1808, †25.1.1892) wurde Taufpatin, reiste aber selbst zur Taufe des Kindes nicht an. Es hieße, sie wolle Erzherzogin Sophie nicht im Wege stehen.

Gisella, die sich später selbst immer nur Gisela schrieb, wurde ebenso wie die kleine Sophie sofort in die Privaträume von Erzherzogin Sophie verlegt, wo sich Kinderfrau Karoline Freifrau von Welden (*13.4.1812, †6.8.1892) aufhielt. Diese war für die Erziehung zuständig. Sie wurde von Erzherzogin Gisela und später von Kronprinz Rudolf sehr geliebt. Ihr liebevoller Spitzname „Wowo“ blieb ihr für den Rest ihres Lebens.

Ingrid Haslinger schreibt in ihrer Sophie-Biografie, dass Kaiserin Elisabeth selbst ihrer Mutter gegenüber gestanden hätte, nichts mit Kleinkindern anfangen zu können. Dem widerspricht sich wiederum Brigitte Hamann, die darüber philosophiert, wie sehr Elisabeth es genossen hätte, als Marie Valérie zur Welt kam.  Wir richten daher den Blick auf die gemeinsame Reise 1856 nach Kärnten und in die Steiermark.

 

Kaiser Franz Joseph Statue, Kaiser Franz Joseph Höhe, Großglockner, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Gedenktafel unter dem KFJ Denkmal, Großglockner, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Kaiserin Elisabethruhe, Großglockner, Foto: geo.de

Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth erlebten eine Zeit, die vom strengen höfischen Zeremoniell komplett abgewandt war. In Lederhose, mit Gamsbarthut und im knappen Lodenkostüm mit derben Bergschuhen machten sich die beiden auf, das Hochgebirge zu erkunden. Auch der Großglockner wurde bestiegen. Als Elisabeth nach drei Stunden Bergmarsch eine Pause machte (sie war noch geschwächt durch die Geburt von Gisela), wurde die Wallnerhütte einfach in „Elisabethruhe“ umbenannt. Kaiser Franz Joseph stieg derweil mit einem Bergführer auf den Hohen Sattel zum Pasterzengletscher, welcher heute „Franz-Joseph-Höhe“ heißt.

Als die beiden zurückkamen, war die Ehe gestärkt und Franz Joseph lehnte sich erstmals (und letztmals) gegen seine Mutter auf. 

Er ließ nach der Ankunft die Kinderzimmer in die Radetzky-Räume verlegen; allerdings ohne dass seine Mutter Sophie dies wusste. Diese befand sich zu dieser Zeit in Bad Ischl. Als sie zurückkam und die Veränderung sah, reagierte sie mehr als nur erbost. Ein Schreiben von Kaiser Franz Joseph an seine Mutter zeugt von dieser Auflehnung: „Ich bitte Sie jedoch inständigst, Sisi nachsichtig zu behandeln, wenn sie vielleicht eine zu eifersüchtige Mutter ist, – sie ist ja doch so eine hingebende Gattin und Mutter!, Wenn Sie die Gnade haben, die Sache ruhig zu überlegen, so werden Sie vielleicht unser peinliches Gefühl begreifen, unsere Kinder ganz in Ihrer Wohnung eingeschlossen mit fast gemeinschaftlichem Vorzimmer zu sehen… Übrigens fällt es Sisi gar nicht ein, Ihnen die Kinder entziehen zu wollen… Sehr betrübt hat mich alles, was Sie, liebe Mama, an diese einfache Maßregel knüpfen. Nie würde ich es zugeben, daß Sie Ihre jetzige Wohnung verlassen oder gar, was ich nicht gelesen haben will, ganz aus der Hofburg ziehen würden.“ (2)

Wir können also davon ausgehen, dass es hier zu massiven Problemen kam. Sophie drohte mit Auszug, Elisabeth triumphierte. Sie wurde generell immer stärker. Ihre zurückhaltende Art, ihre Ängste und ihre Weinattacken wurden immer weniger. Sie bemerkte wohl immer mehr, dass sie mit dem Titel „Kaiserin“ Macht hatte, die man ihr so leicht nicht mehr wegnehmen konnte.

Dr. Johann Nepomuk Seeburger, Foto: Wikimedia/Commons

Dr. Johann Nepomuk Seeburger (*29.4.1800, †7.5.1870) stellte zu seinem Entsetzen fest, dass Kaiserin Elisabeth sich auf den Auslandsreisen 1856/7 nach Mailand und Venedig nicht schonte. Auch im strömenden Regen stand sie ihrem Mann bei, während er die endlosen Paraden abnahm. Kaiser Franz Joseph, der sehr frostig empfangen wurde und mit einigen Attentatsversuchen zu kämpfen hatte, merkte, dass alle Augen auf seine schöne Frau gerichtet waren. In Staatskleidung stand sie fest hinter ihm. Ihre Lunge machte nicht mehr lange mit. Dr. Seeburger warnte die junge Kaiserin, die nicht hören wollte. Bei Kaiser Franz Joseph blitzte er vollkommen ab. „Ein Pantoffelheld sei er“, beklagte er sich.

Der Hass, der Unmut und das Risiko, dass Kaiser Franz Joseph in Italien entgegenschlug bzw. dem man sich aussetzte, waren der jungen Frau völlig fremd. In Bad Ischl jubelten die Menschenmengen, in Wien huldigte man dem Kaiserpaar, in Kärnten und der Steiermark führten sie beinahe inkognito gemeinsame Bergtouren aus. Was ihr in Wien verhasst war, wurde ihr in Italien recht: Präsentieren, schön sein und im Grunde genommen, wenig Meinung zu haben. Kaiser Franz Joseph verfiel seiner Frau immer mehr. Dass sie absichtlich die Kinder in die Gefahrenzone brachte, bemerkte niemand, außer Erzherzogin Sophie. Der Konflikt ab 1856 war unausweichlich immer mehr zum Problem geworden.

Erzherzog Franz Karl, Foto: austria-forum.org

Als Tochter Sophie starb, war die Trauer groß. Sisi brach zusammen, Franz Joseph überstand die Krise nur mit Disziplin und innerer Härte. Erst sehr viele Jahre später, sollte Erzherzogin Marie Valerie ihren Vater um Baby Sophie trauern sehen: 20. – 22.9.1898 „Mit Papas Gutheissung wird Mamas Toilettenzimmer in der Villa Hermes mit all den gewohnten Sachen hergerichtet… Erinnerungen tauchen auf – längst vergangenes Weh – auch an das baby, das ihr vor mehr als 40 Jahren vorausgegangen, nach denen Papa jetzt fragt, die er aufbewahrt wissen und doch nicht sehen will. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich ihn vom „baby“ sprechen hörte…“ (3)

Kronprinz Rudolf als Kleinkind, Foto: Nationalbibliothek

Am 23.8.1858 kam nun endlich der große Stammhalter, Kronprinz Erzherzog Rudolf Franz Karl Joseph zur Welt (†30.1.1889). Erzherzog Franz Karl wurde sein Taufpate. Mit der Geburt von Rudolf änderte sich schlagartig Elisabeths Laune. Kaiserin Elisabeth wurde auch jetzt wieder nicht von Erzherzogin Sophie gestattet, das Kind selbst zu stillen. Rudolf wurde in die Arme der bäuerlichen Amme Marianka gelegt. Sisi wurde schwer krank. Sie bekam Fieber und litt unter Milchandrang. Als sich ihr Zustand bis zum Winter nicht gelegt hatte, wurde Herzogin Ludovika gerufen.

Kaiser Franz Joseph musste sich seinen Staatsgeschäften hingeben und hatte für die Rekonvaleszenz seiner Frau wenig über. Der Krieg mit Italien 1859 brach aus. Nach dem Graf Grünne und seine Generäle an einigen Schlachten maßlos scheiterten, reiste Kaiser Franz Joseph selbst an die Front. Kaiserin Elisabeth brach beinahe zusammen, als sie von dem Vorhaben erfuhr. Sie begleitete mit den Kindern ihren Mann bis nach Mürzzuschlag. Dort übernahm Generaladjutant Karl Ludwig Graf von Grünne (*25.8.1808, †15.6.1884) Kaiser Franz Joseph. Elisabeth heulte ohne Unterlass. Sie bettelte Graf Grünne, dem sie zu diesem Zeitpunkt noch vertraute, um Folgendes an:

Graf Karl Ludwig Grünne, Foto: Wikimedia/Commons

 „Sie denken gewiß immerwährend an Ihr Versprechen und geben recht acht auf den Kaiser; das ist mein einziger Trost in dieser schrecklichen Zeit, daß Sie es immer und bei jeder Gelegenheit tun werden. Wenn ich nicht diese Überzeugung hätte, müßte ich mich ja zu Tode ängstigen. Aber was an Ihnen liegt, werden Sie gewiß auch Thun, um den Kaiser zu bewegen, bald zurückzukommen und Ihn bei jeder Gelegenheit daran zu erinnern, daß Er ja auch in Wien so nothwendig ist. Wenn Sie wüßten, wie ich mich gräme, hätten Sie gewiß Mitleid mit Mir.“ (4)

Hier beginnen nun die erhaltenen und veröffentlichten Briefe von Kaiser Franz Joseph an seine Elisabeth. Diese begannen am 31.5.1859 und endeten am 10.9.1898 (jenen Brief, den Kaiserin Elisabeth nie mehr lesen sollte).

„Verona, 31.5.1859, Meine liebste Engels Sisi, Die ersten Augenblicke nach dem Aufstehen benütze ich, um Dir diese wenigen Zeilen zu schreiben und Dir wieder zu sagen, wie sehr ich dich liebe und wie ich mich nach Dir und den lieben Kindern sehne. Wenn es Dir nur recht gut geht und du Dich so fleißig schonest, wie Du es mir versprochen hast. ……. Es regnet hier alle Tage. Gestern bei meiner Ankunft hat es so gegossen, wie bei unserem nassen Spazierritte. Ich umarme und küsse Dich von ganzem Herzen, mein einziger Engel. Dein treuer Franz – Lasse, bitte, Mama von diesem Briefe wissen, was sie interessirn kann.“ (5)

Erzherzogin Sophie, Foto: Wikimedia/Commons

Wochenlang schrieb Kaiser Franz Joseph aus dem Kriegsgebiet. Teilweise erzählt er von Divisionen, die gerade eingetroffen waren, von Mätressen diverser Generäle, Herzöge oder sonstigen Adeligen, der Sehnsucht nach seiner Engels Sisi und den Kindern. Da die Briefe von Kaiserin Elisabeth (angeblich) nicht erhalten sind, kann man an den Antworten, die Kaiser Franz Joseph verfasste, nur erahnen, was Sisi zurückschrieb.

Handschrift von Kaiser Franz Joseph, Foto: Nationalbibliothek

„Verona den 4. Juni 1859 Mein, lieber einziger Engel! Tausend Dank für Deine lieben Briefe vom 31. und 1., die ich gestern und heute erhielt und für das Billet der lieben Gisela. Auch für die Zusendung des Blattes über Land und Meer und des Vergißmeinnichtes danke ich Dir innigst. Wenn ich nur auch über Dich und Deine theure Gesundheit beruhigt sein könnte. Ich beschwöre Dich, mein Engel, schone Dich und gräme Dich nicht zu sehr, denn mir geht es ganz gut, ich gebe Acht auf mich und ich werde nicht vergessen, was ich Dir versprochen habe und was ich Dir, den Kindern und der Monarchie schuldig bin. Schreibe mir doch auch, was Du machst und wie Du und die Kinder den Tag zubringst. Das interessiert mich sehr. Ich lasse auch der Mama vielmals für Ihren Brief vom 31. danken und um Verzeihung bitten, daß ich noch nicht die Zeit gefunden habe zu antworten. Vergesse nicht, dies in Schönbrunn auszurichten. ……  Nun muß ich schliessen, um Schlafen zu gehen. Ich habe gegründete Hoffnung, daß ich Dir bald gute Nachricht telegraphiren kann Küsse unsere lieben Kinder von mir, vertraue auf unseren lieben Herr Gott im Himmel und sei guten Muthes. Dem Papa und der Mama küsse die Hände. In dem ich Dich in Gedanken umarme und küsse, bleibe ich ewig Dein treuer Franz – Theile der Mama die in diesem Briefe enthaltenen Nachrichten mit.“ (6)

Auch hier werden wieder Divisionen und Namen von Personen genannt, die zum Ort des Geschehens kamen.

Der Krieg war unaufhörlich und so zogen sich die Wochen dahin. Als Verwundete in Wien eintrafen, erbarmte sich Kaiserin Elisabeth und öffnete die Pforten von Schloss Laxenburg, um ein Lazarett einzurichten.

Knochenkapelle Ossario di Solferino, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Knochenkapelle Ossario di Solferino, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Knochenkapelle Ossario di Solferino, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Kaiser Franz Joseph schrieb: „Verona den 3. Juli 1859 Meine innigstgeliebe, arme Sisi  …… Von hier schaffen wir jetzt so viele Blessierte und Kranke weg, als möglich. Wenn nur für sie gut gesorgt wird und uns hierher recht viel Charpie, Bandagen und Wäsche geschickt wird. Dein Wein ist angekommen. Daß Du ein Spital in Laxenburg etablirst, ist herrlich. Für beides nehme meinen innigsten Dank. Du bist mein guter Engel und hilfst mir sehr viel .… Dein treuer Franz“ (7)

Er schrieb Briefe über Briefe, in denen von einer Krankheit Giselas zu lesen ist, die Sorge um Sisi, die gesundheitlich angeschlagen war und um das Lazarett in Laxenburg, das sich bald auf alle Gebäude erstrecken sollte.

Kaiser Franz Joseph, zu dem Zeitpunkt der Schlacht von Solferino 29 Jahre alt, scheiterte auf der ganzen Linie. Obwohl er sich seit seiner Kindheit mit dem Militär auseinandersetzte, war er als Führer der Armee zu unerfahren. Zehntausende Tote hatte der Krieg zur Folge, ein Gemetzel der besonderen Abscheulichkeit wurde geboten. Jean-Henri Dunant (*8.5.1828, †30.10.1910) wurde Zeuge der brutalen Schlacht und gründete darauf hin das Rote Kreuz. Es war des Kaisers größte Niederlage. Der Schlachtenruf „Löwen von Eseln geführt“, machte die Runde. Die Untertanen hungerten bis zum Tod, das Land schien dem Untergang geweiht. Eine Revolution stand kurz bevor, man wollte anstatt Kaiser Franz Joseph den jungen, liberalen Erzherzog Ferdinand Maximilian (*6.7.1832, †19.6.1867)  auf dem Thron sehen. Franz Joseph, der immer ein schwieriges Verhältnis zu Max hatte, sah seine Felle davonschwimmen. Napoleon III (*20.4.1808, †9.1.1873) gab Kaiser Franz Joseph die Hauptschuld an der Niederlage.

Henri Dunant Denkmal, Solferino, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Henri Dunant, Foto: roteskreuz.at

Solferino sollte aber auch im Privatleben der Untergang des jungvermählten Paares werden. Elisabeth sah das Ausmaß des Krieges mit voller Wucht. Die Kranken und Verwundeten, die den Weg nach Wien gefunden hatten, fanden kaum noch Aufnahme. Die Spitäler waren heillos überfordert, weshalb Kirchen, Klöster, Schlösser und Palais aller Art geöffnet wurden, um die Verwundeten aufzunehmen. Viele Tote musste Kaiserin Elisabeth sehen, Verletzungen behandeln, mit denen sie bis dahin nicht ansatzweise in Berührung kam und das Geschrei der Soldaten ertragen. Ein Umstand, den die junge Kaiserin sehr mitnahm. All das legte sie in den Briefen an ihren Mann zwar nicht offen, aber sie klagte offen ihre Schwiegermutter an, die ihren Mann animierte, für die Monarchie das Richtige zu tun. Elisabeth fing an, die liberalen Tageszeitungen zu lesen und war schnell der Überzeugung, dass die „reine Monarchie“ nichts mehr mit dem zu tun hatte, was die Bevölkerung wollte und brauchte. Der Anfang vom Ende?

Elisabeth wollte sich in die Politik einmischen. Sie schrieb an ihren Mann, dass er doch den Frieden anstreben solle. Das Volk wollte einen Schuldigen und fand diesen in Graf Grünne. Sie bat den Kaiser diesen zu entlassen. Kaiser Franz Joseph reagierte erzürnt „von einer Änderung sei nie die Rede gewesen und ich denke gar nicht daran. Überhaupt bitte ich Dich nicht zu glauben, was in den Zeitungen steht, die so viel dummes und falsches Zeug schreiben.“ (8) Stattdessen sollte Sisi lieber essen und schlafen, viel weniger Reiten und sich um die häuslichen Dinge, wie die Kinder, kümmern. Auch in „Anstalten“ solle sie sich zeigen, es würde die Leute in Wien aufrichten. Die Vorwürfe an die mittlerweile 21jährige Kaiserin klangen hart.

Kaiser Franz Joseph musste sich aber bald eingestehen, dass der Frieden unausweichlich war. Napoleon III (*20.4.1808, †9.1.1873) drängte ihn zur Aufgabe. In der Villafranco wurde die Lombardei von Österreich abgekoppelt.

Herzogin Ludovika, Foto: Wikimedia/Commons

Nur Elisabeth sah die Entwicklung in der Bevölkerung mit Argwohn. Erzherzog Franz Karl lehnte eine Bestürzung der Untertanen ab, da er noch gegrüßt wurde, Herzogin Ludovika empfand die Stimmung gegen ihren Schwiegersohn als empörend, verleumderisch, verlogen und unaussprechlich ungerecht. Erzherzogin Sophie sah ihren Sohn natürlich immer noch in der „Alleinherrschaft des Gottes Gnadentum“. Je mehr Kaiserin Elisabeth liberal wurde, desto mehr rotteten sich die Habsburger gegen sie zusammen. Eine liberale Kaiserin, die ihren Mann politisch hinterfragte, wollte man nicht am erzkonservativem Wiener Hof. Sisi wurde trübsinniger, sah nur noch schwarz und ließ sich auch von den Briefen ihres Mannes nicht mehr beruhigen. Sie glaubte, dass Sophie all ihre Mächte zusammenraffte, um ihr und Kaiser Franz Joseph zu schaden.

Was genau der eigentliche Grund für die Flucht von Kaiserin Elisabeth im Jahr 1860 war, wird wohl nie mehr aufgeklärt werden können (zumindest solange nicht, bis ihr gesamter Nachlass veröffentlicht wird).

Obwohl das Habsburger Reich und auch einige andere europäische Staaten im höchster Bedrängnis waren, begann Kaiserin Elisabeth so genannte „Waisenbälle“ zu organisieren. Im Frühjahr feierte sie insgesamt sechs solcher Bälle. Dabei wurden die Damen und Herren der höchsten adeligen Gesellschaft geladen; allerdings durften die Damen ihre Mütter nicht mitnehmen. Die Mädchen waren alle im Alter von Kaiserin Elisabeth oder jünger. Ein Fauxpas, wenn man bedenkt, dass eine Frau niemals ohne Begleitung das Haus verlassen durfte und wenn, dann nur in der Begleitung ihrer Mutter und/oder einer Gouvernante oder gar nicht. Elisabeth setzte sich durch, die Damen erschienen ohne Geleit. Der einzige Hintergrund dieser Bälle war: Erzherzogin Sophie wurde damit ebenfalls der Zutritt verweigert. Elisabeth sträubte sich immer mehr, mit Sophie Zeit zu verbringen.

Herzogin Sophie von Aleçon, Schwester von Kaiserin Elisabeth Foto: Wikimedia/Commons

Der nächste Bruch war, dass Kaiser Franz Joseph mit Affären außerhalb der Ehe begann. Im Adel jener Zeit war es üblich, den Frauen fremdzugehen. Die Männer nahmen sich heraus, was zu nehmen war. Die Frau hatte klaglos darüber zu sein. Drehte eine Frau den Spieß um, wurde daraus eine öffentliche Schlammschlacht, die immer negativ für die Frau von Welt aus ging (siehe Louise von Sachsen-Coburg (*18.2.1858, †1.3.1924) (Schwester von Kronprinzessin Stephanie) oder Sophie von Aleçon (*23.2.1847, †4.5.1897) (Kaiserin Elisabeths Schwester), die beide in der Irrenanstalt landeten. 

Prinzessin Louise von Sachsen-Coburg, Schwester von Kronprinzessin Stephanie, Foto: Wikimedia/Commons

Doch Elisabeth war naiv genug zu glauben, dass sie ihrem Mann genügen würde, nannte er sie doch Tag und Nacht seine „Engels Sisi“. Es war keine Zweckehe, die hier eingegangen wurde. Kaiser Franz Joseph hatte Elisabeth Herzogin in Bayern bewusst gewählt. Er hatte sich in sie verliebt. Ob sich die fünfzehnjährige Sisi in den Kaiser verliebt hatte, darüber kann man spekulieren. Wir alle haben mit Fünfzehn geliebt aber war es die Liebe fürs Leben? Bei den meisten wohl eher nicht.

 

 

Bahnhof Linz der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn, Foto: Wikimedia/Commons

Als Kaiser Franz Joseph mit seinen zahlreichen Affären begann (Teil 5 meiner Serie findet ihr hier), stürzte die letzte Barriere für Elisabeth ein. Bereits im Juli 1860 folgte der nächste Eklat. Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth stritten so massiv, dass Sisi mit Gisela nach Possenhofen fuhr. Die Reise war eine Flucht. Dabei war es ihr völlig egal, dass sie die Eröffnungsfeierlichkeiten für die neue „Kaiserin-Elisabeth-Westbahn“ (heute Weststrecke) durcheinander brachte. Sie fuhr mit der Bahn von Wien nach München.

