Das Kind von Gottes Gnaden – Kaiser Franz Joseph I.

Foto: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra
Erzherzog Franz, 1844 (14jährig)
(Kaiser Franz Joseph als Jugendlicher)
mit Sondererlaubnis aus dem k.u.k. Museum Bad Egart

Der smarte Karlheinz Böhm lässt Jahr für Jahr zahlreiche Frauen- und Männerherzen höher schlagen, wenn er als Kaiser Franz Joseph für seine Sissi (Romy Schneider) bei Schwiegermutter Erzherzogin Sophie einsteht.

Der schmachtende Blick, der rote Schmollmund, die dunkelblonden, akurat gescheitelten Haare und die Uniform. – Schmuck sah er aus, dass muss auch ich zugeben. Doch auch der echte Kaiser, war ein stattlicher junger Mann. Adrett, immer galant, höflich und von guter Figur.

Doch leider ist die bittere Wahrheit hinter der kitschigen Filmpassage so trist und traurig, dass mir mittlerweile die Filme, je länger ich meine Recherchen betreibe, vergangen sind.

Das zerbombte Wien der 50er Jahre, mag diese „Heile Welt“ der Kaiserzeit, die so gar nicht rosig war, gebraucht haben, um von ihrem Kriegsalltag als ehemalige Trümmerfrauen, KZ-Überlebende, Kriegsheimkehrer und Bombengeschädigte abzulenken.

Auf Social Media werden täglich duzende Fotos von der bittersüßen Romy als Sissi gepostet und natürlich darf der wildromantische Karlheinz als Kaiser nicht fehlen.

Doch wer war der echte Kaiser. Welchen Charakter hatte er? Wie wuchs er auf? Was machte ihn aus? Was steckte alles in ihm und was machte ihn zum Mythos?

All das versuche ich zu hinterfragen, zu beleuchten und herauszufinden. Ich begebe mich in die Katakomben der Bibliotheken, tauche ein in die Vielfalt der Bücher und des Internets, um auf längst vergessene Spuren zu gehen.

Herausgekommen ist eine 7teilige Reihe über den Mann, den wir

68 Jahre, 24.825 Tage

Kaiser von Österreich

nannten.

Und noch heute bekommen einige feuchte Augen, wenn sie an unseren alten Kaiser denken. Denn, dass es noch Kaiser Karl I (*17.8.1887, 1.4.1922) gab, verdrängen manche. Die 2 Jahre Amtszeit zählen für viele Leute nicht.

Ich beginne also wie immer am Anfang.

Die Kindheit von Erzherzog Franz(i) bis zum Thron

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzogin Sophie
Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzog Franz Karl

Erzherzogin Sophie lag zwei Tage und zwei Nächte unter höllischen Schmerzen in den Wehen, bevor die Zangengeburt eingeleitet werden konnte.

Um 9.45 Uhr am 18.8.1830 war es endlich so weit. Ein wunderschöner Bub wurde im Schloss Schönbrunn geboren.

Im Beisein ihrer geliebten Mutter Ex-Königin Caroline von Bayern (*13.7.1776, 13.11.1841), die sie immer noch so sehr vermisste, entband Sophie glücklich ein gesundes Kind. Der Beitrag zu Sophie kann hier gelesen werden.

Stammbaum Kaiser Franz Joseph, Fotos: Wikimedia/Commons, Stammbaum: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra (vormals Sternenkaiserin) 
Foto: Wikimedia/Commons
Königin Caroline von Bayern

Erzherzog Franz Karl (*7.12.1802, †8.3.1878) wartete derweil in einem der Nebenräume auf die Verkündung, ob es ein Erzherzog oder eine Erzherzogin sein würde. Der Beitrag zu Erzherzog Franz Karl kann hier gelesen werden.

Nach 6 Ehejahren und 2 Fehlgeburten, hatte das Kaiserreich immer noch keinen Thronfolger. Insgesamt hatte Sophie 11 Fehlgeburten zu beklagen.

Dieser wurde mit 101 Kanonenschüssen begrüßt.

Schon lange vor ihren Schwangerschaften suchte Sophie eine Aja (Kindermädchen) für ihr zukünftiges Kind. Empfohlen wurde ihr Louise Baronin von Sturmfeder (*3.10.1789, †10.9.1866) vom Außenminister Johann Philipp Graf von Stadion (*18.6.1763, †15.5.1824).

Baronin von Sturmfeder hatte keinerlei Vermögen, war unverheiratet, hatte aber Durchsetzungsvermögen, war überaus charmant, intelligent, hatte Witz und lernte sich, durch ihre schwierigen Familienverhältnisse, früh durchzusetzen. Genau das, was sie am Wiener Hof brauchte.

Als sie an diesen berufen wurde, wusste sie genau, worauf sie sich einlassen würde. Noch dazu war sie bereits 41 Jahre alt und eine im Leben stehende Frau.

Noch am Tag der Geburt wurde der kleine Erzherzog seiner Aja übergeben. Diese richtete sofort die Kindskammer ein.

In Adelskreisen war es nicht üblich den hohen Damen und Herren Kinder zuzumuten, die irgendetwas aus irgendwelchen Körperöffnungen wiedergeben konnten.

Foto: Wikimedia/Commons
Erzherzogin Sophie und ihr geliebter Sohn Franzi
ca. 2jährig
Bild: Joseph Stieler, 1832

Mit dem Kind wurde normalerweise nur pro Tag ein höchstens zwei Stunden Zeit verbracht – und da musste es frisch gewaschen, gewickelt, gepudert und gesäubert sein.

Sobald das Kind auch nur zum Jammern anfing, wurde es sofort aus dem Gesichtsumfeld der Königin, Kaiserin oder König oder Kaiser entfernt.

Eine rühmliche Ausnahme stellten hier Königin Caroline und ihr Mann König Maximilian I. Joseph dar. Diese hatten ihre Kinder gerne um sich.

Dies sollte sich sowohl auf Ludovika, als auch auf Sophie übertragen.

Sophie stillte – zur Überraschung aller – ihre Kinder selbst. Normalerweise wurde hierfür eine Amme ins Haus geholt.

Es ist umso verwunderlicher, dass sie dies ihrer Nichte und Schwiegertochter Elisabeth bei ihren Kindern verbot und diese durch den Milchfluss Höllenquallen zu durchleiden hatte.

Die Kindskammer bestand nunmehr aus einer Kindsfrau, einem Kindermädchen, zwei Leiblakaien, einer Kindsköchin, einem Kammerweib für das Kind, einem Kammerweib für das Kammerweib, und einer Küchenmagd.

Kaiser Franz II/I war begeistert von Baronin Sturmfeder und wies ihr in weiterer Folge die gesamte Kindskammer zu. Dies bedeutete die Aufsicht der Lakaien, Dienstboten, Ammen und den gesamten Hofstaat aller weiteren Enkel des Kaisers. Sie wurde in weiterer Folge nicht nur die Aja von Franzi, sondern auch von Maxi, Karl Ludwig, Anna und Luzi-Wuzi.

Sophie erholte sich nur langsam von der Zangengeburt. Die Ärzte hatten sie stark verletzt und den engsten Mitgliedern ihrer Familie im Vertrauen mitgeteilt, dass sie das Schlimmste befürchten.

Kaiser Franz II/I saß täglich drei Stunden bei seiner geliebten Schwiegertochter und versuchte sie wach zu halten, denn man sagte ihm, sie solle so wenig wie möglich schlafen. Es könnte sein, dass sie nicht mehr erwachen würde.

Obwohl Erzherzog Franz nicht direkter Thronerbe war, wurde er von Anfang an so erzogen.

Foto: Wikimedia/Commons
Kaiser Ferdinand I.
Foto: Wikimedia/Commons
Kaiserin Maria Anna

Kaiser Franz II/I Sohn, Ferdinand (*19.4.1793, †29.6.1875) wurde geistesschwach geboren. Er galt als schwerbehindert, obwohl er 5 Sprachen sprach.

Dennoch war er geistig so weit „intakt“, dass er den Thron besteigen konnte. Der zweite nach Ferdinand war direkt Franz Karl, also der Vater von Franz.

Ferdinand wurde er mit der überaus schönen und intelligenten Maria Anna Prinzessin von Savoyen (*19.5.1803, †4.5.1884) verheiratet, allerdings konnte aufgrund der mangelnden geistigen Verfassung die Ehe – zumindest wird davon ausgegangen – nicht vollzogen werden. Die arme Maria Anna ertrug diese Ehe mit stoischer Geduld und von Gott gegeben.

Dies war Voraussetzung genug für Sophie, ihren Sohn immer als Thronerben anzusehen und verlangte von allen umstehenden ihn schon von kleinauf mit „Erzherzog“ anzusprechen.

Die vertraute Anrede

„Mein Prinz“,

die Aja Sturmfeder liebevoll verwendete, wurde aufs äußerste und schärfste von Sophie kritisiert.

Sophie stellte so nicht nur sicher, dass die Baronin von Sturmfeder den Rang ihres Kindes kannte, sondern auch ihren eigenen.

Erzherzogin Sophie war Zeit ihres Lebens erpicht auf Adelsstand, Rang, Titel und das Ansehen in der Familie.

Die Taufe fand am Samstag, den 21.8.1830 statt.

Kaiser Franz II/I (*12.2.1768, †2.3.1835) war der Taufpate, weshalb der Bub die Namen

Foto: Wikimedia/Commons
Kaiser Franz II/I
Großvater von Erzherzog Franzi

Franz Joseph Karl

erhielt. Es waren dieselben drei Vornamen des Kaisers, zudem waren der erste und der dritte gleichzeitig auch die Vornamen des Vaters.

Über die Taufe ist folgendes überliefert:

„Freitag, 20.August 1830

Den andern Morgen um 12 Uhr war die Taufe. Ich musste mich schon um 10 Uhr frisieren lassen und hatte sehr viel zu tun. Der Kleine war ruhig und scheint, Gott sei Dank, recht gesund.
Er hat drei kleine Wunden auf dem Kopfe rückwärts, doch ist es nur oberflächlich. Ich hatte Marabous und silberne Kornähren auf dem Kopfe, ein Tüllkleid mit Silber gestickt und atlasnes Unterkleid, einen Manteau von weißem Gros de Berlin oder Gros de Naples, auch mit Silber gestickt, und ein schönes goldenes Kollier und Ohrringe, welche mir die Erzherzogin und Er geschenkt haben, und meinen neuen Orden an.
Um 12 Uhr zogen wir aus und kamen in der Taufe bereiteten Saal, ich mit den Damen der Erzherzogin hinter der Kinsky und diese hinter dem guten Goës, welcher das Kind trug, und zwei Kammerherrn, welche die Decke hielten. Da ich einen Fächer in der Hand hate und nicht meine Lorgnette, sah ich nichts. Der Kaiser, die Kaiserin, alle Erzherzoge, alle Damen und Herren strahlten von Diamanten und Edelsteinen. Als das Tedeum anfing, wurde der Kleine in sein Zimmer transportiert.“ (1)

Auch hier muss ich leider erwähnen, dass in sämtlichen Biografien über den Kaiser das Wort „andern Morgen“ falsch interpretiert wurde und die Taufe regelmäßig von Kaiser Franz Joseph für den 20.8.1830 angegeben wurde.

Korrekt ist aber: Kaiser Franz Joseph wurde am 21.8.1830 getauft. Das Wort „andern Morgen“ heißt aber nichts anderes, als, dass am nächsten Morgen die Taufe stattfand, also

am Samstag, den 21.8.1830.