Herzogin Mathilde in Bayern, Foto: Wikimedia/Commons

Um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, fuhr sie am 18.8.1860 mit ihrem Bruder Herzog Carl Theodor (*9.8.1839, †30.11.1909) und ihrer Schwester Mathilde (*30.9.1843, †18.6.1925) zurück nach Salzburg. Kaiser Franz Joseph kam ihr in Salzburg mit Erzherzogin Sophie entgegen. Die Mitnahme ihres Lieblingsbruders und von Mathilde kann man als Zeichen der Unsicherheit vor ihrem Ehemann und vor allem vor Sophie werten.

Herzog Karl Theodor in Bayern, Foto: Wikimedia/Commons

Kaiser Franz Joseph fiel aus allen Wolken, als ihm seine Frau im Spätherbst eröffnete, dass sie nach Madeira wollte. Sie fühlte sich seit Wochen krank, fieberte und hustete. Im Kaiserreich war es aber üblich, die Wintermonate in Arco oder in Meran zu verbringen. Elisabeth setzte sich wieder einmal durch.

Während sich der Kaiser von Laxenburg aus (das Paar wohnte immer noch im Schloss Laxenburg) wieder mehr seiner Mutter zuwandte, kümmerte sich Sisi um ihre Sommergarderobe. Dies heizte wilde Spekulationen an: wäre es einer Todkranken nicht egal, welches Kleid sie anhabe? Auch, dass sie die junge Witwe Mathilde Prinzessin von Windischgrätz (*5.12.1835, †1907) zu ihrer Hofdame machte, verwunderte den Hof. Gräfin Esterházy wurde dazu bestimmt, bei den Kindern in Wien zu bleiben. Hofdame Windischgrätz, eine junge Witwe, deren Mann in Solferino fiel, musste sich ebenso von ihrem Kleinkind verabschieden. Ein Umstand, der noch merkwürdiger war, als sowieso schon die ganze Reise an sich.

Prinzessin Mathilde von Windischgrätz, Foto: Wikimedia/Commons

Die Nachricht, dass die junge Kaiserin für längere Zeit Wien verlassen musste, da sie Lungenkrank sei, bestürzte ganz Europa. Queen Victoria (*24.5.1819, †22.1.1901) stellte ihre Privatjacht zur Verfügung, da es im Kaiserreich keine geeignete Jacht gab. Auch hier setzte Elisabeth ihren Willen durch. Sie nahm zwar die Jacht, lehnte aber die Einladung ins britische Königshaus kategorisch ab. Sie möge inkognito reisen, lautete die lapidare Absage.

Biograph Conte Corti bringt die Sache auf den wesentlichen Punkt: „Der Deckmantel der Krankheit wird das alles abschwächen, und sie ist ja auch wirklich krank, ihr geistiger Zustand nimmt auch den Körper hart mit. Und was sonst eine kleine Anämie, ein unbedeutender Husten wäre, wird unter solchen Verhältnissen fast wirklich eine Krankheit.“ (9) Veröffentlicht hatte er diese Sätze nie. Brigitte Hamann fand diese, als sie in seinem Manuskript recherchierte. Corti galt als kaisertreu und strich die Bosheit sofort wieder heraus. Auch jene über Erzherzogin Sophie, die ebenfalls Hamann übernahm: „Sie aber weiß genau Bescheid und ist bloß empört über die pflichtvergessene Elisabeth, die wie sie meint, nur eine Krankheit vorspiegelt, um dem Winter zu entfliehen und ihren merkwürdigen Lebensgewohnheiten ungenierter nachleben zu können.“ (10)

Leopoldine Nischer Foto: genee.org

Im November fuhr Elisabeth los. Leider sind die Briefe in jener Zeit von Kaiser Franz Joseph an Kaiserin Elisabeth nicht erhalten. Fünf Monate sollte der Aufenthalt nur dauern. Sechs Monate später kam sie zurück. Kaiser Franz Joseph fuhr nach Triest, um seine Elisabeth entgegenzunehmen. Die Menschen jubelten ihr zu. Man fuhr nach Schloss Laxenburg, wo das Paar hoffte, seinen geregelten Tagesablauf wieder aufnehmen zu können. Als Elisabeth zum ersten Cercle nach Wien zurückmusste, wurde sie wieder von heftigen Hustenanfällen geplagt. Sie suchte die Einsamkeit und wollte niemanden zu sich lassen.

Vier Tage später war klar, dass Elisabeth wieder ins Ausland musste. Diesmal nach Korfu. Elisabeth dachte, sie müsse sterben und verabschiedete sich theatralisch von ihrer Tante, die gleichzeitig ihre Schwiegermutter war. Sophie notierte: „Traurige Trennung von unserer armen Sisi, vielleicht fürs Leben. Sie weinte und war extrem bewegt und bat mich um Verzeihung für den Fall, daß sie für mich nicht so gewesen ist, wie sie es hätte sein sollen. Ich kann meinen Schmerz, den ich empfand, nicht ausdrücken, er zerriß mir mein Herz. Der Kinderfrau Leopoldine Nischer (Anmerkung: *1813, †1883) empfahl Sisi beim Abschied die Kinder an mit den Worten: „es wäre ja das einzige, was dem Kaiser bliebe!“ (11)

Erzherzog Ferdinand Maximilian, Foto: Wikimedia/Commons

Als Elisabeth von Laxenburg abfuhr, hätte man meinen können, ein Leichenwagen zöge vorbei. So betrübt und theatralisch war die Stimmung. Kaiser Franz Joseph begleitete sie selbstverständlich nach Triest, wo auch ihr Lieblingsschwager Erzherzog Ferdinand Maximilian auf sie wartete. Mit einer Gefolgschaft von 33 Personen stieg Kaiserin Elisabeth auf das Schiff. Doch schon auf der Überfahrt änderte sich schlagartig ihr Gemüt. Sie aß, lachte und war übermütig. In Wien verbreitete sich indes das Gerücht, die junge Kaiserin sei verstorben.

Im Juli beging Kaiser Franz Joseph einen folgenschweren Fehler.

Gräfin Marie Festetics, Hofdame, Foto: Wikimedia/Commons

Er übersandte als Botschafter Graf von Grünne. Der Inhalt des Gesprächs ist leider bis heute nicht überliefert. Es eskalierte allerdings derartig, dass Elisabeth nie wieder ein Wort mit Graf Grünne sprach. Einige Szenen aus dem Gespräch erzählte sie wohl später ihrer Hofdame und engen Vertrauten, Marie Gräfin Festetics (*20.10.1839, †17.4.1923). Von Betrug sei die Rede gewesen, von Maßregelungen in Richtung des Kaiserhauses und von Ratschlägen, die bei der jungen Kaiserin falsch ankamen. Gräfin Festetics schrieb am 12.4.1872 in Ofen in ihr Tagebuch: „Jetzt entsanken die Zügel seinem eisernen Griffe, er ist Oberstallmeister Seiner Majestät (Anmerkung: Graf von Grünne wurde nach dem verlorenen Italien Krieg vom Flügeladjutant zum Oberstallmeister „degradiert), ist noch wichtig genug. Eng verbündet mit Erzherzogin Sophie, ist er unter der Maske der größten Gutmütigkeit ein Feind der Kaiserin und dabei doch unter Ihrem „Charme“. Wie, warum, das weiß ich alles nicht. Ich kenne ja das Getriebe und Gewebe nicht, sage nur, was ich sehe und aus einzelnen Worten erhöre.“ (12)

Auch hier sind die Briefe zwischen dem Ehepaar nicht erhalten. Den ersten Brief, den ich finden konnte, war an seine Mutter Erzherzogin Sophie.

Helene und Max von Thurn und Taxis mit Kindern, Foto: Wikimedia/Commons

Wien, den 2. September 1861 Liebe Mama, erst heute komme ich dazu, Ihnen für Ihren lieben Brief vom 22.v.M. zu danken. …… Von Sisi habe ich Gottlob recht befriedigende Nachrichten. Sie hat sich über Helenes Ankunft sehr gefreut, ist recht heiter, fährt zu Wagen und zu Schiff und ißt über Andringen ihrer Schwester jetzt viel mehr Fleisch und trinkt mittags und abends Bier. Infolge der kühlen Witterung, die nach einem starken Gewitter auf in Korfu eingetreten ist, hat sie leider wieder mehr gehustet, allein der Arzt legt der Sache keine Bedeutung bei. Die lieben Kinder, die ich vorigen Mittwoch das letztemal besuchte, sind immer sehr wohl und heiter. Die Gesellschaft des Max Taxis (Anmerkung: Maximilian Thurn und Taxis (*28.9.1831, †26.6.1867), Helenes Ehemann), der seinen Aufenthalt, meinem Wunsche entsprechend, noch verlängert hat, ist mir sehr angenehm und erheiternd. … Ihr treuer Sohn Franz. (13)

 

Denkmal Funchal, Madeira, Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

In weiteren Briefen erzählte Franz Joseph, dass er die Kinder in Reichenau an der Rax besucht hätte und sich nach Sisi sehne, der es besser gehen soll. Außerdem ging er jagen und empfing allerlei Gäste.

Des Weiteren machte er sich auf den Weg nach Korfu, um seine „schwer erkrankte“ Frau zu besuchen. Er schrieb am 16.10.1861 folgenden Brief an seine Mutter: „Liebe Mama, nach einer herrlichen und vom ruhigen Wetter begünstigten Seereise bin ich glücklich in diesem irdischen Paradiese angekommen und habe Gottlob über meine Erwartung Erfreuliches gefunden. Sisi ist wirklich viel besser, besonders kräftiger und sieht sehr gut aus. Sie ist stärker geworden, ist wohl noch ein wenig aufgedunsen im Gesicht, hat aber meistens gute Farben; sie hustet sehr wenig und ohne Brustschmerz, und die Nerven sind viel ruhiger. Sie befolgt ein vortreffliches Regime, ißt dreimal des Tages viel Fleisch und trinkt Bier; Obst ißt sie gar nicht mehr. Auch geht sie viel zu Fuß, so wie das Wetter es erlaubt. Ich habe Sisi so wohl gefunden, daß ich mich entschlossen habe, sie für den Winter nach Venedig gehen zu lassen, so sie doch näher und innerhalb der Monarchie ist, wo ich sie leichter und öfter besuchen und wo sie auch die Kinder sehen kann, nach denen sie sich natürlich sehr sehnt. Sie ist in Venedig auch viel mehr vor der rauhen Luft geschützt und findet mehr Ansprache und geselligen Umgang und hofft auch, daß Charlotte sie manchmal besuchen wird. Wie glücklich ich über die Möglichkeit bin, Sisi näher zu haben, können Sie sich wohl denken, liebe Mama. ….. Sisi küßt Ihnen und dem lieben Papa die Hände, und indem ich ein Gleiches tue, bleibe ich Ihr treuer Sohn Franz. (14)

Karoline Freifrau von Welden „Wowo“, die Kinderfrau von Erzherzogin Gisel(l)a und Kronprinz Rudolf, Kaiserin Elisabeth, Foto: Nationalbibliothek

Der Umstand, dass seine Frau nun nach Venedig „durfte“, wurde baldigst durchgeführt. Doch die Kinder durften nicht auf Dauer nach Venedig. Erzherzogin Sophie hielt ihrem Sohn vor, dass Wasser sei schlecht für deren Gesundheit. Deshalb ließ Franz Joseph seiner Frau und den Kindern täglich frisches Wasser von Wien schicken. Voraussetzung der Besuche der Kinder war, dass Gräfin Esterházy diese nach Italien begleiten durfte. So hatte Sophie täglich Berichte über die Kinder und über ihre Schwiegertochter erhalten. Es kam wie es kommen musste. Sophie mischte wieder einmal kräftig über die ohnehin schon verachtete Gräfin Sophie Esterházy-Liechtenstein (*5.9.1798, †17.6.1869) mit.

Elisabeth hatte nun endlich ihren Kampfgeist wieder zurück. Sie setzte bei ihrem Gatten Kaiser Franz Joseph durch, dass dieser die verhasste Obersthofmeisterin und Spionin von Erzherzogin Sophie entließ. Ihrer Mutter Ludovika wurde die eigene Tochter immer peinlicher. Diese beklagte sich lautstark über den Umgang mit der armen Sophie Esterházy.

Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Eliabeth in der Gondola, Foto: sternenkaiserin.com – Marie

Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth in der Gondola (Nahaufnahme), Foto: sternenkaiserin.com – Marie

Kaiser Franz Joseph besuchte seine geliebte Engels Sisi zweimal in Venedig. Beim zweiten Mal nahm er den dreijährigen Kronprinz Rudolf mit. Doch auch hier kümmerte er sich weniger um seine „kranke“ Gemahlin, sondern um Paradenabnahmen und Truppeninspektionen. Das Verhältnis der Eheleute war mittlerweile auf ein eisiges Schweigen abgeflaut. Zu lange war Elisabeth nicht mehr in Wien, zu wenig Verständnis hatte der Kaiser für seine Frau.

Kaiserappartements, Museo Correr, Venedig, Foto: sternenkaiserin.com – Marie

Vielleicht dämmerte es ihm bereits, dass sie mit ihren „vorgehaltenen“ Krankheiten nur ihren Willen durchsetzen wollte. Die Kaiserappartements in Venedig sind heute übrigens im Museum Correr öffentlich zugänglich. Und wer diese sieht, wird schnell wissen, warum sich Kaiserin Elisabeth sieben weitere Monate mit dem „Gesundwerden“ Zeit ließ.

Kaiserappartements, Museo Correr, Venedig, Foto: sternenkaiserin.com – Marie

Erst im Mai 1862 traf Kaiserin Elisabeth in Reichenau an der Rax ein. Ohne Wien einen Besuch abzustatten, fuhr sie mit Dr. Heinrich Fischer (*1814, †1874), ihrem Leibarzt, nach Bad Kissingen. Der Hohn und Spott hätte nicht größer sein können. Kaiserin Elisabeth wurde verspottet, weil sie angeblich ihre schönsten Zähne in Kissingen verlor, Kaiser Franz Joseph wurde durch die Presse gejagt, weil er auf Geheiß seiner Frau den Backenbart abrasiert hatte, weil ihr dieser nicht gefiele. Tägliche Meldungen was Kaiserin Elisabeth trüge, inkl. Farbe des Sonnenschirms, wurden in den Zeitungen veröffentlicht. Daneben allerdings auch die Meldungen der Bankrotte, Selbstmorde und Arbeitslosigkeiten im Land. Die Kluft zwischen Adel und Volk, reich und arm, wurde immer größer.

Bad Kissingen, Foto: Wikimedia/Commons

Bereits im Juli erschienen die ersten positiven Zeitungsmeldungen: Der Kaiserin ginge es besser. Die ganze Familie besuchte Sisi in Kissingen. Nach Bad Kissingen verschanzte sie sich im Schloss Possenhofen und nahm vergnügt ihr Leben wieder auf. Sie war mit ihren Geschwistern zusammen, fast alle waren zu Besuch bei ihrer Mutter. Herzog Max (*4.12.1808, †15.11.1888) befahl Sisi, wieder nach Hause zu kehren. Doch Elisabeth weigerte sich, nach Bad Ischl zu fahren, da sich die Kaiserfamilie im Sommer immer dort aufhalten würde.

Graf Franz Folliot de Crenneville, Foto: Wikimedia/Commons

Graf Franz Folliot de Crenneville (*22.3.1815, †22.6.1888), Generaladjutant Seiner Majestät , war nach Possenhofen gekommen, um Elisabeth nach Ischl abzuholen. Als sie sich weiterhin strikt weigerte, notierte er in sein Tagebuch: „Oh die Weiber, die Weiber!!!! mit und ohne Krone, in Seide oder percale gekleidet haben Capricen und wenige sind ausgenommen.“ (15)

Am 11.8.1862 schrieb Franz Joseph an seine Mutter in Ischl: „Liebe Mama…… Von Sisi habe ich immer gute Nachrichten, so daß ich hoffe, daß sie recht bald wird zurückommen können. Sie war über Ludwigs (Anmerkung: Erzherzog Karl Ludwig (30.7.1833, †19.5.1896), Bruder von Kaiser Franz Joseph) in Possenhofen sehr erfreut. … Ihr treuer Sohn Franz“ (16)

Kurz vor dem Geburtstag Seiner Majestät fuhr Kaiserin Elisabeth nach Wien. Sie verließ im November 1860 die Hauptstadt und kehrte (circa) am 16.8.1862 erst wieder zurück. Fast zwei Jahre lang war sie unterwegs gewesen, um „Gesund“ zu werden. In der Zeit fehlte sie ihren Kindern und ihrem Land.

Erzherzog Karl Ludwig, Foto: Wikimedia/Commons

Kaiser Franz Joseph freute sich so derartig auf seine Frau, dass er ihr bis Freilassing entgegenfuhr, wo er sie feierlich übernahm. Die Lokomotiven wurden festlich geschmückt und an den Bahnhöfen waren bayrische und schwarzgelbe Fahnen gehisst. Am Bahnhof Hütteldorf sang ein Männergesangsverein, in Schönbrunn warteten die Trompeter „Jäger-Hornisten“ auf sie. Der Empfang glich der einer Braut.

Doch der Schein trog. Anstatt ihre Verwandtschaft in Schönbrunn freudig zu begrüßen, wirkte sie steif, tonlos und täuschte eine schwere Migräneattacke vor. Sie zog sich in ihre Appartements zurück und war für niemanden zu sprechen.

Sisi-Schloss in Reichenau an der Rax (ehemals Rudolfsvilla), Foto: sisi-schloss.at

Im Brief vom 25.8.1862 an seine Mutter, ist von all dem nicht die Rede. Entweder wollte Franz Joseph seine Mutter nicht beunruhigen, oder er verschloss wirklich die Augen vor der Tatsache. „Liebe Mama, …., denn neben den Geschäften mußte ich doch auch oft mit Sisi ausgehen, die sehr viel Bewegung macht, was ihrer Gesundheit sehr zuträglich ist. Dann nahmen die Eisenbahnfahrten nach Reichenau und wieder herein und eine Fahrt ins Lager auch viel Zeit in Anspruch. Wie glücklich ich bin, Sisi wieder bei mir zu haben und dadurch endlich nach langen Entbehren ein „zu Hause“ zu besitzen, brauche ich nicht erst zu sagen. Sisi ist Gottlob recht wohl, sieht verhältnismäßig gut aus, hat immer gute Farben, guten Appetit und macht sehr viel Bewegung, ohne Ermüdung zu fühlen. Nur die volle Gelenkigkeit in den Füßen ist noch nicht ganz hergestellt, aber auch dieses bessert sich von zu Tag. Ich bin sehr froh, daß sie jetzt in Reichenau noch die gute Gebirgsluft genießen kann, denn hier ist es noch nicht frisch genug und bei Sonnenschein zu heiß und drückend. Besonders die Tage, die wir gleich nach Sisis Ankunft mit den Kindern hier zubrachten, waren sehr heiß und es blies dabei ein sehr angreifender Scirocco. ….Wir sind am 18. früh mit Gackel (Anmerkung: Herzog Karl Theodor, Bruder von Kaiserin Elisabeth) nach Reichenau, um meinen Geburtstag dort zu feiern. In der folgenden Nacht verließ uns Gackel, um nach München zurückzukehren. Rudolphs Geburtstag wurde sehr feierlich begangen; am Vorabende eine Menge Bergfeuer und Musik. Am Morgen Musik, 101 Pöllerschüsse, Aufzug der Bergleute, Jäger, Holzknechte …… Der Empfang, den Sisi hier fand, war wirklich sehr herzlich und wohltuend.“ (17)

Doch die Kluft des Fernbleibens hatte tiefe Wunden hinterlassen. Elisabeth hatte sich entfremdet. Sie konnte Zeit ihres Lebens mit Gisela und Rudolf kein herzliches Verhältnis mehr aufbauen. Kaiser Franz Joseph betete seine Frau noch immer an und würde das noch im Greisenalter tun, verstand sie allerdings nicht mehr, bzw. hatte sie in Wirklichkeit nie verstanden.

Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka, Foto: Wikimedia/Commons

Die Briefe von Kaiser Franz Joseph an seinen „Geliebten Engel“, wie er jetzt schrieb, beginnen wieder 1866. Sie weilte in Ungarn und war zu dieser Zeit bereits in Gesellschaft von Julius „Gyula“ Graf Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka (*3.3.1823, †18.2.1890). Kaiserin Elisabeth weilte Monate in Ungarn und schrieb unzählige Briefe. Einmal weckte man den Kaiser um 1.30 Uhr morgens, da ein Brief Ihrer Majestät eingelangt sei. Obwohl er sich freute, diesen erhalten zu haben, wollte er ab sofort nicht mehr geweckt werden. Der Eilbrief hatte also Banalitäten zum Inhalt. Ansonsten wurden die Briefe fordernder und immer konkreter nach einem Wiedersehen, dem sich Elisabeth wohl verweigerte. Sogar die Sehnsucht der Kinder dürfte sie kalt gelassen haben. Sie kam nicht zurück. Ab dem 18.7.1866 kann man die Schlußformel „Männchen“, „Mäneken“ und „Kleiner“ lesen, Letzteres wurde immer öfter und ab dann regelmäßig mit „Kl“ abgekürzt.