Danach erzählte Aja Sturmfeder folgendes:

„Nun bin ich Tag und Nacht hier in seinem Zimmer, nur von 2 bis 3 bin ich bei mir, um zu essen und mich anzuziehen. Wenn er bei Tage trinkt, trage ich ihn meist hinein, bei der Nacht schenke ich es mir. Gesagt hat mir niemand etwas, ich mach es, wie es mir gutdünkt, bis mir etwas anderes gesagt wird. Hätte ich meine Leute neben mir, so wäre es ganz bequem, so aber wohnen diese auf einer ganz anderen Seite und ich mus ihnen immer eine Stunde bestimmen, was bei einem so kleinen Kinde so schwer ist.
Sein Zimmer ist gerade neben dem der Erzherzogin, dann kommt ein langes Zimmer. Aus diesem habe ich mittels zweier spanischer Wände ein Schlafzimmer, Salon und Antichambre für mich gemacht. Meist besucht der Kaiser und die Kaiserin das Kind zweimal des Tages. Dann kommt die Königin, der Erzherzog und alle anderen Hoheiten. Ich bin nie vor einem Überfall sicher.
Sein Kopf macht mir die größten Besorgnisse. Die Ärzte, vier an der Zahlen, sagen, es habe nichts zu sagen, ich bin noch nie -, Da wurde ich wieder gestört und weiß nun nicht mehr, was ich sagen wollte.
Alle Viertelstunden, Tag und Nacht werden Umschläge auf das arme Köpfchen gemacht, ob es da zu tun und nachzuschauen gibt, könnt Ihr Euch denken.“ (2)

Die Erziehung war sehr streng. Erzherzog Franz hatte wenig Chance sich zu entwickeln, wurde eher ge- und vorgeführt.

27. August 1830
„Meine gute Schwestern!
Meine Tage sind mit Geschäften ausgefüllt und gar oft bis zur Ermattung überhäuft. Das Hauptgeschäft, die Pflege des Kindes, ist mir durch einen unseligen Krieg, der zwischen Doktoren, Accoucheurs, Hebammen und Kindsweibern existiert, sehr erschwert, besonders da ich sehe, daß es bei der Art, wie es behandelt wird, nicht recht gedeiht. Aber man muß Geduld haben. Nun, nachdem die neun Tage herum sind, ist nachts sein Arzt [nicht] mehr bei uns, seitdem schlafe nur ich bei dem Kleinen im Zimmer, früher war ich in dem Zimmer daneben; weil [als] der Doktor da war von abends bis früh, habe ich nicht darin schlafen wollen. Der Kleine selbst stört mich wenig, aber die steten hohen Besuche!
Das ist zum sechstenmal, daß ich an diesen Zeilen anfange und Ihr müßt Euch nicht wundern, wenn kein Zusammenhang ist. Morgens um 1/2 7 Uhr kommt der Erzherzog schon, da stehe ich oft im Hemde hinter der Spanischen Wand und rufe ihm zu, wie die Nacht war. Wenn ich dann mit unendlicher Mühe und Unterbrechungen in irgend einer Ecke eine anständige Morgentoilette gemacht habe, dann kommt Er wieder und nach und nach vier Doktors. Da wird das Kind gebadet, sein armer blessierter Kopf verbunden. Vor oder nach 9 Uhr kommt die gute Kaiserin und der Kaiser, später die Königin und die Prinzeß Marie. Diese gehen nun ab und zu. Dann wird der Kleine zur Erzherzogin getragen und seine Zimmer, es sind nur zwei, gelüftet. Da bin ich nun oft bis 1/2 1 Uhr drinnen bei der Frau Erzherzogin, manchesmal allein, oder mit ihren Damen, oder wieder mit [den] Hoheiten, die sie besuchen, nachher lasse ich mir die Haare machen, dann bin ich eine Stunde allein bei dem Kleinen, dann esse ich. Um 3 Uhr komme ich wieder herunter. Gegen 4 Uhr kommen die Herrschaften abwechselnd. Gegen Abend kommt der gute Kaiser. Meist noch einmal zwischen 6 und 7 Uhr kommen wieder die Doktors. Da wird wieder verbunden und Toilette gemacht und dann gehen wir zum letztenmal zur Erzherzogin zum Trinken. Dies führt uns nun, bis wird ganz in Ruhe und Ordnung sind, bis 8, 1/2 9 Uhr. Da lege ich mich dann auch gar herzlich gerne schlafen, aber gegen 9, 1/2 10 kommen immer noch Besuche.
Neulich glaubte ich, es käme niemand mehr und gab meiner Trägheit nach. Kaum lag en chemise, denn esist in unserem Zimmer eine Hitze zum Verschmachten, den Haarzopf hintergeschlagen in dem Bette, da kam die Kaiserin, Königin und Prinzeß Marie in das -Zimmer! 30 Tassen hollundertee hätten die Wirkung nicht hervorbringen können, welche dieser hohe Besuch veranlaßte. Prinzeß Marie, welche sich vermutlich dachte, in welcher Pein ich sein müsse, rückte das Paravent so nahe vor mich als möglich, indem Sie sagte: „Ich will barmherzig sein.“
Die Königin sagte: „Machen Sie sich gar nichts daraus“ und fragte, ob ich ohne Haube schliefe. Die Kaiserin klopfte an die Wand und sagte: „Ich sehe gar nichts.“ Sie hatte heute den Kleinen auf den Arm. Als ich Sie fragte, ob Sie nicht müde sei, sagte Sie mir, „ein Kind macht mich selten müde, j’ai la passion de enfants und das von meiner frühestens Jugend an. Ich konnte mir nie ein größeres Glück denken, als Kinder zu haben und darum hatte ich nie welche, car ce qu’on désire trop, le bon Dieu ne nour l’accorde pas.“
Es ist mir immer eine wahre Freude, wenn Sie ins Zimmer kommt, diese Güte, Herzlichkeit und Lebhaftigkeit ist einzig.

(3)

Anmerkungen Petra:

Wörter in [] hinzugefügt, da sie fehlten
Accoucheurs: Geburtshelfer
j’ai la passion de enfants: ich habe eine Leidenschaft für Kinder
car ce qu’on désire trop, le bon Dieu ne nour l’accorde pas: Denn was man zu sehr begehrt, das gewährt einem der liebe Gott nicht.