Wenn Kaiserin Elisabeth zurück kam, waren es immer nur wenige Tage. Am 4.8.1866 schrieb Kaiser Franz Joseph: „Schönbrunn, den 4.8.1866, ½ 6 Uhr Früh, Mein lieber Engel, Jetzt bin ich wieder mit meinem vielen Kummer allein und sehne mich nach Dir. Komme bald, wieder, mich zu besuchen, das heißt wenn es Deine Kräfte und Deine Gesundheit erlauben, denn, wenn Du auch recht bös und sekant warst, so habe ich Dich doch so unendlich lieb, daß ich ohne Dich nicht sein kann. Schone Dich nur recht und gebe beim Reiten acht, denn ich ängstige mich sehr…. Dich mit den Kindern umarmend, Dein Dich innigst liebender Kleiner“ (18)

Die Briefe mit ähnlichem Inhalt – mal kommt sie, um nach kurzer Zeit wieder zu gehen – ziehen sich bis 1867 hin. Manchmal setzt sie sich gegen Erzherzogin Sophie durch und nimmt die Kinder für eine Weile nach Ungarn mit.

Krönungszeremonie, Foto: Wikimedia/Commons

Kaiser Franz Joseph, Foto: billerantik.de

Kaiserin Elisabeth im Krönungskleid, Foto: ÖNB

Der ungarische Ausgleich wurde am 8.7.1867 mit einer pompösen Krönungsfeierlichkeit gefeiert. Zehn Monate später sollte die letzte Kaisertochter geboren werden: Erzherzogin Marie Valérie (*22.4.1868, †6.9.1924). Der Wiener Hof ätzte, dass es Graf Andrássys Kind sei, was Elisabeth zu Ohren kam. Sollte es eine Möglichkeit der Versöhnung gegeben haben, hatte diese Kaiser Franz Joseph verspielt. Er stand ihr auch hier nicht bei und nahm das Getratsche nicht ernst. Elisabeth jedoch nahm sich dies sehr zu Herzen.

Doch gerade Marie Valérie, die in Wien „Die Einzige“ genannt wurde, war ihrem Vater äußerlich ähnlicher als alle anderen Kinder. Die Kindstaufe fand in der Ofener Burg unter großem Prunk statt. Als Taufpaten fungierten die Schwestern von Elisabeth: Gräfin Mathilde von Trani und Königin Marie von Neapel (*4.10.1841, †19.1.1925).

Stammbaum: Marie Fotos: Wikimedia/Commons

 

Erzherzogin Marie Valérie als Kleinkind, Foto: Nationalbibliothek

Valérie wurde von ihrer Mutter abgöttisch geliebt, aber auch, wie heute ähnlich den Helikoptermüttern, kategorisch vor Allem abgeschirmt. In späten Jahren beklagte sie sich, dass sie ihren Vater im Grunde gar nicht kannte. Ein Familienleben, lernte sie erst mit ihrem Mann Franz Salvator kennen. In dieses band sie dann ihren alternden Vater, der ab 1898 Witwer war, massiv mit ein.
Das Kind der Beiden war wohl ein Aufflackern alter Gefühle und Liebe und die Glückseligkeit, dass Elisabeth in Ungarn den Ausgleich erzielt hatte. Seit 1866 versuchte sie ihren Mann davon zu überzeugen, dass dies die einzige Möglichkeit war. Wer mehr über Kaiserin Elisabeth als Mutter erfahren möchte, liest hier weiter. 

Danach blieb der Kaiser wieder die meiste Zeit allein. Elisabeth blieb in Ungarn und zog ihre Tochter mit Hilfe des (unbeliebten) englischen Kindermädchens Mary „Minny“ Throckmorton auf (*1832, †11.12.1919) auf. Ab 1874 Jahren reiste Kaiserin Elisabeth öfter nach Irland und England, wo sie nicht nur die Habsburg-Monarchie brüskierte, sondern auch Queen Victoria. 1879 überwarf sie sich mit ihrer Schwester Königin Marie von Neapel und sprach nie wieder ein Wort mit ihr. Zu Kronprinz Rudolf hatte Elisabeth sowieso ein schwer angespanntes Verhältnis; als sich dieser Maries Gerüchten um eine Affäre mit Bay Middleton (*16.4.1846, †9.4.1892) (den Bericht könnt ihr hier nachlesen) anschloss, überwarf sie sich eine zeitlang auch mit ihrem Sohn.

Wer indes glaubt, dass Kaiser Franz Joseph Tag und Nacht allein in Wien in Schloss Schönbrunn oder Hofburg vor sich hin tristeste, irrt. Er fuhr genauso in der Weltgeschichte herum, wie Kaiserin Elisabeth selbst. An Bord des Donaudampfschiffes „Sophie“ fuhr er nach Bazias um von dort nach Constantinople zu gelangen. Er wohnte im Palais Impérial de Bechiktach. Von dort schrieb er Unmengen an Briefen und erhielt wiederum Telegramme von Kaiserin Elisabeth. Im November 1869 weilte er in Athen und passierte mit dem Schiff „Greiff“ Rhodos und Zypern, um nach Jerusalem zu fahren, wo er am 11.11.1869 ankam. Er schrieb seitenweise Reiseberichte, von einem Sektionschef Hofmann, der nicht reiten könne und prompt vom Pferd fiel und sich den Arm brach usw. Von Jerusalem ging es nach Cairo und nach Alexandria.

Am 30.11.1869 schrieb Kaiser Franz Joseph an seine Sisi: „Am Greif, Hafen von Corfu den 30. Novbr., 2 Uhr Nachtmittag ….. In 2 Stunden geht hier der Lloyd Schnelldampfer durch und so expedire ich mit demselben den Kurier, der Dir diesen Brief noch einigen Stunden vor meinem Eintreffen in Triest überbringen kann. Ich kann nicht vor der Nacht vom 2. zum 3. oder am 3. in der Früh dort eintreffen und so bitte ich Dich recht schön, lieber Engel, mich so lange es geht, im Bett zu erwarten, denn das ist doch das schönste Wiedersehen nach so langer Zeit. Etwas trauriges hat dieses Wiedersehen bei dem Gedanken, daß es für so kurze Zeit ist und ich dann wieder so lang ohne Dich, allein bleiben muß. Es wird eine recht harte Zeit in Wien werden! In der Hoffnung Dich baldigst wirklich umarmen und küssen zu können, bleibe ich Dein, Dich innigst liebender Kl“ (19)

Erzherzog Franz Karl, Kaiser Franz Joseph, Kaiserin Elisabeth, Erzherzogin Gisela, Kronprinz Rudolf vor dem Sarg von Erzherzogin Sophie, Hofkapelle 1872, Foto: ÖNB

Am 28.5.1872 starb Erzherzogin Sophie. Kaiserin Elisabeth weilte zu dieser Zeit gerade in Wien und eilte zwischen Hofburg und Schloss Schönbrunn, wo Valérie krank darnieder lag, hin und her. Ausgerechnet, als sie sich gerade vom Krankenbett der Schwiegermutter erhob, um nach Schönbrunn zu eilen, erhielt sie nach ihrer Ankunft ein Telegramm. Marie Festetics überreichte ihr dies. Mit Windeseile jagte sie in der Kutsche zurück zur Hofburg: „Die Kaiserin war furchtbar aufgeregt und ich hatte eine Todesangst, die Erzherzogin könnte sterben und wie die Menschen sind, hätten sie noch gesagt, die Kaiserin hätte es zu Fleiß gethan.“ (20)

Leider ist aus dieser Zeit aus den Briefen nichts zu erfahren, da diese von 1869 – 1874 nicht erhalten (oder veröffentlicht) sind. 1874 begann die Reise nach St. Petersburg, wo er ebenso viel berichtete, wie zuvor: über Bälle, den schönen Damen, den Zar usw.

 

 

 

Schlafgemach (Bett nicht Original!) in den Kaiserappartements, Museo Correr, Venedig, Foto: sternenkaiserin.com – Marie

1875 befand sich Franz Joseph auf dem Weg nach Venedig. Von dort schrieb er: „Venedig, den 6. April 1875, ½ 8 Uhr Früh …. Ich wohne in Deinen Zimmern, schlafe in unserem ersten Schlafzimmer und schreibe jetzt in Deinem späteren blauen Schlafzimmer. Der Empfang hier war außerordentlich schön, selbst herzlich und Alles ist vortrefflich arrangirt. Der König ist unendlich freundlich, die Kronprinzessin charmant, hübsch, sehr aimable, ganz unglaublich élègant, hat besonders hübsche Füsse …. Dich mit den Kindern umarmend, Dein Kl (21)

Auguste von Bayern, Foto: Wikimedia/Commons

Danach fuhr er von Pola nach Sebenico und Pago und dann weiter nach Spalato, wo er Sisi den berühmten Honig schicken ließ. Im Gegenzug bedankte er sich für den übersandten Zwieback. Er schrieb auch mehrmals über Gisela, die gerade schwanger war und die Nachricht der Niederkunft nicht abwarten könne. (Anmerkung: 2te Enkelin Auguste kam am 28.4.1875 zur Welt; †25.6.1964). Von Spalato ging es nach Metkovic, Ragusa und Cattaro. Danach enden die Briefe leider wieder und es geht erst 1886 weiter.

Doch so einsam, wie man Kaiser Franz Joseph immer gerne sieht, war er nicht. Seine Affären wurden intensiver und fanden immer mehr in unmittelbarer Nähe statt. Er quartierte zuerst seine Geliebte Anna Nahowski (*1860, †23.3.1931), später dann sogar Katharina Schratt in der Nähe von Schönbrunn ein. Näheres zu seinen Affären erläutere ich hier.

 

 

Dr. Hermann Widerhofer, Foto: Wikimedia/Commons

Katharina Schratt, Foto: habsburger.net

1885 führte Kaiserin Elisabeth dem Kaiser Katharina Schratt zu. Mittlerweile tat ihr ihr Mann sogar schon leid. Für sie war die Ehe zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren beendet.

Den ersten Brief den man nach 1875 findet, ist vom 30.6.1886 datiert: „Schönbrunn den 30.Juni 1886, 4 Uhr Früh Édes, szerettet lelkem (Anmerkung: Meine süße, geliebte Seele) …. Gott lob tretet Ihr also Morgen endlich die Rückreise in die Heimath an und dieser Brief wird Dich bereits in Gastein erwarten. Wie ich mich auf das Wiedersehen freue, kannst Du Dir denken. Bitte vergesse nur nicht dafür zu sorgen, daß ich Sonntag eine Messe bekomme, wo möglich nicht vor 9 Uhr. Gestern war Wiederhofer (Anmerkung: Dr. Hermann Widerhofer (*24.3.1832, †28.7.1901), Kinderarzt bei Kronprinz Rudolf und Leibarzt von Erzherzogin Marie Valerie) (Anmerkung: Kaiser Franz Joseph schrieb ihn mit „ie“; korrekt ist aber nur „i“) um mir wegen Mondel (Anmerkung: Generaladjutant Friedrich Freiherr von Mondel (*22.9.1821, †18.12.1886; zu dieser Zeit bereits schwer krank) zu berichten und bei dieser Gelegenheit sagte er mir, daß Du Dich während der Kur vor Allem vor Verkühlungen in Acht nehmen mußt und keine zu anstrengenden Fußmärsche machen sollst, auch ja die Bäder nicht übertreiben …… Dich von ganzem Herzen umarmend, Dein Kl“ (22)

Friedrich Freiherr von Mondel, Foto: oldthing.de

Leider enden die Briefe wieder mit dem 6.11.1889, wo sich Kaiser Franz Joseph in Gödöllö befand, Kaiserin Elisabeth aber auf Korfu weilte. Zu Rudolfs Tod findet man auch hier nichts. Der erste Brief ist wieder vom 24.9.1890 datiert. Erzherzogin Marie Valerie ist mit ihrem Erzherzog Franz Salvator (*21.8.1866, †20.4.1939) verheiratet und wohnte in Schloss Lichtenegg in Wels, Oberösterreich. Und so erzählte er immer weiter, wen er traf, wo er sich gerade befand (sogar Schloss Possenhofen besuchte er) und was er gerade tat. Als Nachsatz nach seiner Abschiedsklausel, kann man öfters „Die Freundin küßt deine Hände“ lesen (z.B. Brief vom 23.4.1891). Mit Freundin ist natürlich Katharina Schratt (*11.9.1853, †17.4.1940) gemeint.

Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth auf Cap Martin, 1894 Foto: Nationalbibliothek

Danach gehen die Briefe ohne gröbere Unterbrechung bis 1898 weiter. 1895 weilte Kaiserin Elisabeth in Cap Martin, er fragte, ob Sisi wüsste, wann Gackel mitsamt der Familie an die Riviera käme usw. Die Briefe aus 1895 sind, soweit ich das herauslesen kann, vollständig erhalten. Es wird viel über Marie Valerie, Gisela, Leopold, die Kinder der beiden und deren Befindlichkeiten gesprochen; übers Zahnen der Kleinen, über Essprobleme der kleinen Ella usw. Das alles aufzuzählen würde noch mehr Seiten füllen. Er bedankte sich sogar einmal, als Sisi ihm „mit dem weißen Schirme gewunken habe.“

Es wird über gemeinsame Bekannte getratscht, welches Paar wann geheiratet habe und wer mit wem eine Liaison unterhält. Telegramme über plötzlich Verstorbene erreichen den Kaiser und gegenseitig wird Beileid bekundet. Die Briefe der letzten Jahre lesen sich wie eine Brieffreundschaft zweier Unbekannter. Wenig Persönliches und noch weniger Gefühlvolles, bis auf die übliche Abschiedsklausel „Dich in Liebe und Sehnsucht umarmend, Dein Kl“.

Kaiser Franz Joseph, mit seinen Enkeln, den Kindern der Erzherzogin Marie Valerie, Franz Karl, Hubert Salvator und Elisabeth, Foto: Nationalbibliothek

Auch die Briefe 1896/7 beinhalten Selbiges wie 1898. Kronprinz Rudolf kommt nicht einmal mehr vor. Hie und da fällt der Name Stephanie, Franz Ferdinand wird bereits öfter erwähnt. Am Anfang des Jahres 1898 befindet sich Kaiserin Elisabeth in Frankreich, genau gesagt in Marseille, um dann nach Nizza weiterzufahren. Kaiser Franz Joseph befand sich zwischenzeitlich in Eisenerz. Auch hier dürften die Briefe vollständig sein. Er berichtet über Marie Valerie, die sich höchster Gesundheit erfreue und bestens aussehe, philosophiert über Theaterstücke, wie müde er manchmal sei und über allerlei Familienmitglieder. Am 24.8.1898 war Kaiser Franz Joseph in Ischl und erwartete voller Ungeduld die Ankunft seiner Frau, welche für kurze Zeit blieb, um am 27.8.1898 wieder nach Nauheim abzufahren.

Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Karl mit Familie Familie Kaiser Franz Joseph mit Kaiserin Elisabeth, Rudolf und Gisela, Erzherzog Maximilian mit Erzherzogin Charlotte, Erzherzog Karl Ludwig, Erzherzog Ludwig Viktor). Fotografie von Ludwig Angerer, 1860, Foto: Wikimedia/Commons

In vierundvierzig Ehejahren ließ sich Kaiserin Elisabeth nicht ein einziges Mal mit ihrem Mann und den Kindern ablichten. Es existiert eine einzige Fotoaufnahme, auf der Kaiserin Elisabeth mit den Söhnen von Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Karl zu sehen ist. Ansonsten lehnte sie solche Fotos kategorisch ab. Sämtliche Lithografien oder gemalte Bilder sind der reinen Phantasie der Lithografen oder Maler entsprungen. Kaiser Franz Joseph hingegen posierte mehrmals mit seinen Kindern; vor allem aber als Opa mit seinen Enkeln.

gesamte Familie, 1888, gezeichnet, Foto: billerantik.de

 

Sisi erscheint als Engel Kaiser Franz Joseph, Foto: Wikimedia/Commons

Den allerletzten Brief, den Kaiser Franz Joseph an Kaiserin Elisabeth schrieb, sollte diese niemals mehr erhalten. Hier der gesamte Brief: 

Anmerkungen vorab von mir:
Gräfin Sztáray = letzte Hofdame von Kaiserin Elisabeth – Irma Gräfin von Sztáray (*10.7.1863, †3.9.1940)
Graf Welsersheimb = Rudolf Graf Welser von Welsersheimb  (*1.3.1842, †25.10.1926)
Rudi Liechtenstein = Rudolf von und zu Liechtenstein, Obersthofmeister (*18.4.1838 – †15.10.1908)
voiture = Auto (?)
Isten veled szeretet agylaom = Adieu, schöner süßer Engel

Schönbrunn den 10. Septbr. 1898 

Édes szeretett lelkem, 

Da ich Heute in Schönbrunn bleibe und daher meine freie Zeit habe, so will ich doch noch einige Zeilen an Dich richten, um dir beiligenden Brief Valéries, den ich Gestern erhielt zu senden und Dir für Deinen, an sie gerichteten Brief vom 4., der ja auch für mich bestimmt war, innigst zu danken. Gleichzeitig schickt mir Valérie ein kurzes Schreiben der Gräfin Sztáray, auch vom 4., welches, obwohl eigentlich nur ein Namenstag Gratulations Brief, doch auch günstiges über Dein Befinden enthält. Sehr erfreut hat mich die bessere Stimmung, die Deinen Brief durchweht und Deine Zufriedenheit mit dem Wetter, der Luft und Deiner Wohnung sammt Terrasse, welche einen wunderbaren Ausblick auf Berge und See gewähren muß. Daß Du dennoch eine Art Heimweh nach unserer lieben Villa Hermes gefühlt hast, hat mich gerührt. Gestern Nachmittag war ich wieder dort und ging in der Nähe der Villa spazieren. Der Abend war herbstlich, aber sehr schön, der ganze gestrige Tag wolkenlos; auch Heute ist es schön und kühl, aber der Barometer fallt, was mich für die Tátra fürchten laßt. Gestern hörte ich einen Hirsch zweimal melden. Wie Nando Gestern aus Gödöllö telegraphirte, melden dort die Hirsche wegen großer Trockenheit noch nicht und es gelang ihm in der ganzen Zeit, wegen wechselndem Winde, erst einen schwachen 10 Ender am Ansitze zu erlegen, der einzige Schuß den er bis jetzt machte. Von der Freundin erhielt ich Gestern ein Telegramm von Ferleiten 6 Uhr 10 M. Nachmittag. Sie war dort vom Glocknerhause angekommen und wollte noch Gestern nach Zell am See fahren, wo sie gewiß spät eingetroffen sein wird. Warum sie ihre Gebirgstour so gehetzt und mit so starken Tagesleistungen gemacht hat, ist mir nicht klar. 

Ich bin Gestern um 8 Uhr in die Stadt gefahren, wo ich bis 1/2 3 Uhr geblieben bin und Thun, FZM. Graf Welsersheimb und Rudi Liechtenstein gesprochen habe. Um 3 Uhr habe ich hier allein gespeist und Abends erfreute ich mich an der guten Milch aus deiner Meierei. Heute bleibe ich hier und um 1/2 9 Uhr Abends reise ich 
voiture, voiture siehe Oben 
vom Staatsbahnhofe ab. 
Isten veled szeretet agylaom. Dich vom ganzen Herzen umarmend, 
Dein 
Kl (23)

Als am 10.9.1898 Kaiserin Elisabeth starb (den Bericht findet ihr hier) rief er aus: „Niemand weiß, was diese Frau mir gewesen ist!“ (24)

~ Marie ~

Original-Kuverts von Kaiserin Elisabeth an Kaiser Franz Joseph, Kuverts teilweise mit geprägtem Schriftzug „Elisabeth“ und Kaiserkrone bzw. Siegel mit Siegellack, Absender teilweise aus Ischl, Meran, Combermere Abbey, Whitchurch, Shropshire,; das Relief aus Gips stammt von einem Sterbemonument, das nie verwirklicht wurde (R. Weigl 1902), Foto: Dorotheum Wien

 


Rechtliche Hinweise:

Textrechte: Marie
Bildrechte: sternenkaiserin.com – Maria José, sternenkaiserin.com – Marie, Dorotheum Wien, geo.de, Österreichische Nationalbibliothek, roteskreuz.at, sisi-schloss.at, billerantik.de, habsburger.ne
Stammbaum: Marie, Fotorechte Wikimedia/Commons


Literarische Hinweise:

1 – S. 157, 2 – S 158/9
Ingrid Haslinger
Erzherzogin Sophie – Eine Biografie nach den persönlichen Aufzeichnungen der Mutter Kaiser Franz Josephs
Residenz Verlag, 2016, 1. Auflage

3 – S 313/4
Martha Schad
Marie Valérie von Österreich – Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth
Piper Verlag, 7. Auflage 2013

4 – S. 124/5, 8 – S 130, 9 – S 142, 10 S. 142/3, 11 – S. 150/1, 15 – S 164, 20 – 294
Brigitte Hamann
Elisabeth – Kaiserin wider Willen
Piper Verlag, 8. Auflage, 2017

5 – S. 9/10, 6 – S 13/14, 7 – S 31/2, 18 – S 55/6, 19 – S. 148/9, 21 – 158, 22 – 185,
Georg Nostitz-Rieneck
Briefe Kaiser Franz Josephs an Kaiserin Elisabeth 1859 – 1898, Band I (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Herold 1966, 1. Auflage

13 – S 304, 14 – S 308/9, 16 – S 311/2, 17 – S. 313/4
Dr. Franz Schnürer
Briefe Kaiser Franz Josephs an seine Mutter (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Universitätsdruckerei München, 1930

12 – S 60
Gudula Walterskirchen und Beatrix Meyer
Das Tagebuch der Gräfin Marie Festetics – Kaiserin Elisabeths intimste Freundin
Residenz Verlag, 3. Auflage, 2014

24 – 458
Georg Nostitz-Rieneck
Briefe Kaiser Franz Josephs an Kaiserin Elisabeth 1859 – 1898, Band II (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Herold 1966, 1. Auflage

24 – S. 40
Eugen Ketterl
Der Alte Kaiser wie nur Einer ihn sah
Fritz Molden Verlag, 1980, 1. Auflage

Auf den tragischen Spuren Kaiserin Elisabeths in Genf

Foto: stadtmuseum.at (Bad Ischl)

Wir gedenken heute dem Todestag von Kaiserin Elisabeth, welche am 10.9.1898 vom Anarchisten Luigi Lucheni ermordet wurde

Die wunderschöne Stadt Genf in der Schweiz ist immer einen Besuch wert, vor allem, wenn man Fan von Kaiserin Elisabeth ist. 

Da ich mit der Bahn anreiste, war mein erster Besuch der Genfer Hauptbahnhof. Rechts vom Bahnhof befindet sich die röm.-kath. Hauptkirche Genfs: Notre Dame de l`Immaculée Conception (Unsere Liebe Frau von der Unbefleckten Empfängnis).

Abgesehen von der Schönheit der Kirche selbst, führt mich ein ganz gewisses Fenster zu ihr. Es befindet sich beim seitlichen Eingang rechts. Das schöne Kirchenfenster wurde zum Andenken an den 100. Todestages von Kaiserin Elisabeth gestaltet.

Der obere Teil zeigt das „Wunder der Rosen der Heiligen Elisabeth“, welche die Gesichtszüge der Kaiserin trägt.  Der untere Teil zeigt ein Grab mit Rosen bedeckt und einen traurig aussehenden und nachdenkenden Engel der nebendran sitzt. Die Inschrift neben den beiden Kronen von Österreich und Ungarn lautet: „In frommer Erinnerung an Ihre Majestät Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, verstorben am 10. September 1898. Errichtet von der S. Elisabeth Gesellschaft am 10 September 1998.“

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedenktafel Attentatsstelle Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

 

Blick von der Gedenktafel Richtung Hotel Beau Rivage Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Nach Verlassen der Kirche, laufe ich die Rue du Mont-Blanc entlang bis zum Genfersee, auch Lac Leman genannt. Aber anstatt über die Pont du Mont-Blanc Brücke zu laufen, bog ich links ab, und ging auf der Geneve-Mont-Blanc (Lac) Promenade entlang. Etwa 100 Meter danach markiert eine kleine Bronzetafel am Geländer des Seeufers die genaue Stelle an dem das Attentat stattgefunden hat. 

Blick von der Gedenktafel zum Schiff Geneve Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Auf Französisch kann man lesen: „Hier wurde am 10 September 1898 Ihre Majestät Elisabeth, Kaiserin von Österreich, ermordet.“
Es regt mich bis heute zum Nachdenken an, wie wenig Zeit Lucheni brauchte, um sie zu attackieren. Lucheni hielt einen spitzen Gegenstand in der Hand, der sich später als angespitzte Feile herausstellen sollte. Er trat an Kaiserin Elisabeth heran und stach zu. Dass er genau das Herz traf, konnte damals noch keiner ahnen. 

Ich bin zu tiefst bewegt, wie stark Kaiserin Elisabeth sein musste, dass sie nach dem Stich aufstehen und zum Schiff gehen konnte. Ihre Hofdame Irma Sztáray war entsetzt und half Kaiserin Elisabeth auf. 

 

Wasserfontaine Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Ich bewege mich mittlerweile in die Gegenrichtung auf dem Quai du Mont Blanc, um zum Hotel Beau Rivage zu gelangen.
Bis zu meinem Ziel wäre es eigentlich ein schöner kurzer Spaziergang. Man geht die Seeufer Promenade entlang, mit direkter Aussicht auf den berühmten Jet D`Eau (Wasserfontaine). 

Brunswick Denkmal Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Die erste Straße nach links heißt Rue des Alpes. In diese flüchtete Lucheni nach dem Attentat, wo er aber festgenommen wurde. Danach, und immer noch links, befindet sich das Graf von Brunswick-Denkmal und direkt nebenan, ist das Hotel Beau Rivage.

 

 

 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Ich gehe aber noch nicht in das Hotel, sondern suche zuerst das moderne Sisi Denkmal. Es stammt von Architekt Philip Jackson, welcher dieses zum 100. Todestag von Kaiserin Elisabeth gestaltet hat. Die Statue ist aus schwarzem Metall und steht auf weißen Marmorstufen und zeigt die Kaiserin extrem schlank, (übertrieben schlank, wenn ich das sagen darf) stehend und mit einem Fächer vor ihrem Gesicht. Es ist natürlich Geschmacksache, aber für mich persönlich, ist es nicht gerade die schönste Statue die ich von ihr gesehen habe, und ich habe schon viele besichtigt. Das Gesicht ist zwar sehr schön und die Hände sind zart und elegant, aber insgesamt, ist diese Statue nicht mein Liebling. Auf den Marmor Stufen kann man in goldenen Buchstaben lesen: „In Erinnerung an Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, 1898 10 September 1998.“

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Foto: sternenkaiserin.c

Das Gesicht der Kaiserin ist in Richtung Hotel Beau Rivage gerichtet. Sie sieht exakt zu ihrer ehemaligen Suite, welche jetzt mit einer eigenen Privatterrasse ausgestattet ist, die es damals natürlich noch nicht gab. Der Gedanke, dass ich gleich dort darin sein werde, macht mich nervös. Ich habe fast schon Angstschweiß auf meinem Körper, eine Unruhe befällt mich. Ich muss los…

 

 

 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Das Nobelhotel Beau Rivage wurde 1865 gegründet und ist das älteste Hotel in Genf, das sich in privater Hand befindet. Es hat 73 Zimmern und 18 Suiten, darunter das Zimmer 119/120. Diese Suite war Sisis Zimmer, in der sie wohnte und starb. Das Haus ist wunderschön und edel gestaltet und es ist für mich atemberaubend, in dem Hotel zu stehen, in dem „meine“ Kaiserin Elisabeth ihr Leben aushauchte. Ein kleiner Brunnen in der Mitte der Lobby rundet das Entree perfekt ab. Er war zu Elisabeths Zeiten nicht hier, sondern wurde zur Feier des 125. Geburtstages des Hotels errichtet. Links ist die Rezeption, rechts die Bar und mittlerweile gibt es ein Restaurant. Als ich nach oben schaue, sehe ich drei Etagen, von denen jeweils die Türen zu den Zimmern führen. Der letzte Stock ist mit einer wunderschönen Dachluke versehen. Ich werde von einer Mitarbeiterin des Hotels empfangen.

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Meine Begleitung führt mich die elegante Treppe hinauf bis zum ersten Stock wo die Sisi Suite ist. Auf der Balustrade kann man die Lobby und den Brunnen von oben erblicken. Links von der Sisi Suite steht eine Vitrine mit persönlichen Erinnerungsstücken von Kaiserin Elisabeth. Es gibt ein Besteck, eine mit einem „E“ markierte Serviette, einen ihrer Diamant Sterne, ein paar Fotos, eine weiße Souvenir-Figur, ein paar weiße Lederhandschuhe, welche ebenso mit den gekrönten „E“ versehen sind, zu sehen. Weiters befindet sich ein Damenhut in der Vitrine, der den damaligen Stil der Hüte zeigen soll, aber nicht Kaiserin Elisabeth gehörte. 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José  

 

 

 

 

 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Aber am meisten ziehen mich die Gegenstände rund um ihren Tod in den Bann: Trockene Blumen (ein Geschenk von Irma Gräfin Sztáray an Frau Mayer, die damals die Hotelbesitzerin und beim Tod anwesend war), ein Spitzenhäubchen das Sisi in ihren Haare getragen hat, als sie attackiert wurde und ein blutbeflecktes Stück Stoff, von ihrer Unterwäsche. Nach so viel Zeit sieht man die Blutflecken kaum noch, doch sie sind stumme Zeitzeugen dieser Tragödie.

 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Blumengesteck, Spitzenhäubchen, Blutfleck Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Blutflecken von Kaiserin Elisabeth Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Nach dem ich das alles fotografiert habe und fast über jedes Objekt viele Fragen stellte, sind wir bereit in die Suite einzutreten. Wie könnte ich jemals beschreiben, was ich fühlte, als ich das Zimmer betrat, an dem Kaiserin Elisabeth ihren letzten Atemzug tat. Es gibt keine Worte, die dieses Gefühl beschreiben könnten. Wenn man die Türe öffnet, kommt man in einen kleinen Flur der sich rechts zu einem Wohnzimmer öffnet, geradeaus zu dem Schlafzimmer und links zu einem kleinen Gäste WC, welches zu Sisis Zeiten nicht da war. 

 

Foto: sternenkaiserin.com -Maria José

Das Wohnzimmer ist in rot- und cremefarbig dekoriert und erinnert an die Schlösser Schönbrunn oder Schloss Gödöllö. Über dem wunderschönen Marmorkamin hängt ein sehr großer Wandspiegel der als einziges originales Stück erhalten ist. Er hing schon hier bei ihrem ersten Besuch im Hotel Beau Rivage. Man kann erahnen, wie Sisi sich – kurz bevor sie aus dem Zimmer trat – im Spiegel ansah. Der letzte Blick. Ein stummer Zeitzeuge jener Zeit. Ihrer Zeit. Vis á vis hängt ein Gemälde ihres berühmtesten Bildes: Das Bild mit dem Sternenkleid. Das Zimmer ist mit Blumen dekoriert, welche extra für meinen Besuch besorgt wurden – ich fühle mich geehrt! Vielen Dank. 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Das Schlafzimmer ist ein traumhafter Raum, welcher ebenfalls in rot und champagner dekoriert ist. Der Blick aus dem Fenster zeigt eine schöne Aussicht auf den See und den Jet D`Eau. Links, führen drei Holzstufen zu dem privaten Balkon des Zimmers mit schönen und bequemen Sesseln um die Aussicht geniessen zu können. Zu Sisis Zeiten war allerdings weder die Terrasse, noch das Restaurant das sich direkt darunter befindet, hier.  Vis á vis von der Terrasse und neben dem riesigen Bett, befindet sich das Badezimmer, welches im Jahr 1898 auch nicht an dieser Stelle war. Haman Dusche, Jacuzzi, ein Fernseher der hinter dem Spiegel „versteckt“ ist, Schönheits- und Pflegeprodukte von Clarins usw. Dem luxuriösen Badezimmer fehlt es an nichts.

Meine Begleiterin erklärt mir, dass während der Sisi Aufenthalte, ihr Bett in der gleichen Position war wie heute. Allerdings stand es dort, wo heute der Jacuzzi steht, da das Badezimmer noch nicht existierte. Ich frage mich, wie wäre es eigentlich eine Nacht hier in diesem Zimmer zu verbringen. Könnte ich überhaupt schlafen? Könntet ihr?

Herr Mayer und Frau M., Beau Rivage Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Meine Begleiterin findet meine Ängste lustig und erklärt mir, dass es nie Gespenster im Hotel gab und gibt. Sie beteuert, dass ich einen guten Schlaf finden würde. Sie versteht nicht, dass dieses Zimmer für mich eine ganz andere Bedeutung hat, als für „normale“ Gäste des Hauses.

Zu meiner großen Überraschung darf ich den Besitzer des Hotels, Herrn Mayer, persönlich kennenlernen. Mir wurde gesagt, er sei ein sehr freundlicher Mann, der fast alle Details über das Geschehen weiß. Das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen, da seine Familie das Hotel gegründet hat und seine Großmutter Kaiserin Elisabeth in ihren letzten Minuten still zur Seite stand. 

Obwohl meine Begleitung versuchte mich zu beruhigen, war ich sehr nervös. Dass so ein wichtiger und sehr beschäftigter Mann sich die Zeit nimmt, um meine Fragen zu beantworten, war eine große Ehre. Unser Team hatte mich für diesen Termin angemeldet und das Hotel wusste, dass ich kommen werde. Trotzdem wusste niemand davon, dass Herr Meyer sich ebenso zu mir gesellen würde. 

Ich treffe ihn an der Bar, wo er seine Mitarbeiterin und mich begrüßte. Er bot mir etwas zu trinken an und meine Nervosität ist wie weggeblasen. Herr Mayer ist einer der nettesten und sympathischsten Gentleman, die ich je das Vergnügen hatte kennenlernen zu dürfen. Zu hören, was an diesem 10.9.1898 geschah, ist aus seinem Munde so, als würde ich es miterleben. Er erklärt mir ganz genau wie das Zimmer damals ausgesehen hat, wie alles geschah und wie seine Großmutter, seiner Mutter immer sagte: „Die Kaiserin ist in meinen Armen gestorben.“

Nach allen meinen tausend Fragen, gehen wir alle zusammen wieder in die Suite, um noch ein paar Fotos zu machen. Ich verabschiede mich von meiner Begleiterin und Herrn Direktor Mayer und verlasse glückselig das Hotel. Im Herzen voller (Mit)Gefühl für Sisi.

Ich möchte gerne die Gelegenheit nutzen, um mich ganz herzlich bei Herrn Mayer und Frau M. und allen Mitarbeitern des Hotels Beau Rivage für die Freundlichkeit zu bedanken, die mir an diesem Tag zu Teil wurde. Ich fühlte mich wie eine „very Important Person“.

Ich gehe nun den gleichen Weg, den Kaiserin Elisabeth vom Hotel bis zur Anlegestelle des Schiffs „Geneve“ und komme (wie bereits davor am Morgen) an der Attentatsstelle vorbei. Nach der Promenade Geneve-Mont-Blanc (Lac), laufe ich über die Brücke die die Stadt verbindet bis zur der bekannten Blumen Uhr, weil es hier ganz in der Nähe, noch einen Schatz zu entdecken gibt.

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Das Dampschiff „Geneve“, das Schiff, in das Sisi direkt nach dem Angriff eingestiegen ist und auf dem sie kurz danach kollabierte, ist hier fix verankert.

Plakat, Schiff Geneve Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Heutzutage dient das Schiff als Touristenrestaurant und man kann dieses auch für Feiern aller Art buchen. Ein kleines Plakat informiert die Fußgänger über die Geschichte des Schiffes und seine Verbindung zu Kaiserin Elisabeth. 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

 

 

 

 

       Ich betrete das Schiff an derselben Stelle, wie Kaiserin Elisabeth Jahrzehnte vor mir. Ich fühle mich wie Hofdame Irma. Direkt nach dem Einstieg, ist das Deck wo Sisi das Bewusstsein verlor. Wenn man in das Innere Deck geht, sieht man rechts einen Gang der einen in eine offene Zone bringt, wo sich links die schöne Holzstiege befindet, die ins obere Deck führt. Rechts kommt man in den vorderen Teil des Schiffes. Dort befinden sich vier Räume die damals die privaten Kabinen von Elisabeth und Irma waren. Heute sind es schnoddrige Lagerräume.

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Die zweite Kabine links war die Kabine die für Sisi reserviert war. Als sie zusammengebrochen ist, wurde sie in ihre Kabine gebracht.

Hier drinnen sprach sie die letzten Worte ihres Lebens:

„Was ist denn jetzt mit mir geschehen?“

Elisabeth fiel in eine tiefe Ohnmacht, von der sie nie wieder erwachen sollte. Als der Kapitän erfuhr, wen er verletzt an Bord hatte, drehte er um und fuhr zurück an den Anlegeplatz. Man brachte die verletzte und ohnmächtige Kaiserin Elisabeth auf einer provisorisch schnell zusammengezimmerten Bahre zurück in ihre Hotelsuite, wo sie für immer einschlief.

Saint Pierre Kathedrale Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Ich verlasse nun das Schiff „Geneve“ und gehe bis zur Saint Pierre Kathedrale, die sich hier ganz in der Nähe befindet. Direkt vor seiner Fassade kann man die Ruinen des ehemaligen Gefängnisses sehen, wo Lucheni für seine grauenhafte Tat bezahlt hat. Erst bei seinen Verhören wurde klar, dass er Kaiserin Elisabeth gar nicht töten wollte. Er hatte es eigentlich auf den Herzog von Orleans abgesehen. 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

 

Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Am 19.10.1910 fand man seine Leiche, welche unter merkwürdigen Umstände in seiner Zelle aufgefunden wurde. Offizielle Todesursache: Selbstmord
Es sind nur ganz wenig Steinreste von seiner Zelle zu sehen und auf einer Tafel, wie das Gefängnis früher aussah. Es mutet eigenartig an, an jener Stelle zu stehen, an der ihr Mörder noch 12 weitere Jahre leben durfte.

Nun heißt es für mich Abschied zu nehmen.
Es war ein Tag voller Emotionen an dem ich ganz viel gelernt habe. Den letzten Spuren von Kaiserin Elisabeth zu folgen, ist etwas ganz Besonderes und wird in mir noch sehr lange nachklingen.

Ich hoffe, dieser kleine Bericht über meinen Besuch in Genf hat euch gefallen. Ich bedanke mich herzlichst bei meinem Team, das mir alle Foto- und Videogenehmigungen besorgt hat: speziell für das Hotel Beau Rivage und für den Dampfer Geneve. Vielen Dank noch einmal allen Mitarbeitern beider Besichtigungsorte, die mir dabei geholfen haben, alle Fragen zu beantworten. Es war mir eine große Ehre.

 

– Maria José –


Kaiserin Elisabeths letzter Weg
die historische Spurensuche

Foto: staerkel.at

Nach dem wir jetzt Maria Josés eindrucksvollen Ausführungen gefolgt sind, leihen wir den Zeitzeugen jener Zeit die Stimme und geben ihnen die Möglichkeit uns ihre Sicht der Dinge zu erzählen:

Auch kann ich mir vorstellen, daß der gefangene Vogel in höherem Maße die Wonnen seiner Befreiung fühlt, wenn er aus der offen vergessenen Tür des Käfigs entwischen kann, als wenn man ihm nach Vorbereitungen und

Zeremonien gnädigst die Tür öffnet. Die Kaiserin wußte Nauheim hinter sich und mit dem beglückenden Gefühle der Befreiung und wie von einer unwiderstehlichen Anziehungskraft ergriffen, eile sie nach der Schweiz.“ (1)

Graf Albert von Berzeviczy, Foto: ocseitemeto.eoldal.hu

Kaiserin Elisabeth reist mit ihrer Hofdame Irma Gräfin von Sztáray und Sztára und Nagy-Mihály (*10.7.1864 – †3.9.1940) in die Schweiz und hält sich ab 30.8.1898 in ihrer geliebten Berglandschaft auf. Sie besuchen Caux, weil Elisabeth diesen Ort besonders mag. Ausflüge nach Bex-les-Bains, Rochers de Naye, Evian, Genf und Pregny wurden alle 2 Tage eingeplant.

Nach dem gemeinsamen Abendessen, gingen Elisabeth und Irma in Caux spazieren, um die nächsten Tage zu besprechen. Vor allem Genf erwies sich für Graf Albert von Berzeviczy (*7.6.1853, †22.3.1936) zu einem Problem. Irma erwähnte diese Besorgnis bei Kaiserin Elisabeth, welche nach dem „Warum“ fragte: „Weil es in Genf viel Gesindel gäbe und er deshalb lieber sähe, wenn Eure Majestät wo immer hin gingen, nur nicht nach Genf.“ „Sagen Sie Berzeviczy, seine Besorgnisse seien einfach lächerlich. Was könnte mir Genf schaden?“ (2)

Am 7.9.1898 blieb Kaiserin Elisabeth im Hotel des Salines in Caux, das sie „Haarwaschtag“ hatte. Auf dem Balkon des Hotels hin- und herschreitend versuchte Irma noch einmal bei Elisabeth die Warnung von Graf Berzeviczy aufzunehmen; diesmal mit etwas mehr Vehemenz und dem Vorschlag doch einen Herren aus dem Gefolge

Chateau Pregny Foto: lmathieu.wordpress.com

mitzunehmen. Kaiserin Elisabeth antwortete: „Ich sehe schon, daß der stets besorgte Berzeviczy für mein Leben fürchtet, aber was könnte mir denn in Genf zustoßen? Nun gut, ich weiß, daß Berzeviczy auch eine gewisse Verantwortung trägt, sagen Sie ihm also, daß ich ihm zuliebe, aber auch nur ihm zuliebe, Sekretär Kromar mit mir nehme, obschon ich nicht weiß, was er mir nützen könnte, wenn er, während ich spazieren gehe, im Hotel ruht.“ (3)

 

Sie schreibt in ihrem Buch: „Den Schatten, den Berzeviczys Besorgnisse mir in die Seele flößten, verscheuchte die Kaiserin und ich ging sorglos an ihrer Seite dahin, während sie raschen Schrittes ihrem Schicksale entgegeneilte.“ (4)

Baronin Julie Rothschild, Foto: family.rothschildarchive.org

Am 9.9.1898 kam Elisabeth Punkt 12.00 Uhr in Genf an. Sie begrüßte ihren Sekretär Kromar, der ihr eine Depesche von Erzherzogin Marie Valerie übergab, welche Elisabeth bereits sehnsüchtigst erwartete. Danach fuhr man zu Baronin Caroline Julie von Rothschild (*2.9.1830, †18.11.1907, genannt Julie), welche sie auf ihrem Chateau Pregny erwartete. Den Tag verbrachte Kaiserin Elisabeth überaus glücklich. Es wurde ein kleines Dejeuners eingenommen, die Villa besichtigt und angeregte Gespräche wurden geführt.