Übersetzungen aus dem Französischem: Petra

Doch nicht nur, dass Franzi vorgeführt und an ihm herumgedoktert wurde, so durfte er keinerlei Kontakt zu Kindern haben.

Dazu wieder Baronin Sturmfeder:

Auf dem Spaziergang begegneten wir der Gräfin Tige mit ihren Kindern. Die Kinder umringten sofort den kleinen Erzherzog und nahmen ihn bei den Händen und führten ihn. Ich hatte keine Ahnung, daß dies nicht ganz konvenabel sei… Plötzlich aber begegneten wir dem Herrn Erzherzog und der Frau Erzherzogin und an dem Tone, mit welchem mich die Frau Erzherzogin frug: Mit wem geht denn da der Kleine?, erkannte ich sofort, daß ich einen Verstoß gegen die Etikette begangen habe…“(4)

Foto: Schloss Schönbrunn
Franz (Joseph) als 3jähriger im weißen Hemd mit Bärenfellmütze, Tornister, Gewehr und Spielzeugsoldaten vor dem Schreibtisch seines Großvaters Kaisers Franz II/I

Franzi wurde abgeschottet und durfte mit anderen Kindern nicht spielen.

Er wurde deshalb intern

„Gottheiterl“

genannt, was leider später Franz Joseph große Probleme bereiten sollte.

Sowohl Sophie als auch die Aja führten penibel Tagebuch über jeden Fortschritt, weshalb die Kindheit von Kaiser Franz Joseph sehr genau detailiert ist.

Auch nach Franz Joseph hatte Sophie wieder eine Fehlgeburt, weshalb sie sich noch mehr an Franzi klammerte.

Sogar offizielle Besuche vergaß sie oder hatte kaum ein Ohr für diese. Sie spielte mit Franzi und vergaß dabei alles um sich herum.

Desto unverständlicher ihr späteres Vorgehen bei Kaiserin Elisabeth, als sie versuchte diese von ihren Kindern fernzuhalten.

Franzi selbst wurde herumgereicht und -gezeigt, so dass der Aja Sturmfeder oft Angst und Bang wurde. Dazu notierte sie in ihr Tagebuch:

„Ich finde, daß mein kleiner Erzherzog anfängt schlimm zu werden. Was soll ich dagegen machen, bei einem Kinde von fünf Monaten?“ (5)

Danach wurde der kleine Bub wieder isoliert, damit dem von

„Gottes Gnaden geborenen Kind“

niemand zu Nahe kam.

Franzi galt anfänglich als jähzornig und Sophie wusste sich kaum zu helfen. Sie notierte:

„Ich hatte gerade eine Szene mit Franzi, der – in einem Anfall von Zorn – mir einen Schlag versetzte, den ich ihm zurückgab… indem ich ihm auf die Hand klopfte. Dem folgten Schreie, Weinen und Schluchzen und es dauerte lange, bis er sich entschloss, mir die Hand zu küssen und um Verzeihung zu bitten; jetzt speist er – aber das Gewitter pocht ständig im Stillen; er ist manchmal sehr heftig der kleine Herr, und man wagt nicht, ihm das durchgehen zu lassen.“ (6)

Oft sah der Kleine, eingesperrt in seinem Zimmer, den Offizieren vor seinem Fenster beim Exerzieren zu.

Im Alter von knapp 2 Jahren konnte er die Uniformen der Regimenter auseinanderkennen.

Mit 3 Jahren kannte er alle Abzeichen und Farben der Regimenter. Das Militär sollte Zeit seines Lebens seine Passion bleiben.

Im Alter von 4 Jahren musste Erzherzog Franz am ersten Familiendinner teilnehmen und durfte zwischen dem Kaiser und der Kaiserin, also seinen Großeltern, sitzen.
Seine Mutter gab ihm Instruktionen was er während des Dinners essen durfte und zu sprechen habe. Sobald der Kaiser zu Essen aufhörte, musste auch der kleine Bub Messer und Gabel zur Seite legen.

Mit 5 Jahren lernte er Lesen und Schreiben, denn laut Sophie war Franz Joseph etwas Besonderes.

1835 bekam er zu Weihnachten eine Kürassieruniform. Weiters spielte er mit Zinnsoldaten und anderem militärischen Spielzeug. Als Geschenke zu diversen Anlässen bekam er Uniformen, mehrere Miniaturwiedergaben der Burgwache und eine Waffe.

Als Franz Joseph 5 Jahre alt war, starb sein Großvater Kaiser Franz II/I (*12.2.1765, † 2.3.1835).

Kaiser Ferdinand I. (der Gütige) erbte den Thron. Kaiser Ferdinand I, Onkel von Franzi galt als Schwachsinnig und hatte sehr häufig epileptische Anfälle.

Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein (*15.5.1773 in Koblenz, † 11.6.1859 in Wien) sollte von nun an den kleinen Franzi prägen.

Als man von Schloss Schönbrunn zurück in die Wiener Hofburg zog, wurde Louise schlagartig bewusst, dass sie hier nicht so große Räume zu erwarten hatte, wie im Sommerschloss.

Gerade die Geruchs- oder Lärmbelästigung wurde für die arme Frau ein enormes Problem.

Geht man heute durch Schloss Schönbrunn oder die Wiener Hofburg, sehen wir natürlich nur die Prunkräume und kommen aus dem Staunen nicht heraus.

Die Dienstbotenzimmer sind leider immer noch nicht zugänglich und werden nur in Sonderschauen geöffnet.

Ich durfte einmal „Hinter die Kulissen“ von Schloss Schönbrunn schauen und bin wahrlich erschrocken über Räume wo man die Dienstboten geradezu hineinpferchte. Wer jemals schon in alten Hotels die Diensträume des (heutigen) Personals gesehen hat, wird wissen was ich meine.