Eduard Karl Habsburg-Lothringen
Foto: Clemens Fabry, Die Presse

Hier findet sich eine kleine Anekdote wieder, die Eduard von Habsburg (*12.1.1967) erzählt. Eduard stammt aus der Linie von Erzherzogin Gisela und Prinz Leopold von Bayern. Er ist somit der Ur-Ur-Ur-Enkel von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph: „Baronin Rotschild hatte ein tolles Essen für sie gezaubert. Es gab Champagner und Eis und Sisi war richtig entspannt und gelöst. Und dann hat die Baronin gesagt, „wir haben einen Fotografen im Haus“. Und Sisi hat ungefähr 30 Sekunden überlegt und dann hat sie gesagt: „Nein, ich mache es nicht. Sie hat dann später der Gräfin Sztáray auf dem Boot gesagt: „Wenn man sein ganzes Leben an einem Prinzip festhält und wenns auch nur der Eitelkeit dient, dann muss man das durchziehen; aber eigentlich schade.
Gegen 5.00 Uhr verabschiedeten sich Elisabeth und Irma und fuhren ins Beau Rivage zurück.

Hotel Beau Rivage Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

Elisabeth checkte zwar unter dem Namen „Gräfin Hohenembs“ ein, allerdings erkannte sie der Hoteldirektor. Nach einer Stunde Ruhezeit, machten sich lediglich die beiden Damen auf, um die Stadt zu erkunden. „Ich verstehe Sie wirklich nicht, Irma, warum Sie diese Stadt nicht mögen; sie ist ja so schön, wie kann sie Ihnen also unsympathisch sein? Ich liebe Genf sehr.“ (5)

Es wurde ein kleines Tischchen für Marie Valerie eingekauft, welches ihr zu Weihnachten geschenkt werden sollte.

Erst gegen 22.00 Uhr kamen die beiden Damen ins Hotel zurück, weil sie sich nach dem Einkauf in Genf verliefen. 

Irma schlief schlecht in jener Nacht, stand aber zeitig auf, da es ihr „Beichttag“ war und sie lief deshalb zur Kirche. Um Schlag 9.00 Uhr war sie bei Kaiserin Elisabeth zurück; diese wurde soeben frisiert. Elisabeth sah blendend aus, dennoch erzählte sie von einer schlaflosen Nacht: „Müde bin ich nicht, doch habe ich kaum geschlafen. Eine Weile hörte ich den italienischen Sängern zu, später störte mich der Leuchtturm mit seinen beständig wechselnden Farben und ich konnte mich nicht entschließen, aufzustehen und die Fenster zu schließen. Es mochte gegen 2 Uhr gewesen sein, als ich einschlief, da aber, was mir noch niemals geschah, schrak ich entsetzt auf, weil der hochstehende Mond mit seinem grellen Scheine in mein Gesicht leuchtete, während mein Bett und das ganze Zimmer in meiner mystischen Beleuchtung schwamm. Weiter vermochte ich auch nicht mehr einzuschlafen.“ (6)

Das letzte Foto. Kaiserin Elisabeth (l) mit Irma Gräfin von Sztáray, Foto: Wikimedia/Commons

Das Zimmer war mit weißen Astern geschmückt, die Sisi zwar gefielen, sie aber an alles Vergängliche erinnerten. Irma verließ das Toilettenzimmer, um noch einige Einkäufe zu erledigen bzw. die Einkäufe vorm Vortag abzuschließen und die Lieferadresse zu hinterlassen. Kurz vor 11.00 Uhr kam sie zurück und erledigte mit Kaiserin Elisabeth noch einen kurzen Weg. Knapp vor dem Hotel lauerte ein Fotograf, der unwissentlich das letzte Foto von Kaiserin Elisabeth machen sollte. Es ging in die Weltgeschichte ein.

Danach wollte sich Kaiserin Elisabeth noch einmal umziehen. Um 1.30 Uhr war das Paar bereits spät dran, Irma wurde nervös. Sie versuchte Elisabeth dazu zu überreden, den Lakaien vorauszuschicken, damit der Kapitän nicht ohne sie abfuhr. In völliger Ruhe trank Sisi (das letzte) Glas Milch (ihres Lebens). Um 1.35 Uhr verließen Irma und Elisabeth das Hotel Beau Rivage.

Dass der Mann in schwarz gekleidet die Lakaien dabei beobachtet, wie diese viel Gepäck auf das Schiff bringen. Lucheni steht an der Straßenecke und lässt weder das Hotel, noch das Schiff aus seinem Blick. Er weiß, sie wird kommen…. 

Der letzte Weg, die letzten Schritte, der letzte Blick, das letzte Wort….

Attentat auf Kaiserin Elisabeth, Zeichnung, Unbekannt Foto: Wikimedia/Commons

 

Attentatsstelle mit Blick auf das Schiff Geneve Foto: sternenkaiserin.com – Maria José 

„Majestät, das Schiffsignal“, sagte ich und zählte unwillkürlich die auf das Läuten folgenden dumpfen Schläge…ein…zwei…
In diesem Momente erblickte ich in ziemlicher Entfernung einen Menschen, der, wie von jemanden gejagt, hinter einem Baume am Wegrande hervorspringt und zum nächststehenden anderen läuft, von da zu einem eisernen Geländer am See hinübersetzt, sodann abermals zu einem Baume und so, kreuz und quer über das Trottoir huschend, sich uns naht. „Daß der uns auch noch aufhalten muß!“ denke ich unwillkürlich, ihm mit den Blicken folgend, als er aufs neue das Geländer erreicht, und von da wegspringend, schräge auf uns losstürmt.
Unwillkürlich tat ich einen Schritt vorwärts, wodurch ich die Kaiserin vor ihm deckte, allein der Mann stellt sich nun wie einer, der arg strauchelt, dringt vor und fährt im selben Augenblicke mit der Faust gegen die Kaiserin.
Als ob der Blitz sie getroffen hätte, sank die Kaiserin lautlos zurück und ich, meiner Sinne nicht mächtig, beugte mich mit einem einzigen verzweiflungsvollen Aufschrei über sie hin. –
Vater im Himmel! Wenn ich dereinst vor Dir stehe, um Dir Rechenschaft zu geben von meiner Seele, dann wirst Du eingedenk sein dieses entsetzlichen Augenblickes. –
Alle Qualen des Todes durchzuckten mich und statt meiner gelähmten Lippen schrie meine niedergeschmetterte Seele zum Erlöser um Barmherzigkeit.
Und dann war mir, als tue sich vor mir der Himmel auf.
Die Kaiserin schlug die Augen auf und sah um sich. Ihre Blicke verrieten, daß sie bei vollem Bewußtsein war, dann erhob sie sich, von mir gestützt, langsam vom Boden.“
…..
Mit erstickter Stimme, da die Freude den Schrecken überwand, fragte ich sie: „Was fühlen Majestät? Ist Ihnen nichts geschehen?
„Nein“, antwortete sie lächelnd, „es ist mir nichts geschehen“. (7)

In der Zwischenzeit waren einige Leute an die hohe Dame herangetreten, die ihr alle helfen wollten. Sie dankte jedem Umstehenden in allen Sprachen, – deutsch, englisch, französisch. Ein Kutscher putzte ihr verstaubtes Kleid ab. Der Portier vom Beau Rivage eilte zur Stelle, der von seiner Türe aus den Angriff gesehen hatte und bat Kaiserin Elisabeth eindringlichst zum Hotel zurückzukehren.
„Warum?“, fragte die Kaiserin, währen sie ihr Haar in Ordnung zu bringen versuchte, „es ist ja nichts geschehen, eilen wir lieber aufs Schiffs.“ (8)

Verhaftung von Luigi Lucheni Foto: Wikimedia/Commons

Kaiserin Elisabeth fragte nach, was der Mensch von ihr wolle, zuerst dachte Irma, sie meinte den Kutscher, doch Elisabeth berichtigte sie und fragte nach dem Manne, der ihr so nahe gekommen war. „Vielleicht wollte er mir die Uhr wegnehmen.“ (9), war ihre einhellige Meinung dazu. Kaiserin Elisabeth schritt weiter, als der Portier wieder heraneilte und ihr mitteilte, dass man den Missetäter ergriffen habe. Sie fragte, ob er schon etwas gesagt habe. Irma sah dabei aber, dass sich Elisabeths Gesichtszüge verändert hatten. Sie war blass und verzog schmerzverzehrt das Gesicht. „Ich glaube, die Brust schmerzt mich ein wenig.“ (10)

Auf der Schiffsbrücke ging Elisabeth noch leichten Schrittes vor Irma, als es sie schwindelte: „Jetzt Ihren Arm“ stammelte sie mit erstickender Stimme. Ich umfing sie, konnte sie aber nicht halten und, ihren Kopf an meine Brust pressend, sank ich ins Knie. – „Einen Arzt! Einen Arzt! Wasser!“ schrie ich dem zu Hilfe eilenden Lakai entgegen. Die Kaiserin lag totenbleich mit geschlossenen Augen in meinen Armen. (11)

Gräfin Irma Sztáray Foto: Wikimedia/Commons

Der Lakai und einige Gäste des Schiffes brachten Wasser, man bespritzte ihr damit das Gesicht. Kaiserin Elisabeth öffnete die Augen. Irma erkannte, dass der Tod nicht mehr weit war und veranlasste, dass sie mit der Hilfe von ihr und zwei herumstehender Herren in die Kabine unter dem Verdeck gebracht wurde.

Irma schrie wieder nach einem Arzt und plötzlich wurde sie zur Seite geschoben. Ein Herr, der die Hilfe seiner Gattin anbot, welche sich auf Krankenpflege verstand (Ehepaar Dardelle), wurde an Kaiserin Elisabeth herangelassen. Diese rieb sie zunächst mit Eau de Cologne ein. Auch eine Klosterschwester eilte herbei. Irma schnürte derweil das Mieder auf. Kaiserin Elisabeth erhob sich zaghaft, damit Irma das Mieder unter ihr hervorziehen konnte. Das Schiff hatte mittlerweile abgelegt. Niemand im Raum nahm das richtig wahr. Irma nahm ein Stück Zucker, tunkte es in Äther und gab dies Elisabeth, die versuchte ein paar Mal davon abzubeißen. Die Wiederbelebungsversuche glückten, da der kühle Fahrtwind in die Kabine hereinwehte.

Dent du Midi, Bild in Öl, Edwin Deakin, Foto: x43:service

Elisabeth setzte sich auf und hauchte ein leises Merci, gegen die fremde Dame, die über ihr gebeugt stand. Die Herrschaften die alle rund um Kaiserin Elisabeth standen, zogen sich zurück, als sie merkten, dass diese von selbst sitzen konnte. Doch Irma sah es im Blick von Kaiserin Elisabeth. Ihr Blick war vom Tod umwoben, es gab kein Zurück mehr. Einzig Madame Dardelle, die Klosterfrau, der Lakai und Irma blieben bei Kaiserin Elisabeth. „Ihre Blicke suchten den Himmel, dann blieben sie an dem Dent du Midi haften und, von da langsam herabgleitend, ruhten sie auf mir, um sich für ewig meiner Seele einzuprägen. „Was ist denn jetzt mit mir geschehen?“ Das waren ihre letzten Worte, dann sank sie bewußtlos zurück.“ (12)

Irma schnitt ihre Halskette mit der Medaille der Marienkongregation ab und betete zur Heiligen Jungfrau um Aufnahme der Seele von Kaiserin Elisabeth in den Himmel. Sie wusste, dass der Tod nicht mehr aufzuhalten war. Sie fing zum Handeln an. Sie schob das Hemd von ihr auf die Seite, sah die Wunde, an der ein Tropfen gestocktes Blut hing und wusste, dass ihre Majestät ermordet worden war.

Abtransport Kaiserin Elisabeth vom Schiff Geneve, Zeichnung, Unbekannt Foto: Wikimedia/Commons

Irma ließ nach dem Kapitän schicken, der sogleich in die Kabine kam. Sie klärte ihn auf, wer da vor ihm lag und bat darum, das Schiff sofort zu wenden. Sie schrieb zwei Depeschen an Sekretär Kromar und Graf Berzeviczy, welche sie Herrn Dardelle übergab, der versprach diese sofort aufzugeben, sobald sie wieder in Genf seien.

Irma breitete Kaiserin Elisabeths schwarzen Mantel über sie, als diese auf eine improvisierte Trage gehoben und von 6 Männern getragen wurde. Als die Männer in Bewegung waren, warf Elisabeth unruhig ihren Kopf zur Seite. Ansonsten war die Agonie ruhig, ohne Kampf, ohne Schmerz. Irma ging neben ihrem Kopf, ein anderer Herr auf der anderen Seite, der ihren weißen Schirm, den sie bei sich hatte, als sie aus dem Hotel gingen, über sie spannte, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen.

Gräfin Sztáray blickte wehmütig zum Hotel. Vor einer Stunde hatten sie es gut gelaunt und voller Tatendrang verlassen. Wie konnte dies nur passieren?

In ihrer Suite angekommen, war Dr. Etiénne Golay sofort zur Stelle, danach noch Frau Fanny Mayer Hoteldirektorin vom Hotel Beau Rivage und eine im Hotel wohnende englische Pflegerin. Irma zeigte Dr. Golay die Wunde, doch durch die Öffnung des Mieders hatte sich die Wunde von der ursprünglichen Stelle verschoben. „Es ist keine Hoffnung“, sprach der Arzt nach einer Weile. (13)

Irma bat im ruhigen Ton, doch noch Belebungsversuche zu machen, es war allerdings zweckslos. Kaiserin Elisabeth atmete zwar noch, aber dieses wurde schwächer und schwächer. Um 2.40 Uhr (also 14.40 Uhr) sprach Dr. Golay die Worte aus. „Die schönste, edelste Seele, die am schwersten geprüfte von allen, hatte die Erde verlassen und ihr Entschwinden bezeichnet man mit dem einzigen kurzen Worte: tot! – (14)

Irma war fassungslos, betete, man möge sie auch holen, fasste dann aber den Entschluss, dass sie sich versündigen würde. Sie dachte an Kaiser Franz Joseph und wusste, dass sie diese schwere Last übernehmen musste, um ihm vom Tod Elisabeths zu erzählen. 

Generaladjutant Graf Eduard von Paar, Zeichnung Oskar Brüch, Foto: Wikimedia/Commons

Gräfin Sztáray schrieb eine Depesche an Eduard Graf von Paar (*5.12.1837, †1.2.1919): „Ihre Majestät die Kaiserin wurde schwer verwundet, bitte dies Seiner Majestät dem Kaiser schonungsvoll zu melden.“ (15)

Als die treue Hofdame Irma ins Zimmer zurückkam, schnitt man Kaiserin Elisabeth gerade im linken Arm in die Schlagader. Als kein Tropfen Blut aus dem toten Körper wich, zogen sich die Ärzte zurück.

Irma beschreibt die tote Elisabeth wie folgt: „Kein Nerv zuckt mehr in ihr! Nur ein Blick unter halbgeöffneten Lidern, himmelwärts gerichtet und gebrochen, und ein sanftes Lächeln des Mundes erinnern noch an das Leben. Damit hatte sie die selig entschwindende Seele geleitet, damit von ihr Abschied genommen für immer.“ (16)

Gräfin Sztáray drückte Kaiserin Elisabeth die Augen zu und schlang ihre Finger um einen Rosenkranz, faltete Hände zum Gebet und legte sie ihr auf die Brust.

Während dieser Geschehnisse, nutzt Kaiser Franz Joseph seine freie Zeit und schreibt Elisabeth einen Brief. Er sollte nie mehr bei ihr ankommen. Conte Corti war es, der ihn in seinem Buch erwähnt: „Sehr erfreut hat mich die bessere Stimmung“ schreibt er seiner fernen Gemahlin, „die Deinen Brief durchweht, und Deine Zufriedenheit mit dem Wetter, der Luft und Deiner Wohnung samt Terrasse, welche einen wunderbaren Ausblick auf Berge und See gewähren muß. Daß du dennoch eine Art Heimweh nach unserer lieben Villa „Hermes“ gefühlt hast, hat mich gerührt. Dann erzählt er, dass er am Tage zuvor in der Villa war, viel an Elisabeth gedacht habe und das Wild begutachtet habe. Weiter geht’s mit „heute bleibe ich hier und um halb neun reise ich von Staatsbahnhof ab. Isten veled szeretett angyalom (Gott befohlen, geliebter Engel.) Dich von ganzem Herzen umarmend, Dein Kleiner.“ (17)

Eugen Ketterl, Leibkammerdiener Seiner Majestät Foto: Wikimedia/Commons

Zu Hilfe hatte Irma eine Wärterin, die das Totengemach herrichtete; es wurden Kreuze und Kerzen aufgestellt. Die weißen Herbstastern, die Kaiserin Elisabeth am Vormittag noch „sie stehen für die Vergänglichkeit“ nannte, wurden ins Zimmer gebracht und um das Bett aufgestellt.

Nach dieser Aufgabe, setzte sich Irma ruhig hin und setzte die nächste Depesche an Graf Paar auf: „Ihre Majestät die Kaiserin ist entschlummert.“ (18)

Um 17.25 Uhr kam das Telegramm bei Generaladjutant Graf Paar in Schloss Schönbrunn an. Er hatte nun die unendlich schwierige Aufgabe seiner Majestät vom Tod der Kaiserin zu unterrichten. Durch die ihm geschuldete Contenance, seine strenge Erziehung und auch seinem Amt würdig, bleib Kaiser Franz Joseph ruhig bei der Nachricht. Sein treuer Diener Eugen Ketterl schreibt: „Als der Kaiser die Todesnachricht erhielt, sagte er in meiner Gegenwart zum Grafen Paar: „Niemand weiß, was diese Frau mir gewesen ist!“ (19)

Erzherzogin Marie Valérie, Foto: kulturpool.at

Um 18.30 Uhr traf die Nachricht bei Erzherzogin Marie Valérie (*22.4.1868, †6.9.1924) in Schloss Wallsee ein. Maria überbrachte ihr die Kunde vom Tod ihrer Majestät. Valérie notiert in ihr Tagebuch: „Ich weiß nicht, ob weitere Fragen dazwischen oder gleich das Wort „tot“? über die Lippen brachte, ob sie mir gleich dort noch am Gang oder schon im Zimmer sagte: „Ermordet von einem italienischem Anarchisten – im Hotel in Genf verschieden“. Ich weiss es nicht. Noch zittert mir die Hand, wenn ich zurückdenke an diese Stunde… (20)

Erzherzogin Gisela und Prinz Leopold, Foto: Wikimedia/Commons

Prinz Leopold von Bayern (*9.2.1846, †28.9.1930), Ehegemahl von Erzherzogin Gisela, schreibt in seinen Lebenserinnerungen: „Ich fuhr die Nacht durch zu meiner Gattin nach München, und die darauffolgende mit ihr nach Wien. Das war nun ein trauriges Wiedersehen mit dem lieben Kaiser: erschütternd war alles, was man von der Tragödie erfuhr. Dazu kam das gerade so Sinnlose der Ermordung dieser edlen Frau, die sich prinzipiell von jeder politischen Tätigkeit fern gehalten hatte. (21)

Danach brach Irma zusammen. Erschöpft, müde, von Trauer gebrochen, kniete sie vor dem Bett und weinte hemmungslos. Die Polizei kam alsbald ins Hotel und vernahm Gräfin Irma Sztáray, die auch diese Pflicht mit stoischer Ruhe über sich brachte. Ihr wurde der Eidschwur abgenommen, danach musste sie den gesamten Namen & alle Titel und sämtliche Geschehnisse der letzten Stunden von Kaiserin Elisabeth in die Feder diktieren. Die Stunden waren qualvoll, weil sie an die schlimmsten Stunden ihres Lebens zurückdenken musste. Graf Berzeviczy ließ sie ans Telefon rufen und Irma erinnerte sich qualvoll an die ständigen Ermahnungen nicht nach Genf zu fahren. Als hätte er es gewusst.

Immer mehr Leute strömten zur toten Kaiserin: eine Kommission, die den Leichnam obduzieren wollte, eine Kommission um die Leichenschau abzunehmen, Bischof von Fribourg und Gefolge kamen herein, um ihre Arbeit aufzunehmen. Erst am Abend war Irma mit Kaiserin Elisabeth allein gelassen worden. Um 20.00 Uhr kam Graf von Berzeviczy ins Hotel, welcher in Territet geweilt hatte und der Gesandte aus Bern, Graf Kuefstein. Um 22.00 Uhr wurde der Sarg gebracht, in welchen sie gebettet wurde. Irma legte ihr die Medaille der Mutter Gottes, die sie ihr am Schiff auf die Brust gelegt hatte, in die Hände. Bis um Mitternacht wachten alle 3 Personen vor dem Sarg. Erst danach verließ Irma die tote Kaiserin, um in ihrem Zimmer Ruhe zu finden.

Am 11.9.1898 wurde gegen 14.00 Uhr die partielle Obduktion durchgeführt, da die Anweisung dazu aus Wien erst gegen Mittag eintraf. Die Obduktion ergab, dass Lucheni mit ungeheurer Kraft zugestochen hat. Die zugespitzte 11 cm lange Feile hat die 4 Rippe durchstoßen, die Knochen zersplittert, sowie das Herz und die Lunge durchbohrt. Die linke Herzkammer war mehr oder weniger durchschnitten worden, vor allem durch das Herausziehen des spitzen Gegenstandes, wurde das Herz schwerst verletzt. Nur das Mieder hat den sofortigen Tod aufgehalten. 