Stockbetten, kaum Raum für sich, da 5-10 Damen oder Herren schliefen in einem Raum. Wer Glück hatte und schön untergebracht war, hatte sogar einen eigenen Kasten zur Verfügung. Der Rest, wie natürlich Tisch, Stühle und Badezimmer, was aus einer Waschkanne und Lavour bestanden hatte, wurde geteilt. Oft musste ein Lavour Wasser für mehrere Menschen reichen. Die hygienischen Bedingungen waren auch im 19. Jahrhundert nicht die Besten.

Zur Zeit von Marie Antoinette waren Läuse an der Tagesordnung, weshalb man überall Nadeln zur Hand trug. Diese dienten zum Kratzen unter den Perücken, da das Haupthaar, nur 1x im Jahr gewaschen wurde.

In Versailles wurde literweise Parfum oder Duftwasser verteilt, damit der Gestank der Adeligen nicht zur riechen war. Nicht nur das Volk hatte sich damals nicht gewaschen, sondern auch die Adeligen.

Die Hollywood Filme, von der „badenden Marie Antoinette“ oder „Madame Pompadour mit weißen Zähnen, im Bad stehend, die sich von ihren Zofen waschen lässt, da sie den König erwartet“, ist also wieder einmal reinste Erfindung. Aber ich schweife ins falsche Jahrhundert ab.

Dennoch waren auch die hygienischen Bedingungen im 19. Jahrhundert noch nicht allzu fortgeschritten. Fließendes Wasser gab es erst gegen Ende es Jahrhunderts und nur von Kaiserin Elisabeth kannte man es am Wiener Hof, dass sie sich täglich wusch oder badete und das wurde mit schrägen Augen beäugt.

Louise von Sturmfeder gibt uns wieder das vollständige Bild der Einrichtung „hinter den Kulissen“ der Wiener Hofburg.

„20.10.1830
Unser Quartier liegt in der Mitte zwischen dem des Kaisers und der Kaiserin und dem des Erzherzogs und der Erzherzogin. Von dieser Seite trennt uns ein großer Saal, dann kommt ein kleines Zimmer mit einem Fenster, worin ein Kanapee und einige rote Stühle und braune Tische stehen, dann kommt ein recht hübscher großer blauer Salon oder Zimmer it zwei Fenstern. Die Möbel sind braun, mit recht hübschem blauem Kattun und bestehen aus einer Chaiselongue, einem Mitteltisch, dem Bett des Kleinen (ein Korb, gerade wie Deinem Fritzl seiner), meinem Bette, einem porzellanenen Ofen, dem Bette der Kindsfrau und zwei Kommoden, dann kommt wieder ein Zimmer (worin ein kleiner Herd ist), in welchem die Amme und das Kammerweib und Extraweib hausen, dann noch ein Zimmer, worin das Kindsmädchen schläft, in welchem die Leute essen, sich anziehen und sich retirieren, wenn zu viele Herrschaften bei dem Kleinen sind. Zwischen meinem Bette und dem Ofen ist eine Tapetentür, welche immer auf ist, durch welche man in ein gelbes Zimmer, welches zur Hälfte frei ist, kommt. Die andere Hälfte ist wieder durch eine spanische Wand und einen viereckigen Glasverschlag abgeteilt. Hinter der spanischen Wand steht ein Waschtisch und noch ein Möbel und in dem viereckigen Glaskasten steht ein Kanapee, mein Schreibtisch, ein viereckiger, eine Toilette, ein Sessel und zwei Stühle. Die Aussicht gegen das große Tor, welches nach Schönbrunn führt, rechts der Volksgarten. (7)

Anmerkungen Petra:
Da dieser Text für so manchen vielleicht schwer zu verstehen ist, erkläre ich einige Dinge. Da sich das hier angehäuft hätte, hätte ich bei jedem Wort „Anmerkung Petra“ hinzugeschrieben, wäre es unübersichtlich geworden. Deshalb hier die Liste:

– Unser Quartier = Baronin Sturmfeder und Erzherzog Franzi wohnten zusammen

– Kaiser und Kaiserin: gemeint waren Kaiser Franz II/I (Großvater von Franz, Vater von Erzherzog Franz Karl) und Kaiserin Karolina Augusta, dessen 4. Ehefrau

– Kanapee: 2sitziges Sofa; heute würden wir Couch sagen

– Kattun: dichtes Baumwollgewebe

– retirieren: veralterter Ausdruck für „sich zurückziehen“. Oft in Verwendung beim Toilettengang. Hier wird es tatsächlich als Rückzugsort für das Personal verwendet. Ein Gemeinschaftsraum sozusagen

– spanische Wand: Paravent (gibt es heute wieder)

Foto: Hofmobiliendepot.at
Erzherzog Ferdinand Maximilian „Max“ als Kind

Am 6.7.1832 kam Erzherzog Ferdinand Maximilian, genannt Max(i), zur Welt und Aja Louise hatte alle Hände voll zu tun. Erklärtes Lieblingskind von Louise blieb aber Franzi.

Bei Sophie sah die Welt durch Max plötzlich anders aus. Max wurde ihr Lieblingskind, was sich auch bei dessen Erziehung niederschlug.

Franz Joseph wurde weiterhin dressiert und vorgeführt.

Max hingegen hatte die große Freiheit sich selbst zu entfalten und durfte Streiche spielen.

Der Graben zwischen den Brüdern hätte nicht tiefer sein können und wurde auch im Erwachsenenalter nicht behoben. Im Gegenteil. Der einzige der nicht bettelte, als Max nach Mexiko ging, war Kaiser Franz Joseph. Als dieser erschossen wurde, war es ebenfalls Franz Joseph, der kaum eine Trauer verspürte, sehr zum Kummer seiner Mutter.

Am 1. Todestag kondulierte der gesamte Wiener Hof der noch immer tief vom Tod getroffenen und gezeichneten Sophie. Nur Kaiser Franz Joseph vergaß das Datum. Tief gekränkt notierte Sophie diese Schmach in ihrem Tagebuch.

Die beiden hatten sich als Kinder kaum etwas zu sagen und als Erwachsene noch viel weniger.

Die Eifersucht saß auch deshalb tief, da Max beim Wiener Volk sehr beliebt war. Er galt als besonders hübsch, eloquent, red- und leutselig, volksnah, repräsentativ und fähig ein Land zu regieren.
Alles Eigenschaften, die man, vor allem dem jungen Kaiser (bis auf das Aussehen) nicht nachsagte.

Während Maxi seine Freiheit genoss, hatte Franzi Drill zu erwarten. Und dieser setzte sehr früh ein. Schon als kleiner Bub wurde er in die Militäruniform gezwängt, mit 13 bekam er ein eigenes Regiment zum Geburtstag geschenkt. Mit diesem wurde er zum „Oberstinhaber des Dragonerregiments Nr. 5“

18. August 1843 – Ischl

„Dies war mein 13ter Geburtstag. Eine Überraschung war mir vorbereitet. Als aber die Thüre zum Zimmer, in welchem meine Geschenke lagen, geöffnet wurde und Mama und Papa mich hinein führten und ich die Dragoneruniform auf dem Tisch liegen sah, war meiner erster Gedanke die Uniform sey nur ein Spielzeug, doch gleich errieth ich mit der größten Freude, daß es Wirklichkeit sey. Es freute mich besonders daß ich ein Cavallerieregiment bekommen hatte und unter der Cavallerie ein Dragonerregiment, da mir die deutsche Cavallerieoffizier Uniform immer besonders gefallen hatte. Doch hätte ich die edle Uniform eines Cuirassierobersten vorgezogen.“ (8)

Am 30.7.1833 († 19.5.1896) kam Erzherzog Carl Ludwig, am 27.10.1835 (†5.2.1840) kam Erzherzogin Maria Anna Karolina Pia, genannt „Ännchen“ und am 15.5.1842 (†18.1.1919) Erzherzog Ludwig Victor genannt „Luzi-Wuzi“ zur Welt.

Der große Liebling der Familie „Ännchen“, das gleichzeitig auch das einzige Mädchen unter den Buben war, starb in den Armen ihrer gramgebeugten Mutter. Das Nesthäckchen Luzi-Wuzi lernte Ännchen nie kennen. Hier die Geschichte zu Ännchen. Der Beitrag zum Leben von Luzi-Wuzi kann hier nachgelesen werden.

Karl Ludwig, Maria Anna und Nesthäckchen Luzi-Wuzi wurden ebenfalls von Baronin Sturmfeder übernommen. Karl Ludwig ist „nur noch ein Mitläufer“, was dazu führt, dass er massive schulische Probleme und seine Privatlehrer es besonders schwer mit ihm hatten.

Foto: Albertina.at
Erzherzog Franz Joseph, Erzherzog Ferdinand Maximilian, Erzherzogin Maria Anna, Erzherzog Karl Ludwig und angeblich Erzherzogin Sophie
Anmerkung Petra: sieht man sich aber Lithographien oder Bilder von Baronin Sturmfeder an, sieht die erwachsende Person wie die Aja und nicht wie Sophie aus.
Aquarell: Peter Fendi
„Andachtsübung“

1836 wurde ein einschneidendes Jahr für Franz Joseph. Er musste sich auf Geheiß von Fürst Metternich und seiner Mutter Sophie von seiner geliebten Aja trennen. Dieser Prozess hinterließ tiefe Narben in dem kleinen Kinderherz.

Sein Erzieher wurde Heinrich Franz Graf von Bombelles (*26.6.1789 in Versailles, † 31.3.1850 in Savenstein). Ihm zur Seite gestellt wurde Johann Baptist Alexius Graf Coronini von Cronberg (*16.11.1794 in Görz, † 26.7.1880 in Görz).

Bombelles und Coronini lagen ab diesem Zeitpunkt oft im Streit. Der Schwerpunkt der Erziehung lag auf Pflichtgefühl, Religiosität, Sprachen, Zeichnen (Franz Joseph war überaus begabt), Musik (mochte er weniger), Leibeserziehung, Offiziersausbildung und Politik.

Foto: Wikimedia/Commons 
Johann Baptist Alexius Graf Coronini von Cronberg
Lithographie: Josef Kriehuber, 1853

Im einzelnen sah das so aus:
Sprachen: Deutsch, Französisch (die damalige Amtssprache), Ungarisch, Tschechisch, Italienisch, Polnisch, Latein und Altgriechisch.

Als Leibeserziehung verstand man: Schwimmen, Reiten, Fechten, Turnen und Tanzen (er galt Zeit seines Lebens als famoser Tänzer und war bei den Damen als Tanzpartner äußerst begehrt).

Foto: Wikimedia/Commons 
Heinrich Franz Graf von Bombelles
Lithographie: Josef Kriehuber, 1851

In Politik wurde Franz Joseph von Metternich persönlich gelehrt.

Er sollte das weltfremde Denken des alten Fürsten übernehmen. Metternich versuchte Franz Joseph politisch zu beeinflussen, prahlte aber mit seinen eigenen Taten so derartig, dass ein Wirken bei dem jungen Erzherzog fehl schlug.

Coronini galt als liberal, steif und unnahbar. Bombelles galt als erzkonservativ und ultrareligiös. Beide Lehrer hassten sich wie die Pest, was sich unweigerlich auf die Buben übertrug. Bombelles wurde dennoch der erklärte Liebling von Carl Ludwig. Ihn beeinflusste er am meisten.

Sophie hatte die Angewohnheit bei den Unterrichtsstunden anwesend zu sein und notierte penibel jede Note und jedes Vergehen der Kinder.

Der Tag von Franz fing um 7.00 Uhr morgens an und dauerte bis um 20.00 Uhr abends.
Der Unterricht fand in 30 Minuten, 60 Minuten oder 90 Minuten Einheiten statt.
Zu Mittag wurde ein 2stündiger Spaziergang eingeplant, sowie 1 Stunde Mittagessen und 1 Stunde Ruhezeit.
Die Leibeserziehung fand vor dem Abendessen – um 19.00 Uhr – statt.