Irma notiert: „Ich mußte bei diesem traurigen Akte zugegen sein. Man schnitt den Brustkorb auf, um die Richtung der Wunde festzustellen: Die vierte Rippe war durchbrochen, Lunge und Herz durchbohrt.“
Und ich sah es in der Hand des Arztes, dieses Herz voll Liebe und voll Qual, durch das der Dolch gegangen war, durch und durch, wie wir das Herz der Mater dolorosa im Bilde sehen.
Und das mußte ich überleben!
„Ich möchte dieser Welt entschwinden wie der Vogel, der auffliegt und im Äther verschwindet, oder wie der aufsteigende Rauch, der hier vor unseren Augen blaut und im nächsten Augenblicke nicht mehr ist.“
Diese Worte hatte sie eins zu mir gesagt und sie kamen mir jetzt ins Gedächtnis. (21a)

Totenwache im Hotel Beau Rivage, Zeichnung Foto: Wikimedia/Commons

Mit „einst“ meinte Irma wohl einen Tag zuvor – denn diese Worte sprach Kaiserin Elisabeth exakt am 9.9.1898 im Beisein von Baronin Julie Rothschild. Vorahnung? Dunkle Gedanken, einer gequälten Seele? Seit Jahren gierte Kaiserin Elisabeth nach dem Tod. Hat sie ihn gespürt? Ahnte sie, dass ihr Ende nah war? Wir wissen es nicht. Wir wissen ja auch nicht, wie es uns einmal ergehen mag, wenn wir es erspüren sollten, dass es zu Ende geht.

Gräfin Sztáray blieb bis die Einbalsamierung beendet war. Danach legte sie ihr das „schöne Kleid“ an, welches sie auch am Tage zuvor getragen hatte. Das zerschnittene Oberteil, wurde durch eine schwarze Seidenbluse ersetzt. Mit Hilfe von Dr. Golay legte Irma den Leichnam in den Sarg, in dem sie für immer Ruhen sollte.

Die Hände wurden wieder gefaltet, der Rosenkranz, ein kleines Kruzifix aus Perlmutt und das Medaillon wurden ihr wieder um ihre Finger drapiert bzw. in die Hand gelegt. Ein kleiner Strauß aus weißen Orchideenblüten wurden auf die Einstichwunde gelegt. Das Haar – zu einer Krone frisiert – verblieb wo es war. Die Frisur, welche Kaiserin Elisabeth am Vortag um 9.00 Uhr angelegt bekam, wurde nicht mehr verändert. Wie ein Engel, mit weißer Alabasterhaut, soll sie da gelegen haben. Nun hieß es für immer Abschied zu nehmen. Der Sarg wurde verschlossen. Hofdame Irma Gräfin von Sztáray hatte ihre Arbeit beendet.

 

Gräfin Marie Festetics, Foto: Wikimedia/Commons

Stumm ging sie dem Sarg nach, der Ohnmacht nahe, der sie sich nicht hingeben durfte. Schwere Tage kamen auf sie zu. Das Trauergefolge, trat mit dem Trauerzug am 11.9. seinen Weg nach Genf an. Anwesend war Gräfin Marie Festetics (*20.10.1839, †16.4.1923), Obersthofmeisterin Gräfin Maria Theresia von Harrach, Obersthofmeister Graf Franz von Bellegarde (*18.6.1833, †1.1.1912), der von Kaiser Franz Joseph folgendes ausrichten ließ: „Übergeben Sie meinen Gruß der Gräfin Sztáray; sagen Sie ihr, sie habe sich in ihrer furchtbaren Lage voll Würde benommen.“ (22) Am 14.9. verließ der Zug Genf. 

 

Der Sarg der Kaiserin Elisabeth von Österreich wird aus dem Hotel „Beau Rivage“ getragen. Genf. Photographie. 1898, Foto: Austria-Forum.org

Der Trauerzug kam am 15.9.1898 in Wien an. Schon auf dem Weg von der Schweiz nach Österreich, wurden am Weg viele Trauerbekundungen getätigt. Das Volk hatte sich fast an jedem Bahnhof versammelt, um mit gesenkten  Häuptern ihre Kaiserin zu verabschieden. Valérie beschreibt die Szene so: „Am Abend verliessen wir gegen 10 Uhr Schönbrunn…. In den Radetzkyzimmern warteten wir in verzehrender Erwartung bis der Zeremonienmeister gegen 11 Uhr des Nahes des Zuges verkündetet. Dann gingen wir hinunter, um am Fuss der Säulenstiege zu warten. Ich musste mich an Gisela halten, und fast zum ersten Male brach ich in lautes Schluchzen aus. Und nun kamen Wagen um Wagen, die gewesenen Hofdamen, welche an den Bahnhof entgegengefahren waren, die von Genf kommenden… Schluchzend lag ich in Irma Sztárays Armen, die sie zuletzt umfangen! Franz sah, wie Papa ihr entgegenging und ihre Hand küsste. Papa ging in aufrechter Haltung dem Sarg nach in die Burgkapelle. Wir folgten. Dort konnte man doch endlich auf die Knie sinken…. Gebete, kurze Einsegnung. Dann erhob sich Papa, kniete nieder am Kopfende des geschlossenen Sarges und küsste ihn. Wir folgten. O Mutter, wüsstest Du es in diesem Augenblick, dass Dein Kind dich liebt mit einer Liebe, wie ich sie wohl früher nie gefühlt. Um Mitternacht waren wir wieder in Schönbrunn.“  (23)

Irma selbst erlebt das alles durch einen Schleier. Ein Schwindel überkam die Hofdame, als Kaiser Franz Joseph zu ihr trat und die Hand küsste. Er bat sie am 17.9.1898 zu einer Privataudienz.

Zeitungsausschnitte die über das Attentat berichten Foto: Bücher Ernst

Am 16.9.1898 veröffentlichte Kaiser Franz Joseph sein „An meine Völker“, welche von allen Zeitungen gedruckt wurde: „An meine Völker! Die schwerste, grausamste Prüfung hat Mich und Mein Haus heimgesucht. Meine Frau, die Zierde meines Thrones, die treue Gefährtin, die Mir in den schwersten Stunden Meines Lebens Trost und Stütze war – an der ich mich verloren habe, als Ich auszusprechen vermag, ist nicht mehr. Ein entsetzliches Verhängnis hat sie Mir und Meinen Völkern entrissen. Ein entsetzliches Verhängnis hat sie Mir und Meinen Völkern entrissen. Eine Mörderhand, das Werkzeug des wahnsinnigen Fanatismus, der die Vernichtung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung sich zum Ziel setzt, hat sich gegen die edelste der Frauen erhoben und in blindem, ziellosen Haß das Herz getroffen, das keinen Haß gekannt hat und nur für das Gute geschlagen hat.“ (24)

Aufbahrung in der Burgkapelle Foto: delcampe.net

Am 16.9.1898 wurde um 8.00 Uhr morgens der Sarg in der Burgkapelle öffentlich aufgebahrt; allerdings entsprechend ihrem Wunsch: der Sarg wurde nicht mehr geöffnet. Eigentlich wollte Elisabeth auf Korfu beerdigt werden, die Stelle, die sie ausgesucht hatte, war in der Nähe vom Heine Denkmal und mit Blick aufs Meer. Der letzte Wunsch wurde ihr von der starren Monarchie nicht gewährt. Während ihrer Aufbahrung kam es zu einenm Fauxpas: man schrieb auf den Sarg nur „Kaiserin von Österreich“ und nicht auch „Königin von Ungarn“.  Diesen Titel trug sie mit mehr Würde und Eleganz, als ihren Kaiserin-Titel. Auch Böhmen mischte sich in den Streit ein. Als „ungekrönte“ Königin von Böhmen, sollte auch dieser Titel auf dem Sarg verewigt sein. Maßlos sinnbefreite Streitigkeiten über eine Frau, die sowieso niemals Kaiserin oder Königin werden wollte.

Hofdame Irma übergab Erzherzogin Marie Valerie das Oberteil des Kleides. Die Einstichstelle ist darauf zu sehen. Am selben Abend erreichen Bruder Carl Theodor und Gemahlin Maria José, Elisabeth Gabriele und Marie Gabrielle (Töchter) Wien. Carl Theodor ist schwer gezeichnet, Marie Valerie hatte ihn noch nie so tief ergriffen gesehen. Gerade in ihm, erkennt sie ihre Mutter.

Am 17.9. fand in der Burgkapelle eine Messe statt. Marie Valerie schreibt: „Es zog mich mit Macht zu ihr…ich wünschte, sie möge nun gefunden haben, was sie so bitter bezweifelte – die liebende Barmherzigkeit Gottes -. Dann ging ich zu Maria Festetics und fühlte mich wieder erkalten unter dem Schwall ihres wortreichen Schmerzes.“ (25)

Irma Gräfin Sztáray knickst vor Kaiser Franz Joseph I. und reicht ihm dabei beide Hände. Laut Bildunterschrift erzählt sie in einer Audienz dem Kaiser über die letzten Momente der Kaiserin Elisabeth. Hochdruck nach Zeichnung (Phantasie).
Das Interessante Blatt, 22.09.1898, S.1 Foto: Bildarchivaustria.at

Danach fand die Privataudienz zwischen Kaiser Franz Joseph und Gräfin Irma Sztáray statt. Die Begegnung war sehr tränenreich. Er überreichte ihr nicht nur den Elisabeth-Orden, sondern er hatte auch ein langes Gespräch mit ihr. Sie musste ihm detailgetreu den gesamten Ablauf erzählen, währenddessen ihm dicke Tränen über das Gesicht liefen. Sie überbrachte ihm ein paar Blüten jener Orchideen, die Kaiserin Elisabeth am Herzen trug. Niemand war Zeuge bei dem Gespräch. Irma und Franz Joseph waren allein. Er fragte sie, ob sie ihr etwas von ihren Haaren abgeschnitten hätte. Irma verneinte, denn sie meinte, dass Kaiserin Elisabeth immer besonders viel Wert auf ihre Haare gelegt habe. Der Kaiser gab ihr Recht und lobte die Hofdame für ihr Tun. Am Ende dieser Audienz küsste er ihr noch einmal die Hand, eine Geste die die Gräfin nie wieder vergessen sollte. Die Güte des alternden Mannes überstieg ihre Contenance bei weitem.

Begräbnis Kapuzinergruft Foto: Habsburg.net

Um 16.00 Uhr fand dann das tatsächliche Begräbnis, statt welches vom Hofstaat und Militär geprägt wurde. Vom Burgplatz führte der Leichenzug zur Kapuzinergruft, wo sie ihre Ruhestätte finden sollte. 

Dreimal pocht der Obersthofmeister an die Tür. Pater Guardian steht hinter der Tür und fragt „Wer ist da?“ „Kaiserin und Königin Elisabeth begehrt Einlaß“, so die Antwort vom Obersthofmeister. Schluchzend stehen der Kaiser und die Kinder vor dem Sarg. Valerie, die eine Mutter verloren die ihr Kind mehr geliebt hat, als je eine Mutter auf Erden, sieht auf einmal jenen Platz in der Gruft, den Elisabeth ihr im Leben beschrieben, das bißchen Licht und Grün, das aus dem schmalen Fenster hereinblickt. Sie hört die Vögel draußen zwitschern, alles, alles genauso, wie die Mutter es damals geschildert. „Möge sie nun endlich die heißersehnte Ruhe finden!“ 
Schluchenzd auch stehen am Sarge der Kaiserin die treuesten Freundinnen ihres Lebens. Ida Ferenczy, die Elisabeth ob ihres frischen, heiteren, geraden und offenen Wesens, ihres gesunden Menschenverstandes, ihres Taktes und ihrer vornehme Denkungsweise bei aller Einfachheit des Herzens so geliebt. Sie hat alles nach den letzten Wünschen der Kaiserin erfüllt. Auch den letzten Brief des Kronprinzen an Elisabeth vernichtet. … Tränenüberströmt steht Marie Festetics neben ihr. „Viel werden wir noch zusammen trauern, Ida, uns gehörte das Beste. Lange, lange haben wir ihre Seele, ihr Herz genossen.“ (26)

Kaiser Franz Joseph am Sarg seiner geliebten „Engels-Sisi“ in der Kapuzinergruft, Öldruck Foto: Habsburg.net

Marie Valerie hält in ihrem Tagebuch fest: „Papa war schon vom Morgen an in der Burg, hatte sichs nicht erspart, die fremden Herrschaften zu empfangen. Mit Kaiser Wilhelm kam er zu den Kapuzinern. Uns blieb, geschützt durch die dichten Schleier, der grösste Teil banaler Kondolenz erspart. Genug waren es jener, die von Herzen mitweinten. Manni – Onkel Louis (Anmerkung meinerseits: Herzog Ludwig in Bayern, zu dem der Kontakt nach dem Tod von Kronprinz Rudolf komplett abgebrochen war)! „Ich kann doch dem armen Teufel nicht verbieten zu kommen“, hatte Papa gesagt, und hat es den armen Onkel gerührt. Tief erweckte es auch in mir Erinnerungen alter Zeiten, als er zu mir kam mit der Bitte „Lass mich nur bei stehen, nur das bleiben neben Dir“. Papa mit Leopold und Franz, Georg und den beiden Brüdern Mamas geleiten den Sarg hinab. 
(Dann war auch das vorbei und wir kehrten nach Schönbrunn zurück, zu einem traurigen Diner, welchem auch dir König von Sachsen beiwohnte.)“ (26a)

Am 18.9.1898 hätte Marie Valerie fast einen folgenschweren Fehler begangen, den sie Zeit ihres Lebens bereut hätte: Sie notiert dazu in ihr Tagebuch: „Schmerzliches Wiedersehen mit Tante Spatz (Anmerkung meinerseits: Königin Mathilde, Schwester von Elisabeth) die am Sonntag ungekannt gekommen war, um an Mamas Sarg zu beten. Papa suchte sie im Hotel auf, nachmittags kam sie nach Schönbrunn. Ich erfuhr, allein mit ihr, zu meinem Schaudern, dass sie Pater Guardian dazu bewogen hatte, ihr den Sarg zu öffnen, durch das innerhalb des Sarges angerachte Fenster, hat sie Mama gesehen, erkannt, obgleich schon ziemlich entstellt.“ (27)  Valerie war so entsetzt, dass sie dasselbe tun wollte, damit ihre Mutter die letzte Person sei, die „sie“ sehen konnte bzw. Valerie die Letzte auf Erden sei, die ihre Mutter je zu Gesicht bekommen hatte. Doch Pater Abel konnte sie glücklicherweise von diesem Vorhaben abhalten. Dankbar nahm Valerie dies als einen Fingerzeig Gottes und konnte damit in Ruhe leben. 

Prinz Leopold von Bayern schreibt weiter: „Mitte Oktober lud mich der Kaiser ein, mit ihm nach Gödöllö zu fahren. Der Trauerempfang der Bevölkerung daselbst ist mir unvergeßlich. Das Kaiser- oder, besser gesagt, das Königspaar war ja im ganzen Lande verehrt, und die Kaiserin, die so viele Jahre lang besonders gerne in Gödöllö geweilt hatte, geradezu vergöttert. die Fülle der Regierungsgeschäfte, die unermüdliche Arbeit, die frische Luft und die viele Bewegung auf der Jagd brachten auch diesmal den allerhöchsten Herrn über das Gröbste hinaus.“ (28)

Eugen Ketterl (*1859, †1928), der Leibkammerdiener von Kaiser Franz Joseph, notiert, dass seine Majestät nie wieder über Kaiserin Elisabeth sprach: „Manche wollen diese Merkwürdigkeit damit erklären, daß Franz Joseph an Unabänderlichem nicht einmal in der Erinnerung rütteln wollte; andere meinten wieder, Egoismus und Gefühlskälte seien daran schuld gewesen. Ich meine aber, daß der Kaiser sich seines Gefühls schämte und fürchtete, es könnte als Schwäche gedeutet werden. Es geschah gar oft, daß ich den Monarchen dabei überraschte, wie mit unsagbar traurigem Blick zur Kaiserin hinaufsah, die ihn in bestrickender Anmut aus ihrem Bild, das auf einer Staffelei hinter seinem Schreibtisch stand, zu grüßen schien…“  (29)

Marie von Redwitz (*9.12.1856, †11.4.1933), Hofdame von Herzogin Amalie in Bayern, Tochter von Herzog Carl Theodor, schreibt in ihr Tagebuch: „Die Kaiserin war sechzig Jahre alt und nicht die Natur, um glücklich zu altern. Hätte sie sich einen schmerzlosen Tod und danach eine Glorifikation ohne Gegenrede gewünscht, hätte sie enden müssen, wie sie es getan. Dr. Christomanos, einer ihrer griechischen Lehrer schrieb, daß sie einmal gesagt habe: „Ob und wann ich sterbe, ist Nebensache. Es gibt im Leben jedes Menschen einen Augenblick, in dem er innerlich starbt, es braucht gerade nicht die Zeit des wirkliches Todes zu sein.“ Dann: „Wenn der Wunsch zum Leben aufgehört hat, befindet man sich eigentlich schon außerhalb des Lebens.“ … So ist diese merkwürdige und in vielem rätselhafte Frau auf außerordentliche Weise aus dem Leben gegangen. Für die Allgemeinheit war sie zu wenig banal, und schüchtern von Natur, entzog sie sich der Schaustellung ihrer Person. Sie füllte den Platz einer Landesmutter gewiß nicht voll aus und hatte nicht die Gabe, vielleicht auch nicht das Verständnis, das Volk zufriedenzustellen. Sooft ist übel vermerkt worden, sie halte den unvermeidlichen Fächer vor das Gesicht, um ihr Altern nicht erkennen zu lassen. Das Angestarrtwerden war ihr gewiß lästig, aber der erste und tiefere Grund lag in der Empfindlichkeit der Augen gegen Licht und Blendung, unter der fast alle Glieder der herzoglichen Familie leiden.“ (30)

Henri Philippe Marie de Bourbon-Orléans, Foto: Wikimedia/Commons

Luigi Lucheni gab an, dass er eigentlich Henri Philippe Marie d’Orleans (*16.10.1867, †9.8.1901) ermorden wollte. Er wurde am 10.11.1898 zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er war ein äußerst aggressiver Gefangener, der mehrmals versuchte den Gefängnisdirektor oder die Wärter anzugreifen. Seine „Lebenserinnerungen“ die er notierte, wurden ihm entrissen. Am 19.10.1910 wurde er unter mysteriösen Umständen tot in seiner Zelle gefunden. Die offizielle Todesursache lautet „Selbstmord“, allerdings soll „nachgeholfen“ worden sein.

Gemälde nach Leopold Horovitz, posthum am 31.12.1898 an Kaiser Franz Joseph überreicht. Foto: Wikimedia/Commons

Am 31.12.1898 bekam Kaiser Franz Joseph vom ungarischen Maler Leopold Horovitz (*2.2.1838, †16.11.1917) ein Bild überreicht. Valérei notiert: „das Papa das beste findet. „Es hat nie ein gutes Bild von Mama gegeben.“ „Kein naturwahres Porträt“. So ist es mit allem, was über Mama gesagt und geschrieben wird.“ (31) 

Kaiserin Elisabeth jedoch, war zu Lebzeiten so wenig in Österreich präsent, dass die Trauer der Bevölkerung nur kurz andauerte und einige Tage nach dem Begräbnis schon wieder das „Tageswerk“ verrichtet wurde. Die Meldungen in den Zeitungen verebneten. Die ersten Biografien fanden den Weg an die Oberfläche (Gräfin Larisch, Conte Corti etc.), Denkmäler wurden errichtet usw.

Dazu notiert Marie von Redwitz: „Bald nach ihrem Tode erhob sich wie auf Wettbewerb in jeder Stadt, wo sie einmal länger geweilt, ein künstlerisch mehr oder minder wertloses Standbild von ihr. Gewiß hätt sie sich das verbeten, denn die sie ehren wollten, hatten nichts mit ihr gemeinsam.“ (32)

 

Grabstelle von Erzherzogin Agnes (*/†26.6.1911), Bad Ischl Foto: Hans-Christian Seidel

Am 26.6.1911 bekam Erzherzogin Marie Valérie in Bad Ischl ihr letztes und gleichzeitig das 10te Kind: Agnes – Die kleine Erzherzogin überlebte nur 8 Stunden. Als Agnes starb sagte Valérie: „Wie tröstlich annehmen zu dürfen, daß dies kleine Enkelkind sie vielleicht endlich hineingeleitet hat in den Himmel.“  (33)

Ein sehr tröstliches Abschiedswort.

 


Kaiserin Elisabeth heute

Filmprogramm Sissi Film, 1955 Foto: Wikimedia/Commons

Es sollte bis ins Jahr 1955 dauern, bis Kaiserin Elisabeth wiedergeboren wurde. Zwei Weltkriege und viel Leid waren vergangen, bis am 21.12.1955 der Film Sissi in die Kinos kam. Romy Schneider und Karlheinz Böhm – sie ebneten Sisi den Weg zurück ins Leben.

Papieruntersetzer im Café Hofburg, Foto: sternenkaiserin.com – Marie 

Souvenirs, vor allem das berühmte „Winterhalter Bild mit dem Sternenkleid“ wurden und werden in die ganze Welt verkauft; nichts was es nicht gäbe: Tassen, Vasen, Teller, Büsten, Briefmarken, Fingerhut, Hefte, Blöcke, Radiergummi, Taschen, Tischdecken, Pralinen und Mehlspeisen die ihren Namen tragen und sogar „Glasuntersetzer“…

1982 erschien Brigitte Hamanns Biografie über Kaiserin Elisabeth, danach wurden und werden unzählige Bücher geschrieben, im Jahr 1984 fanden die Gedichte von „Titania“ ihre Erstveröffentlichung (ebenfalls Brigitte Hamann).