Foto: Österreichische Nationalbibliothek
Erzherzog Franz Joseph, 1838

Im Sommer wurden die Stunden im Freien angepasst, je Älter die Buben wurden, desto mehr Lehrpensum musste erfüllt werden. Das da nicht viel Raum für freie Entfaltung blieb, wird jedem klar sein. Franz Joseph wurde gedrillt.

Sein Umgang mit dieser Erziehung zeigte in späteren Jahren seine Wirkung. Er tat sich mit dem Small Talk schwer, konnte keine Unterhaltung führen und hatte Zeit seines Lebens große Probleme Gefühle oder zwischenmenschliche Emotionen zu zeigen.

Er zeigte in allem ständig Contenance und ließ keinerlei Regung zu. Empathie für Menschen oder Situationen einzuschätzen fiel ihm Zeit seines Lebens schwer.

Bereits mit 7 Jahren hatte er 32 Wochenstunden zu absolvieren.

Mit 16 Jahren fing sein Tag um 6.00 Uhr morgens an und hörte um 21.00 Uhr abends auf.

Der junge Erzherzog war ein gelehriger Schüler, der sich kaum Kritik zu äußern traute.

Er notierte 1843 in sein Tagebuch:

Die statistischen Lectionen des Herrn Fränzel unterhalten und intereßieren mich, die griechischen von Abbé Kis finde ich langweilig und unintereßant, mir thut es auch leid, diese Sprache lernen zu müssen, da man meistens sagt, es sey unnötig.“ (9)

Am 3.9.1843 kam es zu einer folgenschweren Begegnung. Der 13jährige Franz Joseph und die 5jährige Herzogin Elisabeth nahmen kaum Notiz voneinander und doch gingen sie 10 Jahre später in die Geschichte ein – und tun es heute noch.

Foto: Wikimedia/Commons
Elise, Gackel und Bummerl
also Herzogin Elisabeth, Herzog Carl Theodor und Hund Bummerl

„3. September – Sonntag“

Wir frühstückten mit der Tante Louise, der Helene, der Elise und dem sehr netten aber fast verzogenen Kakl. Um 10 Uhr gingen wir in die dumpfe Kapelle, um die Messe zu hören, wo mir übel wurde, so, daß man mich aus der Kapelle zu einem offenen Fenster tragen mußte, wo mir wieder gut wurde; darauf legte ich mich auf das Bett. Um 12 Uhr fischte ich und Grf. Bombelles mit dem Herzog Max, wobey wir 20 Birschlinge und Weißfische fingen.“ (10)

Anmerkungen Petra:
Elisabeth wurde bis zu ihrem 14ten Lebensjahr „Elise“ genannt, dann erst wurde sie von Ludovika in Sisi umbenannt.
Franz Joseph hatte als Kind Rechtschreibprobleme. Kakl = Gackel und somit Carl Theodor; der Lieblingsbruder von Elisabeth

Franz Joseph klagte des Öfteren auf Grund des hohen und strengen Tagespensums unter Kopfschmerzen, Übelkeit und zeitweilig unter Erbrechen. All das wurde ignoriert und der junge Erzherzog und seine Brüder wurden weiter diszipliniert.

Im letzten Ausbildungsjahr 1847/48 bekam Franz Joseph noch eine juristische Ausbildung.

Metternich wählte dafür einen extrem konservativen erzkatholischen Juristen aus, den Sophie aber ablehnte. Statt dessen übernahm Johann Baptist Freiherr von Pilgram (*24.6.1780, †30.5.1861) diese Aufgabe. Politik allerdings wurde weiterhin von Metternich persönlich instruiert.

Foto: Schloss Schönbrunn
Erzherzog Franz Joseph I. Lithografie,

Als letzten Schliff vor der Entlassung ins „Leben“ beging Franz Joseph in Begleitung seiner Brüder und Erzieher mehrere Bildungsreisen innerhalb und außerhalb der Monarchie.

Auch hier wurde ein straffer Zeit- und Reiseplan eingehalten. Man passierte viele Orte, Städte und traf allerhand Bürger und das gemeine Volk.

Auf einer dieser Bildungsreisen traf Franz Joseph Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky (*2.11.1766, 5.1.1858). Auch nach Mariazell führte ihn sein Weg. Franz Joseph war nun also bereit seinen späteren „Beruf“ auszuüben.

Foto: Wikimedia/Commons
Graf Radetzky

Als er 1848 von der letzten Reise heim kam, fand ein einschneidendes Erlebnis statt.

Die Bürger Wiens hatten das strenge Regime von Metternich satt. Die Arbeiter vegetierten unter schrecklichen Bedingungen vor sich hin, es herrschte Not in allem.

Die Bauern hatten immer noch mit der Grundherrschaft zu kämpfen und mussten fast alles an diese abgeben.

Zu dem wurden die Bürger bespitzelt, die Handwerker fürchteten einen Abstieg ins Proletariat, weil die Industrialisierung einsetzte. Die Lebensmittel wurden verteuert, was bereits 1847 zu Hungerrevolten führte. Immer mehr befürchtete man eine 2te Revolution, wie sie in Paris 1830 stattfand.

Im März 1848 kam es dann tatsächlich zu einem ersten Handgemenge und zu den ersten Todesopfern, da Erzherzog Albrecht in die Menge schießen ließ.

Metternich floh mit seiner Frau aus Wien nach Feldsberg und suchte fieberhaft nach einem Exil.

Kaiser Ferdinand samt Familie und Erzherzogin Sophie samt Familie flohen nach Innsbruck.

Im August kam die Familie von Innsbruck zurück und hoffte auf Beendigung der aufständigen Wiener und Ungarn.

Im April kam Sophie samt Familie kurz zurück, da sie Ostern im Prater verbringen wollte und ließ dort Ostereier verstecken. Die herrschende Ruhe war allerdings trügerisch.