 

Kapuzinergruft Kronprinz Rudolf, Kaiser Franz Joseph (erhöht), Kaiserin Elisabeth (v.l.n.r.) Foto: sternenkaiserin.com – Marie 

In die Kapuzinergruft pilgern jährlich Millionen Besucher und legen rote und weiße Rosen auf den Sarkophag von Kaiserin Elisabeth, Kronprinz Rudolf und Kaiser Franz Joseph.

Foto: Amazon.de

Wien und Österreich hat seine Kultur. Schloss Schönbrunn wird im Sommer gestürmt. Am 3.9.1992 wurde Kaiserin Elisabeth in Form eines Musicals geboren. Den Beitrag zum Musical können Sie hier nachlesen. 

Am 24.4.2004 wurde zum 150. Hochzeitstag das Sisi Museum eröffnet. Der Hype ist ungebrochen, mittlerweile ziehen viele Kaiserappartements nach, die jemals Sisi und/oder Franz Joseph zu Besuch hatten…

 

 

Der Mythos lebt.
Kaiserin Elisabeth lebt.

 

~ Marie ~

 

Bevor wir nun diesen Beitrag wirklich abschließen, möchten wir euch exklusiv die Tagebuchaufzeichnungen von Hoteldirektorin Fanny Mayer zeigen. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Maria José, die vor Ort war und bei Herrn Direktor Mayer, der uns hiermit erlaubt hat, die Tagebuchaufzeichnungen seiner Großmutter zu veröffentlichen. 

Exklusivrecht, Erlaubnis Herr Mayer, Beau Rivage Hotel Foto: sternenkaiserin.com

Foto: Exklusivrecht, Mayer, Beau Rivage Hotel Foto: sternenkaiserin.com

 

 

Exklusivrecht, Erlaubnis Herr Mayer, Beau Rivage Hotel Foto: sternenkaiserin.com – Marie 

Foto: sternenkaiserin.com – Marie

 

Foto: sternenkaiserin.com – Marie

 

Kaiserin Elisabeth im berühmten Sternenkleid, Öl Franz X. Winterhalter, Foto: Wikimedia/Commons 

 

 

 

 

 


Rechtliche Hinweise – Auf den Spuren Kaiserin Elisabeths in Genf 
Text: Maria José
Bildrechte: Maria José – Mit ausdrücklicher Genehmigung der Hoteldirektion Beau Rivage
Videorechte: Maria José – Mit ausdrücklicher Genehmigung der Hoteldirektion Beau Rivage 


Rechtliche Hinweise: 

Text: Marie, Maria José, Irma Gräfin Sztáray, Leopold von Bayern, Michaela und Karl Vocelka, Marie Valérie von Österreich, Martha Schad, Marie von Redwitz, Eugen Ketterl

Bildrechte: sternenkaiserin.com – Maria José, sternenkaiserin.com – Marie, Wikimedia/Commons, Hans Christian Seidel, Habsburg.net, Bildarchivaustria.at, delcampe.net, Bücher Ernst, Austria-Forum.org, kulturpool.at, x43:service, Clemens Fabry/Die Presse, Family.rothschildarchive.org, lmathieu.wordpress.com, locseitemeto.eoldal.hu, staerkel.at


Literarischer Hinweis:

1 – S 203, 2 – S 206, 3 – S 209, 4 – S 210, 5 – S 219, 6 – S222/3 , 7 – S 227 – 229, 8 – S 230, 9 – S 230, 10, 11 – S 231, 12 – S 234, 13, 14 – S 237, 15 – S 239, 16, 18 – S 240, 21 – S 246, 21a – S 250,
Irma Gräfin Sztáray
Aus den letzten Jahren der Kaiserin Elisabeth (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Amalthea Verlag, 2004

17 – S 455, 26 – S 463
E.C. Conte Corti
Elisabeth von Österreich Tragik einer Unpolitischen (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Heyne Verlag 2. Auflage/15. Auflage 1996

19 – S 40, 29 – S 40
Eugen Ketterl
Der Alte Kaiser wie nur Einer ihn sah
Fritz Molden Verlag, 1980, 1. Auflage

20 – S 309, 23 – S 312, 25 – S 312, 26a – S 312/3 27 – S 313, 31 – S 319
Marie Valérie von Österreich
Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth

24 – S 310
Michaela und Karl Vocelka
Franz Joseph I – Kaiser von Österreich und König von Ungarn

20 – S 164, 28 – S 164
Leopold Prinz von Bayern
Aus den Lebenserinnerungen (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Verlag Friedrich Pustet, 1983

30 – S 257, 31 – S 258
Marie von Redwitz
Hofchronik 1888 – 1921 (Nur noch antiquarisch erhältlich)
Verlag Kulturpolitik München 1924

33 – S 112
Martha Schad
Kaiserin Elisabeth und ihre Töchter, Bildband (Nur noch antiquarisch erhältlich)
LangenMüller Verlag, 1998, 3. Auflage

 

Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und Herzogin Sophie von Hohenberg

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Relief Franz Ferdinand Museum – Schloss Artstetten „Franz Ferdinand und Sophie“

Ein kleines persönliches Vorwort:

Bevor wir uns Franz Ferdinand und seiner Sophie widmen, möchte ich ein persönliches Wort an euch richten: Schloss Artstetten begleitet mich schon mein halbes Leben. 1983 wurde es als Museum eröffnet und ich glaube, seit dieser Zeit kenne ich es. Ich habe mich nie viel um Franz Ferdinands Geschichte gekümmert. Mir ging es immer um das Gebäude und die schöne Umgebung. Gerade Maria Taferl ist mir im Laufe meiner Kindheit sehr ans Herz gewachsen. Kürzlich durfte ich dort den wunderschönen Vespermantel – einen Teil von Elisabeths Hochzeitskleid – besichtigen. Mein Beitrag dazu ist hier.

Meine Recherchen über Kaiserin Elisabeth, ihr Leben, ihre Begleiter, ihre Familie sind sehr umfangreich und da ich keine Historikerin bin, sind meine Mittel auch begrenzt.

Vor allem die korrekten Daten verlangen mir oft alles ab. Trotzdem versuche ich den Personen rund um, und auch Kaiserin Elisabeth selbst, ein Leben einzuhauchen.

Als mich meine Recherchen wieder ins Schloss Artstetten führten, lernte ich einen Franz Ferdinand kennen, der mir bislang fremd geblieben ist. Zum ersten Mal, nahm ich die Person, den Menschen, den Vater wahr.

Ja, mir wurde sogar bewusst, dass nicht nur Franz Ferdinand sein Leben verlor, sondern auch seine Frau, und 3 Kinder zu Vollwaisen wurden.


Dieses Bewusstsein wurde noch verstärkt durch das Buch seiner Urenkelin Fürstin Anita von Hohenberg.

In diesem Sinne habe ich mir diesen Beitrag nicht leicht gemacht und ich hoffe, dass es mir gelungen ist, die Menschen hinter dieser Tragödie zu zeigen. Franz Ferdinand und Sophie sind mir ans Herz gewachsen.

Eure

Petra
Foto: zeno.org

Die Geschichte einer Tragödie, welche sich am 28.6.1914 abspielte.

Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Fürstin Sophie von Hohenberg wurden in Sarajevo erschossen.

Dieses Attentat löste den 1. Weltkrieg aus, der genau einen Monat (28.7.1914) später durch die Kriegserklärung Österreichs-Ungarn an Serbien beginnen sollte.

Ich werde nicht den Versuch unternehmen und die politische Situation dieser Tat hervorzuheben. Wer an der Politik der Habsburger interessiert ist, wendet sich bitte an die zahlreich erschienenen Publikationen. Danke!

Franz Ferdinand Carl Ludwig Joseph Maria von Österreich-Este wurde am 18.12.1863 in Graz geboren.

Er war der erste Sohn von Erzherzog Karl Ludwig (*30.7.1833, †19.5.1896) und dessen zweiter Ehefrau Maria Annunziata von Neapel-Sizilien (*24.3.1843, †4.5.1871). Erzherzog Karl Ludwig war der Bruder von Kaiser Franz Joseph. Er war somit der Neffe von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth.

Stammbaum: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra (vormals Sternenkaiserin), Fotos: Wikimedia/Commons 
Foto: Wikimedia/Commons
Maria Annunziata von Neapel-Sizilien

Seine Mutter ließ ihre Kinder nicht an sich heran, da sie an Lungentuberkulose erkrankt war und glaubte, dass sie ihre Kinder anstecken würde, wenn sie diese berühren würde.

In seinen ersten Lebensjahren erfuhren weder Franzi, wie er Zeit seines Lebens genannt wurde, (er wurde erst zu „Franz Ferdinand“ als er Thronfolger wurde), noch seine Geschwister Liebkosungen seitens der Mutter.

Foto: habsburg.net
Erzherzog Karl Ludwig Joseph Maria von Österreich, Lithographie Josef Kriehuber 1862

Als Karl Ludwig am 4.5.1871 erneut Witwer wurde war er 38 Jahre alt und stand mit 4 kleinen Kindern alleine da. Franzi war 8 Jahre alt, Otto 6, Ferdinand Karl 2,5 und die kleine Margarete Sophie knapp 1 Jahr alt, als sie zu Halbwaisen wurden.

Erzherzogin Sophie und Erzherzog Karl Ludwigs Aufgabe war es nun, eine geeignete Frau an seiner Seite zu finden, die ihm helfen konnte, die Kinderschar aufzuziehen.

In Infantin Marie Therese von Braganza (*24.8.1855, †12.4.1944) wurde sie gefunden. Marie Therese war knapp 18 Jahre alt, als sie den knapp 40jährigen Witwer Karl Ludwig am 23.7.1873 in Schloss Heubach ehelichte.

Diese Ehe sollte sich aber für alle als Glücksfall herausstellen. Die unglaublich interessante Biografie zu Marie Therese kann hier nachgelesen werden. 

Foto: Wikimedia/Commons
Marie Therese mit ihren zwei Stiefkindern Ferdinand Karl und Margarete Sophie

Marie Therese wurde den Kleinen nicht nur eine gute und liebevolle Mutter, sondern sie schenkte zwei weiteren Mädchen Maria Annunziata (*13.7.1876, †8.4.1961) und Elisabeth Amalie Eugenia (*7.7.1878, †13.3.1960) ihr Leben und bevorzugte keines der Kinder.

Sie behandelte alle gleich und wurde eine Ehefrau, wie es sich so mancher Habsburger wahrscheinlich gewünscht hätte. Egal ob als Stiefmutter zu den Halbwaisen oder als Mutter zu ihren eigenen Töchtern. Sie war Mama aus vollem Herzen und Leidenschaft.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzogin Maria Annunziata „Miana“, Stiefschwester

Karl Ludwig war dankbar und ein liebevoller und aufopfernder Ehemann, der trotz allem seine Pflichten als Erzherzog des Hauses Habsburg nicht versäumte.

Er war Statthalter von Tirol, Lemberg und Gallizien. Er förderte das Gewerbe und Wissenschaft, sowie die Kunst. In dieser Funktion war er häufig unterwegs und vertrat seinen Bruder bei Ausstellungseröffnungen und öffentliche Auftritte. Trotzdem nahm er sich immer wieder Zeit für die Kinder, nahm am Unterricht teil oder war einfach für seine Kinder da.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Artstetten

Franzi und seine Geschwister wuchsen sehr liebevoll, aber streng auf.

Der Tagesplan war straff. Deutsch, Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Zeichnen, Musik, Turnen, Englisch, Latein, Französisch, Tschechisch, Ungarisch und „Terrain-Aufnahme“ (eine Art von Geometer Unterricht) mussten er und sein Bruder Otto über sich ergehen lassen.


Das zerrte an den Nerven, denn der Tagesplan begann um 7.00 Uhr (manchmal 7.30 Uhr) und endete um 20.00 Uhr.
Kurze Essenspausen inbegriffen. Dieser Unterricht wurde von Montag bis Samstag angeordnet.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Artstetten – Franz Ferdinand Museum

Franz mochte die Lernerei überhaupt nicht. Er war ein eher verschlossenes, zurückhaltendes Kind, während Otto damals schon der Rabauke war, der oft Streiche spielte und einfach sein Leben als Kind schon in vollen Zügen genoss.

Durch diese Streiche, war er aber leider auch etwas beliebter als Franzi, der einfach zu ernst für sein Alter war.

Foto: Franz Ferdinand Museum
Schloss Artstetten
Franz, Otto, Ferdinand (v.l.n.r.)

Gleichzeitig wurde das Schloss vergrößert und modernisiert; zB wurde ein Badezimmer eingebaut. Eine kleine Sensation für die damalige Zeit.

Auch in der Villa Wartholz in Reichenau an der Rax wurden die Sommer verbracht.

Die Kinder wuchsen in den Sommermonaten auf Schloss Artstetten auf, das Vater Karl Ludwig großzügig umbauen ließ.

So wurde ein Swimmingpool gebaut (der gleichzeitig als Löschteich diente), der Garten wurde nicht nur angelegt, sondern auch gleichzeitig vergrößert.

Foto: oesta.gv.at
Kronprinz Rudolf als Jugendlicher

Dort lernte Franzi auch das Jagen, was zu einer lebenslangen Passion wurde.

Bereits mit 9 Jahren konnte er erste Jagderfolge verbuchen, wozu ihm sein Cousin Kronprinz Rudolf auch gratulierte:

„Dein lieber Brief freute mich sehr, und Papa hat mich beauftragt, Dir vielmals für deine guten Wünsche zum Namenstage zu danken. Ich gratuliere Dir vielmals zu Deinem ersten Wild, ich kann mir denken, wie es dich gefreut hat. … Ich bleibe Dein Dich liebender Rudolf.“ (1)

Rudolf war für Franz wie ein großer Bruder. Die Beziehung von den beiden kann als äußerst innig betrachtet werden.

Franz traf es hart, als sich sein Cousin in Mayerling das Leben nahm und sich dadurch auch sein ruhiges Leben schlagartig ändern sollte.

Auch zu seiner Tante Sisi, Kaiserin Elisabeth war das Verhältnis äußerst entspannt und liebevoll. Elisabeth intervenierte später öfter bei Kaiser Franz Joseph, als sich Franz unstandesgemäß verliebte. Aber ich greife vor.

Foto: comune.modena.it
Franz V. Ferdinand Geminian, Herzog von Modena, Erzherzog von Österreich-Este, Portrait von Luigi Manzani zw. 1845-1850

Franz V. Ferdinand Geminian, Herzog von Modena, Erzherzog von Österreich-Este (*1.6.1819 Modena, †20.11.1875 Wien) starb am 20.11.1875 in Wien und vererbte Franz Ferdinand unter der Bedingung seinen Namen „Este“ weiterzuführen, sein gesamtes Vermögen. Franz Ferdinand nannte sich ab sofort Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este.

Ab April 1878 begann für Franz der Ernst des Lebens, denn er trat in den Militärdienst ein. Bereits mit 15 Jahren wurde ihm von Onkel Franz Joseph der Orden des „Goldenen Vlies“ verliehen, den er mit Stolz trug.

Foto: habsburger.net
Das Goldene Vlies

Seine militärische Ausbildung brachte den mittlerweile 20jährigen Franz nach Enns. Damals und heute eine Kleinstadt, jedoch insofern bedeutend, da sie die erste Stadt Österreichs war.

Mit Enns wurde Österreich also begründet und damals wie heute, ist hier die Offiziersausbildung des Landes untergebracht. Franz gefiel der ruhige Ort gar nicht und er fand immer wieder Ausreden um nach Wien fahren zu können. Er liebte Hofbälle und ging gerne ins Theater.

Kaiser Franz Joseph kamen natürlich die Verfehlungen seines Neffen zu Ohren. Dafür sorgte schon Erzherzog Albrecht Friedrich Rudolf von Österreich-Teschen (*3.8.1917, †18.2.1895), der für die Ausbildung des Neffen zuständig war.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Denkmalrelief für Erzherzog Franz Ferdinand
an seine Militärzeit in Enns

Onkel Albrecht war ein äußerst strenger Mann, der nur für das Militär bestimmt war. Mit ihm hatte Franz, der nichts anderes wollte als ein bisschen „Freiheit“, seine liebe Not.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzog Albrecht von Österreich-Teschen „die graue Eminenz“ genannt; ca. 1880

Als Franz auch noch um längeren Urlaub bat, weil er eine Weltreise plante, wurde er von Kronprinz Rudolf gewarnt:

„Lieber Franzi! Ich halte es für meine Pflicht, Dich als Freund aufmerksam zu machen, dass sich hier eine Agitation in hohen militärischen Kreisen leider der von Allerhöchsten, geltend macht, sich gegen deine zu vielen Urlaube und Dein zu häufiges nach Wien kommen, richten.  … ich kann Dir nur raten, vorsichtig zu sein. Der Kaiser ist ziemlich ungehalten.“ (2)

Franz fügte sich und nahm seine Pflichten wieder auf.

Er wurde Rittmeister, Major, Oberstleutnant, Oberst und am 28.10.1892 schließlich Generalmajor.

Er war 29 Jahre alt und seit 3 Jahren der Thronfolger von Österreich-Ungarn.

Foto: Wikimedia/Commons
SMS „Kaiserin Elisabeth“

Am 15.12.1892 ging der Wunsch einer Weltreise dann doch noch in Erfüllung.

Mit dem Torpedo-Rammkreuzer „Kaiserin Elisabeth“ fuhr Franz Ferdinand mit einer ordentlichen Besatzung von Triest, über den Suezkanal nach Ceylon und Bombay, danach zu Fuß bis zum Himalaya, weiter nach Kalkutta, Singapur, Sunda-Inseln, Java, Australien, Neukaledonien, Solomon-Inseln, Borneo, zurück nach Singapur, Hongkong weiter nach Japan.

In Yokohama wechselte er von der „Kaiserin Elisabeth“ auf den Dampfer „Empress of China“, um Kanada, Nordamerika und schließlich die Vereinigten Staaten (Chicago, New York) zu erreichen.

Von dort ging es zurück nach Le Havre, Paris, Stuttgart und schließlich nach Wien. Er war insgesamt 10 Monate unterwegs.

Franz Ferdinand entwickelte eine Leidenschaft für Sammeln verschiedener Gegenstände und brachte allerlei Urlaubssouvenirs von seiner Reise mit.

Ein Teil ist im Schloss Artstetten ausgestellt, ein Teil im Schloss Konopischt in Tschechien und der Großteil im Naturhistorisches Museum in Wien.

Foto: Wikimedia/Commons
MS Empress auf China

Kurz nach der Reise ereilte ihn ein schwerer Schicksalsschlag. Er wurde schwer krank.

Seine Mutter hatte ihm die Lungentuberkulose vererbt, die ihn mit voller Wucht treffen sollte.

1893 und 1894 nahm die Krankheit sein Leben noch nicht voll in Besitz, allerdings schränkte sie ihn gehörig ein.

Foto: Wikimedia/Commons
Sophie Gräfin von Chotek

Vermutlich war es 1894 auf einer Soiree in Prag, die sein weiteres Leben bestimmen sollte.

Er lernte Hofdame Sophie Gräfin von Chotek kennen.

Zu seinem ihn begleiteten Arzt Dr. Victor Eisenmenger sagte er später:

Wenn unsereiner jemand gern hat, findet sich immer im Stammbaum irgendeine Kleinigkeit, die die Ehe verbietet, und so kommt es, dass bei uns immer Mann und Frau zwanzigmal miteinander verwandt sind. Das Resultat ist, dass von den Kindern die Hälfte Trottel und Epileptiker sind.“ (2a)

Ab 1895 schien die Krankheit so weit fortgeschritten, dass eine Heilung aussichtslos schien.

Endlich informierte man auch Kaiser Franz Joseph vom schlechten Zustand seines Neffen. Er schrieb ihm einen rührenden Brief:

„Lieber Franz! Dein Brief vom 30. Juli, für welchen ich innigst danke, hat mich recht schmerzlich berührt. Ich wusste gar nicht, dass Du schon längere Zeit erkrankt seiest und erst durch Franz, der dich auf der Eisenbahn begegnet hatte, erfuhr ich Deinen leidenden Zustand. Ich muss Dich dringend aufmerksam machen, dass es Deine heiligste Pflicht ist, jetzt nur für Deine Gesundheit zu leben. … Du musst baldmöglichst an einen stillen Gebirgsort ziehen, dort ganz ruhig bleiben. … Ich hoffe, dass Du auch ein wenig mir zulieb geduldig und ausdauernd sein wirst, wenn es auch recht langweilig sein wird. In treuer Freundschaft Dein Dich innigst liebender Onkel Franz Joseph.“ (3)

Foto: Wikimedia/Commons
Dr. Viktor Eisenmenger

Seinen gesamten Krankheitsverlauf hier zu beschreiben, würde unsere Möglichkeit sprengen, jedoch musste er monatelang auf vieles Verzichten und wurde von Ort zu Ort geschickt, um ihm Ruhe zu vergönnen.

Foto: JosefNovak33
Graf Leo von Wurmbrand

Franz Ferdinand war aber so gar nicht der Geist fürs Bett liegen und Ruhe geben. Er war stets unruhig und dachte, das Leben würde an ihm vorüberziehen.

1895 wurde ihm der Arzt Dr. Viktor Eisenmenger (*29.1.1864, †11.12.1932) an die Seite gestellt, der seinen Patienten mit großer Besorgnis bewachte.

Sein einziger Trost waren die Briefe die ihm sein treuer Diener Janaczek immer wieder brachte.

Sein bester Freund und Wegbegleiter Kammerherr Leo Graf von Wurmbrand (*12.9.1840, † unbekannt) verscherzte es sich mit Franz Ferdinand, in dem er dem

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Artstetten, Franz Ferdinand Museum
Diener Janaczek

„Frauenzimmer das Handwerk legen wollte“ (4).

Wurmbrand wurde aus dem Dienst entlassen.

Sophie von Chotek schrieb dem Thronfolger so rührende Briefe, dass er sich endlich seinem Arzt beugte und gesund werden wollte.

Auch seine innig geliebte Mutter heiterte ihn immer wieder mit Briefen auf.

Foto: Antiquariat Futter
Erzherzog Otto „Bolla“

Während seiner Abwesenheit in der Thronfolge, musste sein Bruder Otto die Repräsentationspflichten erfüllen.

Otto, dem dies zutiefst zuwider war, hoffte auf baldige Rückkehr seines Bruders. Franz Ferdinand hingegen fühlte sich zurückgesetzt und glaubte, dass Otto ihn verdrängen wollte.

1896 ereilte ihn der nächste Schicksalsschlag.

Von schwerer Krankheit gezeichnet, wurde Ägypten für Franz Ferdinand als Aufenthaltsort bestimmt.

Seine Eltern und seine Stiefschwestern fuhren deshalb nach Kairo, um den Kranken endlich zu besuchen.

Diese Abwechslung tat dem – auch mittlerweile psychisch – angeschlagenen Erzherzog gut.

Sein Vater Karl Ludwig, ein zutiefst religiöser Mann, trank aus religiöser Überzeugung aus dem Jordan und zog sich dabei allerhand Vergiftungen zu. Schwer erkrankt wurde er eilends nach Wien gebracht und von seiner Frau aufopferungsvoll gepflegt. Doch die Vergiftungen aus dem verseuchten Wasser waren zu schwer.

Schwer erkrankt starb der geliebte Vater schließlich am 19.5.1896 in Wien.

Die Begräbnisfeierlichkeiten des Bruders von Kaiser Franz Joseph waren für den schwer erkrankten Thronfolger eine Strapaze, allerdings liest man auch einen ganz bestimmten Namen in der Liste der Trauergäste: Sophie von Chotek.

Foto: Wikimedia/Commons
Kronprinzessin Stephanie
Foto: Wikimedia/Commons
Elisabeth Amalie Eugenia, Stiefschwester

Franz Ferdinand erbte nicht nur ein Vermögen, auch war jetzt die offizielle Thronfolge nicht mehr abzuweisen.

Ab Juni 1896 ging es Franz Ferdinand besser, allerdings dauerte es noch bis ins Jahr 1897 bis zur vollständigen Genesung.

Um diese komplett wiederzuerlangen, führte sein Weg auch nach Cap Martin, wo sich gerade seine geliebte Tante Sisi aufhielt und auch Kaiser Franz Joseph vor Ort war.

Im Mai 1897 galt Franz Ferdinand als geheilt. Nun hieß es, seiner Stellung gerecht zu werden.

Er war mittlerweile 33,5 Jahre alt, unverheiratet und hat noch immer nicht für Stammhalter gesorgt.

Die einzige Frau die Franz Ferdinand liebte, war Hofdame bei Erzherzogin Isabella Hedwig Franziska Natalia Prinzessin von Croy-Dülmen (*27.2.1856, †5.9.1931).

Foto: Wikimedia/Commons
Graf Boguslaw von Chotek

Wenn es nach Kaiser Franz Joseph gegangen wäre, hätte Franz Ferdinand Kronprinzessin Stephanie geheiratet, Witwe von Kronprinz Rudolf.

Da die beiden in aller Freundschaft verbunden waren, war eine Hochzeit für beide definitiv keine Option. Zudem hielt Franz Ferdinand an Sophie fest.

Sophie Maria Josephine Albina Gräfin Chotek von Chotkowa und Wognin wurde am 1.3.1868 in Stuttgart geboren.

Ihr Vater war Boguslaw Graf Chotek von Chotkow (*4.7.1829, †11.10.1896). Ihre Mutter war Wilhelmine Gräfin Kinsky zu Wichinitz und Tettau (*19.7.1838, †5.3.1886).

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Artstetten, Franz Ferdinand Museum
Sophie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern
Das einzige existierende Bild ihrer Mutter und ihrer Geschwister

Sie war das 5. Kind von insgesamt 8 Geschwistern.

  • Wolfgang Maria (*15.8.1860 Berlin, †10.12.1926 Linz)
  • Zdenka Marie (*10.12.1861 Berlin, †15.3.1946 Salzburg)
  • Maria Pia (*11.7.1863 Berlin, †21.6.1935 Jilové)
  • Karolina Olga Alzbita (*19.11.1865 Berlin, †29.11.1919 Perglas)
  • Sophie Maria Josephine Albina (*1.3.1868 Stuttgart, †28.6.1914 Sarajevo)
  • Oktavia Maria Josefina Karolina (*5.5.1873 Brüssel, †13.6.1946 Bad Waldsee)
  • Maria Antonia (*12.5.1874 Kostelec,†13.6.1930 Hohenthurm)
  • Marie Henriette (*9.7.1880 Kostelec, †19.3.1964 Gutenberg a.d. Raabklamm)
Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzogin Isabella „Busabella“

Sophie stammte aus einem alten böhmischen Uradel, hochangesehen am Wiener Hof, doch leider verarmt.

Um die Kinder, deren Mutter früh verstarb, durchzubringen, wurde an einigem gespart, jedoch nicht an der Ausbildung.

Da dem Graf Chotek hauptsächlich nur Mädchen geboren wurden, mussten früh Beschäftigungen für die Mädchen gefunden werden. Ehefrau, Hofdame oder Nonne waren die „Berufe“ die Mädchen aus gutem Hause annehmen konnten und durften.


Sophie wurde an den Hof, der als sehr schwierig bekannten Erzherzogin Isabella, die mit Erzherzog Friedrich verheiratet war, empfohlen.

Erzherzog Friedrich Foto: Wikimedia/Commons

Erzherzog und Thronfolger Franz Ferdinand war gerngesehener Gast im Hause von Erzherzog Friedrich Maria Albrecht Wilhelm Karl von Österreich (*4.6.1856, †30.12.1936). Erzherzog Friedrich galt als gutmütig und einfältig und wurde im Volksmund „Bumsti“ genannt.

Erzherzogin Isabella, im Volksmund „Busabella genannt“ glaubte deshalb lange, dass die häufigen Besuche mit ihrer Tochter Erzherzogin Maria Christina Isabelle Natalie (*17.11.1879, †6.8.1962) zusammenhingen.

Maria Christina war damals 16 Jahre alt.

Erzherzog Franz Ferdinand immerhin 34 Jahre alt.

In Wirklichkeit war es Sophie, die den Erzherzog ständig bewog die Familie zu besuchen.

Die Schmach bei Isabella war überaus groß, als der wahre Grund herauskam.

Die Legende besagt, dass es eine vergessene Taschenuhr (beim Tennisspiel liegen gelassen) des Erzherzog war, die die Liebe verriet. Das Bildnis im Inneren zeigte Sophie von Chotek. Der Skandal war perfekt.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzogin Maria Christina

Isabella war außer sich. Zumal sie gehofft hatte, dass ein gewisser Verehrer Herr Rosenberg aus Prag für Sophie eine gute Partie werden könnte.

Isabella entließ Sophie sofort und fuhr nach Wien um Kaiser Franz Joseph von der unstandesgemäßen Liebschaft zu berichten. Der Zorn muss auf beiden Seiten groß gewesen sein.

Aber anstatt seinem geprüften Neffen die Ehe zu ermöglichen und endlich Thronfolger für das Land zu bekommen, warf Kaiser Franz Joseph weitere Steine in den Weg der zwei Liebenden.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Arstetten, Franz Ferdinand Museum
Erzherzogin Isabelle und Gräfin Sophie an der Nordsee

Er zwang Franz Ferdinand um ein Jahr Bedenkzeit, in dem sich der Thronfolger fragen sollte, ob es wirklich notwendig sei,

eine verarmte Gräfin

zu ehelichen.

In der Zwischenzeit wurden ihm alle möglichen heiratswilligen und standesgemäße Damen vorgestellt. Franz Ferdinand blieb eisern.

In der Zwischenzeit intervenierten Kaiserin Elisabeth, sein jetziger Kammerdiener Franz Janaczek und seine geliebte Mutter Marie Therese für Franz Ferdinand. Ohne ans Ziel zu kommen. Kaiser Franz Joseph blieb stur.

Foto: Wikimedia/Commons
Godfried Marschall, Weihbischof

Sophie hingegen ging es in dem Jahr nicht sehr gut.

Da man wusste, dass sie religiös war, wurde ihr Dr. Godfried Marschall auf den Hals gehetzt.

Der fragwürdige Pfarrer, der hochtrabende Karrierepläne für sich in Anspruch stellte und vom Fürsterzbischof träumte, drohte Sophie so massiv, dass diese keinen anderen Ausweg mehr sah und ins Kloster ging.

Franz Ferdinand erfuhr durch Zufall von dieser Peinlichkeit und schäumte bei einer Privataudienz vor dem Kaiser Franz Joseph:

„Meine Braut hat die Zeit der Buße – so muss ich die Monate nennen – in einem Kloster verbracht und jetzt habe ich sie erlöst. Sie gehört wieder der Welt an und sie wird zu mir gehören… Wie hat man uns gequält! Wie hat man meine Braut gefoltert! Zu ihrer Frömmigkeit nahmen Sie die letzte Zuflucht. Bei ihrem Glauben und ihrer Christlichen Demut packten Sie die Sache an. Und es wäre beinahe geglückt, schon hatte ich die Absage in Händen, den mit Tränen geschriebenen Verzicht auf mich. Da fuhr ich wie ein Donnerwetter drein und befreit sei aus der Atmosphäre, in der sie lebte … Denn das war wider die Abrede gehandelt. Ich sollte mich ein Jahr prüfen, ob ich nicht etwa aus Leidenschaft etwas unternehmen wolle, was ich zeitlebens bereut hätte. Ich prüfte mich. Aber man hat sie zum Abfall von mir verleiten wollen, hat ihr Herz bedrängt und ihr Gewissen. Das war wider die Abrede!“ (5)

Wer jetzt glaubt, dass dies den Kaiser milde gestimmt hätte, irrt.

Im Grunde vermag man diese Sturheit gar nicht verstehen. Denn wenn man es ganz genau betrachten möchte, hat auch Kaiser Franz Joseph „unstandesgemäß“ geheiratet. Ludovika Prinzessin von Bayern, war die Schwester von Erzherzogin Sophie.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Artstetten, Franz Ferdinand Museum
„unstandesgemäße Braut“ Elisabeth Herzogin in Bayern
Ludovika wurde aber mit dem wenig standesgemäßen Herzog Max in Bayern verheiratet, einem dem Landadel angehörigen Herzog. Der Unterschied zwischen "in" und "von" wurde von mir hier aufgearbeitet. Elisabeth wäre niemals die Ehefrau von Kaiser Franz Joseph geworden, wären nicht Ludovika und Sophie Schwestern gewesen.

Doch Franz Ferdinand wäre nicht Franz Ferdinand gewesen, wenn er nicht noch den letzten Ausweg gegangen wäre.

Und das war eine Verzichtserklärung zu unterschreiben.

Sophie musste auf Titel und Ehre verzichten, die Kinder würden niemals als Thronfolger anerkannt werden und mussten den Nachnamen ihrer Mutter annehmen.

Franz Ferdinand unterzeichnete den Renuntiationsakt am 28.6.1900 in der Hofburg. Es vermag Schicksal gewesen sein, denn dieses Datum, exakt 14 Jahre später, sollte ihrer beider Tod besiegeln.

Aber ich greife vor.

Am 1.7.1900 fand in der Schlosskapelle in Reichstadt (damals Böhmen, heute Tschechien) die Hochzeit im engsten Familienkreis statt.

Foto: Wikimedia/Commons
ihr Tod wurde als Ausrede für die Hoftrauer genommen Josephine von Hohenzollern

Kaiser Franz Joseph warf dem Brautpaar auch jetzt noch einen Stein zwischen die Beine, als er die strikte Parole ausrief, der Hochzeit tunlichst fern zu bleiben.

Dem Affront kam ein kleiner Zufall zu Hilfe.

Fürstin Josephine von Hohenzollern (*21.10.1813, †19.6.1900) war verstorben. 4(!) Tage später wurde eine 12tägige Hoftrauer angeordnet.

So hatte der Wiener Hof die Ausrede nicht teilnehmen „zu dürfen“.

Marie Therese, Stiefmutter und Witwe von Erzherzog Karl Ludwig und Franzis Stiefschwestern hielten sich jedoch nicht an dieses Verbot. Von Sophies Seite waren ihre Geschwister mit Ehepartnern anwesend.

Was folgte war die glücklichste Hochzeit die jemals ein Habsburger eingegangen ist.

Zumindest ein Telegramm traf ein, in dem der Kaiser Sophie von Chotek in den erblichen Fürstenstand mit dem Namen „Hohenberg“ erhob.

Somit wurde am Hochzeitstag aus Sophie Gräfin von Chotek,

Sophie Fürstin von Hohenberg.

Die Ehe war von Glück geprägt.

Sophie war Franz Ferdinand eine gleichwertige Partnerin, die ihm nicht nur 4 Kinder gebar, sondern ihn auch in all seinem Tun befürwortete.

Stammbaum: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra (vormals Sternenkaiserin), Fotos: Wikimedia/Commons

Foto: viator.com.de
Schloss Konopischt
Foto: Wikimedia/Commons
Schloss Belvedere

In der Zwischenzeit richtete sich Franz Ferdinand auf Schloss Konopischt und im Schloss Belvedere häuslich ein.

Schloss Belvedere sollte sein Wohnsitz werden und von dort aus wollte er die Regierungsgeschäfte übernehmen.

Sohn Max wurde den beiden sogar auf Schloss Belvedere geboren. Er ist der Einzige der dort je das Licht der Welt erblickte.

Foto: Wikimedia/Commons
Franz Ferdinand und Sophie mit ihren Kindern Sophie, Max und Ernst

Franz Ferdinand war ein äußerst liebevoller Vater, der gerne mit den Kindern spielte, oder auch nur stundenlang im Zimmer verweilte und den Kindern beim Spielen oder Schlafen zusah.

Er frühstückte sogar im Kinderzimmer, um seinen Sprösslingen nah zu sein.

Wenn man sich seine Fotos ansieht, diesen strengen Blick, den Militärhaarschnitt und dann die liebevollen Aufnahmen im Schloss mit seinen Kindern und seiner Frau betrachtet, kommt man nachhaltig ins Grübeln, ob er wirklich so unbeliebt war, wie man ihn gerne darstellt.

Ich glaube inzwischen, dass Franz Ferdinand, als Kaiser Franz II ein bisschen Liebe ins Kaiserhaus gebracht hätte.

Franz Ferdinand hätte sich, nicht wie Franz Joseph, einen Doppelnamen gegeben. Dies war sowieso völlig unüblich. Wäre Erzherzog Franz Ferdinand an die Macht gekommen, wäre er Kaiser Franz II gewesen.

1909 wurde Sophie von Kaiser Franz Joseph in den Stand einer Herzogin rangerhöht.

Ihr Titel lautete nun

Sophie Herzogin von Hohenberg

1908 wurden den beiden ein toter Sohn geboren. Sophie stürzte dies in ein großes Unglück. Sie liebte ihre Kinder über alles und konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn nicht Leben durfte.

Franz Ferdinand wusste nun auch, dass er darüber nachdenken musste, was wäre, wenn ihm etwas zustoßen würde. Er wusste, dass Sophie und seine Kinder niemals in der Kapuzinergruft Aufnahme gefunden hätten. Und weil dies so war, würde er sich nicht darin bestatten lassen. Er wollte bei Sophie und seinen Lieben sein.

Also beschloss er, auf Schloss Artstetten eine Gruft bauen zu lassen. Einerseits, um seinem toten Sohn sein letztes Geleit geben zu können, andererseits dafür Sorge zu Tragen, dass Sophie oder er, sollte es soweit kommen, eine letzte Ruhestätte zu geben, wenn der Fall der Fälle eintreten würde und die Verfassung zum Kaiser/in noch nicht abgeändert wäre.

Wie Recht er behalten sollte, konnte er an jenem Tag natürlich nicht wissen.

1914 sollte das Schicksal für alle brutal zuschlagen.

Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg waren in Sarajevo zu einem Staatsbesuch. Am Morgen des 28. Juni 1914 gab Erzherzog Franz Ferdinand noch ein Telegramm an seine Kinder auf:

„Befinden von mir und Mami sehr gut. Wetter warm und schön. Wir hatten gestern großes Diner und heute vormittag den großen Empfang in Sarajevo. Nachmittags wieder großes Diner und dann Abreise. Umarme euch innigst. Dienstag. Papi.“ (6)

Ich vermag mir den Schock gar nicht vorstellen, der eingetreten ist, als das Telegramm ankam und ein paar Stunden später die Nachricht vom Tod der Eltern.

Das Attentat selbst ist eine Verkettung verschiedener Umstände, die nach Betrachtung des Ablaufes so gar nicht hätte stattfinden dürfen.

Jedoch schrieben wir das Jahr 1914 und Sicherheit war noch nicht oberstes Prinzip bei derartigen Staatsbesuchen.

Dass aber der ganze Ablauf nicht gestoppt wurde, als das erste Attentat fehlschlug, obwohl ein Offizier und dessen Chauffeur verletzt wurden, verschlägt mir beim Lesen heute immer noch die Sprache.

Fakt ist, dass am 28.6.1914 Gavrilo Princip (*25.7.1894, †28.4.1918) mit einer FN Bronwing 9mm, Modell 1910 ca. 2 Meter vor dem Wagen, der kurz halten musste, direkt auf das Paar zielte. Ich gebe dem Mörder keinen Raum und poste kein Bild auf meinem Blog von ihm. Wer sich ihn ansehen will, googelt ihn bitte selbst.

Zuerst traf er Herzogin Sophie von Hohenberg in die Bauchschlagader, mit dem 2ten Schuss in die Halsschlagader des Thronfolgers.

„Um Gottes Willen, was ist dir geschehen?“ (7),

soll Sophie ihren Mann noch gefragt haben, da er aus seiner Wunde stark blutete. Unmittelbar danach sinkt sie nach vorne und starb noch direkt im Wagen.

„Sopherl, Sopherl stirb mir nicht, bleib für unsere Kinder“, (8)

soll angeblich Franz Ferdinand gerufen haben.

Ob dies mit einer so stark blutenden Wunde direkt in der Halsschlagader möglich ist, bleibt fraglich.

Schön ist es allemal, denn seine letzten Worte, wären an seine geliebte Frau und Kinder gerichtet gewesen.

Es ist auch deshalb fraglich, weil Franz Ferdinand Sophie liebevoll "Soph" nannte, was aus unzähligen Briefen hervorgeht. 

Aber eine schöne Anekdote ist es trotzdem und so erzähle ich sie gerne. 

Auch Erzherzog Franz Ferdinand starb noch im Wagen, einem von Gräf & Stift gebautes Cabriolet, welches äußerst elegant war.

Foto: Hemmings.com
Original Auto, Heeresgeschichtliche Museum Wien

Das Auto steht im Original im Heeresgeschichtlichen Museum Wien und kann besichtigt werden.

Eine originalgetreue Kopie des Fahrzeugs steht direkt vorm Eingang ins Franz Ferdinand Museum, Schloss Artstetten.

Erzählen möchte ich, dass Erzherzog Franz Ferdinand einen Lebensfeind hatte.

Foto: Wikimedia/Commons
Alfred Fürst von Montenuovo

Alfred Fürst von Montenuovo (*16.9.1854, †6.9.1927) war der letzte Obersthofmeister von Kaiser Franz Joseph.

Obwohl dieser selbst morganatisch zur Welt kam (seine Mutter war Erzherzogin Marie Louise (*12.12.1791, †17.12.1847)(ehem. Kaiserin von Frankreich/verehelicht mit Napoleon, dann mit Alfred Graf von Neipperg (*8.4.1775, †22.2.1829), welcher sein Vater war), hasste er Franz Ferdinand bis aufs Blut. 

Er machte Sophie das Leben am Wiener Hof zur Hölle.

Streute Gerüchte, ließ sie ihren minderen Stand spüren wo er konnte, sie durfte nicht am kaiserlichen Dinner teilnehmen und so weiter. Franz Ferdinand wehrte sich so gut er konnte und ließ Graf Montenuovo spüren wer der Herr im Haus sein werde. Montenuovo wusste, dass sein Dienst zu Ende war, würde Franz Ferdinand Kaiser werden. Vor diesem Tag fürchtete er sich.

Nun triumphierte Montenuovo und sah seine Macht und Rache gekommen. Und wieder ließ er seinen Hass an Sophie aus. Als Obersthofmeister hatte er es in der Hand, wie das Begräbnis abzulaufen hatte. Und er ließ ein „Begräbnis III Klasse“ daraus machen. Aber dazu etwas später. Noch sind die beiden Leichen in Sarajevo.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Schloss Artstetten, Franz Ferdinand Museum
Gipsabdrücke der Totenmasken von Erzherzog Franz Ferdinand und Fürstin Sophie

Die beiden Leichen wurden in den Konak gebracht. Um 11.00 Uhr konnte nur noch der Tod festgestellt werden. Sogleich ertönten die Totenglocken.