Schon im Mai kam es zu den nächsten Unruhen und Sophie ließ ihre Diamanten einpacken und begann wichtige Dokumente zu verbrennen. Sie floh erneut und nahm mit schwerem Herzen Abschied von Wien.

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Hans Kudlich
Foto: Wikimedia/Commons
Franz Philip Graf Lamberg

Am 24.7.1848 wurde von Hans Kudlich (*25.10.1823, 10.11.1917) der Antrag auf Aufhebung der bäuerlichen Untertänigkeitsverhältnisses gestellt. Es folgten lange und zähe Verhandlungen, denen jedoch stattgegeben wurde und am 7.9.1848 in Kraft traten.

Obwohl in Europa mittlerweile eine Konterrevolution erstarkte, galt Wien und Ungarn weiterhin als aufständisch. Am 28.9.1848 wurde Franz Philipp Graf Lamberg (*30.11.1791, 28.9.1848) in Pest ermordet.

Kriegsminister Latour befehligte deshalb den Abmarsch der Truppen nach Ungarn.

Foto: Lessing Archive
Theodor Graf Baillet de Latour
Bild: Johann Christian Schoeller
Anmerkung Petra: ganz korrekt ist das Bild nicht; da Latour „nackt“ gelyncht wurde

Am 6.10.1848 wurde Theodor Graf Baillet de Latour (*15.6.1780, 6.10.1848) aus dem Zeughaus gezerrt, ausgezogen und auf der Laterne „Am Hof“ gelyncht und öffentlich zur Schau gestellt.

Auf Grund der Nähe zur Hofburg und des Mordes an einem Adeligen floh Kaiser Ferdinand I. und seine gesamte Familie erneut. Diesmal führte der Weg nach Olmütz.

Schon seit 1847 haben Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Karl auf eine Abdankung Kaiser Ferdinands I. hingearbeitet.

Angeblich gab es eine Vereinbarung, die besagte, dass Franz Joseph I. an seinem 18. Geburtstag 1848 den Thron übernehmen sollte.

Foto: billerantik
Kaiser Franz Joseph, 1848

Am 6.10.1848 wurde der Machtwechsel in einem größeren Kreis diskutiert; mit dabei viele regierende Minister die später eine prägende Rolle für Kaiser Franz Joseph I. einnehmen sollten.

Franz Joseph selbst resigierte auf den Machtwechsel mit Übelkeit und musste sich mehrmals übergeben.

Obwohl in der Rangfolge sein Vater auf Kaiser Ferdinand I. folgen sollte, wirkte Sophie solange auf ihren Mann ein, bis dieser nachgab und den Weg für seinen Sohn freimachte.

Am 2.12.1848 war es soweit. Kaiser Franz Joseph I folgte auf den Thron. Zuvor musste Kaiser Ferdinand I. seine Abdankung vorlesen, was er mit leiser zögerlicher Stimme tat.

Kaiser Ferdinand I. notierte in sein Tagebuch:

„Die Funktion endete damit, daß der neue Kaiser von seinem alten Kaiser und Herrn, nämlich vor mir kniend um den Segen bat, welchen ich auch unter Auflegung der Hände auf seinen Kopf und Bezeichnung mit dem heiligen Kreuz gab, ich ihn dann umarmte und er mir die Hand küsste. Und auch meine liebe Frau umarmte und küßte unseren neuen Herrn, dann entfernten wir uns in unsere Zimmer…“ (11)

Foto: Wikimedia/Commons
Krönung von Kaiser Franz Joseph in Olmütz

Die Zeremonie fand heimlich im engsten Vertrautenkreis in Olmütz statt.

Wie schon sein Leben zuvor, bestimmte auch Sophie den Namen des Kaisers. Er sollte einzigartig sein. Und so wurde er der einzige Kaiser im gesamten Habsburg-Reich mit einem Doppelnamen.

Franz Joseph I.

 

Der gesamte Titel lautete:

Franz Joseph der Erste, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Hungarn und Böhmen, König der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illirien; König von Jerusalem etc., Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und der Bukowina; Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara; Gefürsteter Graf von Habsburg von Tirol, von Kyburg, Görz und Gradiska; Fürst von Trient und Brixen; Markgraf von Ober- und Nieder-Lausitz und in Istrien; Graf von Hohenembs, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc.; Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark. (12)

Foto: Dorotheum  Wien
Kaiser Franz Joseph
Gemälde nach Eduard Klieber, 1851

– Petra –


Rechtliche Hinweise:
Textrechte: Petra
Stammbaum: mythoskaiserinelisabeth.com – Petra (vormals sternenkaiserin)  
Bildrechte: Schloss Schönbrunn BetriebsgmbH, Österreichische Nationalbibliothek, Heeresgeschichtliche Museum Wien, billerantik, Dorotheum Wien, Albertina, Lessing Archive, Hofmobiliendepot


Literarische Hinweise:

1 – S.31, 2 – S.32, 3 – S.34, 7 – S.35
Die Kindheit Unseres Kaisers
Briefe der Baronin Louise von Sturmfeder
Aja Seiner Majestät Aus den Jahren 1830 – 1840
Bearbeitet von Anton Weimar
Gerlach & Wiedling Verlag, Wien, 1910 (nur noch antiquarisch erhältlich)

8 – S.16, 9 – S.60, 10 – S. 34
Anna Maria Sigmund
Die verschollenen Tagebücher Franz Josephs
Böhlau Wien Verlag, 1999, 1.Auflage (nur noch antiquarisch erhältlich)

Gudula Walterskirchen
Der Franzi war eim wenig unartig
Hofdamen der Habsburger erzählen
Residenz Verlag, 1. Auflage 2013 (nur noch antiquarisch erhältlich)

Ingrid Haslinger
Erzherzogin Sophie – Eine Biografie nach den persönlichen Aufzeichnungen der Mutter Kaiser Franz Josephs
Residenz Verlag, 2016, 1. Auflage

12 – S. 75
Michaela und Karl Vocelka
Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn
C.H.Beck Verlag, 1. Auflage